Wie wir künftig leben werden
Sollten die Vorhersagen vieler Ökonomen eintreffen, würde passieren, was die Kritiker der Industriegesellschaften und radikale Ökologisten schon lange gefordert haben: Das Wirtschaftswachstum flacht ab, Massenmobilität, Produktion und Konsum gehen rapide zurück. Doch nun kommen vielen Experten Zweifel, ob ein Streben nach Wachstumsverzicht der richtige Weg ist, um die grossen ökologischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern. Oder ob es nicht sinnvoller wäre, die gegenwärtige Krise zu nutzen, um effizientere Techniken voranzutreiben, die den Verbrauch fossiler Energien weiter senken, und nach weiteren Wegen zu suchen, die das Leben künftig prägen.
Die Skeptiker stützen sich dabei auf eine Beobachtung der letzten Jahre und Jahrzehnte: Wenn sich ein Land zur Industriegesellschaft entwickelt, steigt der Verbrauch von Ressourcen, steigt die Verpestung von Luft und Wasser enorm. China und Indonesien gehören neben den USA beispielsweise heute zu den Ländern mit dem grössten Ausstoss an Treibhausgasen. Doch ab einem gewissen Wohlstandsniveau ist diese Entwicklung rückläufig beziehungsweise kann sie es sein. Heute sind die Gewässer, die Luft in den Städten der alten Industrieländer, die in Umwelttechnik investiert haben, weniger belastet als in den meisten Entwicklungsländern, in denen schmutzige Luft in den Mega-Städten und verdrecktes Wasser ein grosses Problem sind. Dabei ist die Stadt, ist das urbane Leben zweifellos das Modell der Zukunft. In den europäischen Metropolen ist der ökologisch förderliche und Raum schaffende Abzug von Schwer¬industrie im Zuge des Wandels von der ¬Industrie- zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft die langfristig treibende Kraft.
Suchten gut verdienende Familien früher ihr Quartier in den Speckgürteln am Stadtrand, kehren sie jetzt häufig zurück, so das Ergebnis einer Studie des Deutschen Instituts für Urbanistik. Oder gehen gar nicht erst fort. Intelligentere Stadtplanung und raumgreifende Architektur sorgen für besseres Wohnklima in den neu erblühenden Kernstädten. Viele neue Quartiere entstehen auf stillgelegten Hafen- oder Gleisanlagen, auf Kasernengelände und Industriebrachen. Vor allem jüngere und besser gebildete Menschen wollen grosszügig und innerstädtisch leben, in fussläufiger Entfernung zu Kindergärten und Theatern – und, wenn möglich, auch zum Arbeitsplatz nicht lang unterwegs sein müssen. Was gestern noch Asphaltwüste oder soziales Problemgebiet war, mausert sich dadurch heute oftmals zu einem trendigen Viertel für die Generation Laptop. Eine wichtige Forderung an die Stadt der Zukunft ist zugleich auch die Förderung und Erschliessung von erschwinglichem Wohnraum – dass sich junge Familien eine Unterkunft in teuren Grossstädten häufig kaum noch leisten können, ist ein soziales und auch infrastrukturelles Problem. Soziales Miteinander und Umweltbewusstsein – das sind einer Umfrage zufolge denn auch die Schlagworte für die Zukunft der Stadt: Im vergangenen November hat das deutsche Forschungsinstitut Prognos im Auftrag eines Bauunternehmens eine repräsenta¬tive Studie durchgeführt.
Für mehr als die Hälfte der über 1000 Befragten ist demnach ein funktionierendes soziales Miteinander am wichtigsten, für rund ein Drittel sind es ökologische Aspekte. Nur rund zehn Prozent der Befragten pochen vor allem auf eine fortschreitende Technisierung. In der Praxis heisst «soziales Miteinander» Vielfalt: Mehrheitlich wünschen sich die Befragten, dass künftig Familien und Singles, Alte und Junge sowie Einkommensstarke und Migranten in durchmischten Stadtteilen wohnen. Umweltbewusstsein drückt sich in dem Anliegen aus, alle Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen zu können, und in der Bereitschaft, mit Ressourcen behutsam umzugehen – von der Abfalltrennung bis zum Energiesparen.
Renaissance der europäischen Stadt
Noch nie haben so viele Menschen in Städten gelebt wie im 21. Jahrhundert, und eine globale Architektur scheint dafür zu sorgen, dass sich die Metropolen immer ähnlicher werden. Doch der Ansicht, dass wir uns im Zeitalter der Globalisierung rund um den Erdball auf eine immer einheitlichere Stadtarchitektur hinbewegen, steht die Erkenntnis gegenüber, dass gerade angesichts zunehmender städtebaulicher und kultureller Gleichförmigkeit die Individualisierung wichtiger wird denn je. Wichtig nicht nur für das urbane Ambiente und als Identitätsstifter, sondern auch und gerade als Standortvorteil im wachsenden Wettbewerb der sowohl um Geldgeber als auch um junge Fachkräfte miteinander konkurrierenden Städte. Politiker, Stadtplaner, Imagedesigner und Kulturschaffende bemühen sich darum, ihrer Stadt im medial geführten Kampf um Einwohner, Investoren und Fördermittel ein unverwechselbares Gesicht zu geben – Architektur kann in diesem Wettbewerb ein Distinktionsmerkmal und lokaler Mehrwert sein, der sich in bare Münze umrechnen lässt. Auch die Bauhaus-Stiftung in Dessau entwickelt neue Visionen und plant im Jubiläumsjahr 2009 – das Bauhaus wurde vor 90 Jahren gegründet – eine Sommerschule. Eingeladen werden Schüler aus Stockholm, Kairo, Rio de Janeiro und Tel Aviv, die gemeinsam Vorstellungen entwickeln sollen, wie Städte und Wohnformen der Zukunft aussehen können. Das Bauhaus, Keimzelle des ¬minimalistischen Baustils und einer modernen Architektur-Bewegung, die von Deutschland aus um die Welt ging, begann 1919 in Weimar mit der Formulierung einer Utopie: Der «Bau der Zukunft» sollte alle Künste in idealer Einheit verbinden – vielleicht sorgt das Jubiläumsjahr dafür, dass auch diesem Aspekt wieder mehr Gewicht verliehen wird.
Die Städte Europas bestehen traditionell aus öffentlichen Plätzen, Strassen und überschaubaren Häuserblocks, bilden eine kompakte und räumlich komplexe Struktur. Genau dieses Konzept erlebt eine neue Blütezeit. Die Umwandlung von Industrie- und Hafenarealen zu neuen Stadtquartieren verhilft der europäischen Stadt zu einer Renaissance. Ob in Amsterdam oder Barcelona, Hamburg oder Basel, die innenstadtnahen Quartiere werden als Orte des Wohnens, Arbeitens und Lebens neu entdeckt. Zusätzlich aufgewertet mit architektonischen «Leuchttürmen», etwa einer skulpturalen Brücke oder einem Konzerthaus-Solitär wie der geplanten Hamburger Elbphilharmonie auf einem alten Kaispeicher, ziehen solche Erschliessungsgebiete, so die Hoffnung, jene Investoren an, auf die die Stadtentwicklung dringend angewiesen ist. Ausgewählte Beispiele neuen städtischen Wohnens zeigt das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt am Main mit Fotos, Bauplänen und Stadtmodellen in einer Ausstellung unter dem Titel «New Urbanity» bis zum 22. Februar. Besondere Bedeutung als architektonischer «Leuchtturm» und als Symbol für die einzelnen Städte kommt dabei auch einer Reihe von in der jüngeren Vergangenheit errichteten «jüdischen» Bauten zu, wie sie etwa der bereits 2003 erschienene Ausstellungskatalog «Jüdische Identität in der zeitgenössischen Architektur» zeigt.
Die Spannung zwischen den Polen fortdauernden oder wiedererwachenden jüdischen Lebens und der stets präsenten Erinnerung an die Auslöschung jüdischer Kultur und jüdischen Lebens durch den Holocaust spiegelt sich in der Architektur wider. Das spektakuläre Projekt von Daniel Libeskind, das im Herbst 2001 eröffnete Jüdische Museum Berlin, ist in dieser Reihe das wohl prominenteste und meistdiskutierte Architekturexempel, in dem sich zugleich jüdische Geschichte, zeitgenössische jüdische Architektur und neues jüdisches Selbstbewusstsein ausdrücken. Weitere Museen sowie Gedenkstätten, Kultur- und Gemeindezentren und Schulen ergänzen diese Reihe. Moshe Safdies neues Holocaust History Museum in Jerusalem, Mario Bottas Cymbalista-Synagoge mit Kulturzentrum in Tel Aviv, Frank O. Gehrys Museum der Toleranz – weltweit entwarfen und entwerfen hochkarätige Architekten moderne, jüdische Bauten in aufsehenerregenden Formen und somit auch Zeugen jüdischer Identität.
Marke Eigenbau
Neben der Leuchtturm-Architektur und ihren vielen städtebaulichen Projekten setzen sich die Architekten mit der kleinsten Funktionseinheit des Wohnens auseinander: mit der Etagenwohnung, mit dem Einfamilienhaus. Wie wirken sich die gesellschaftlichen Umbrüche auf die Ansprüche an Wohnraumgestaltung aus? Welche Wohnideen folgen aus den neuen Lebensformen? Raum ist – neben Zeit – zum wahren Luxus geworden. So entwickelte der Schweizer Architekt Hans Zwimpfer vor einigen Jahren das System «Pile up», das den Bewohnern einer Etage das Raumgefühl eines frei stehenden Hauses vermitteln will. Das Konzept, das grosszügige Wohneinheiten mit Deckenhöhen von bis zu über fünf Metern wie Bauklötze aufeinander stapelt und die Vorzüge des Einfamilienhauses mit denen der Geschosswohnung verbinden soll, entstand als Antwort auf kleinmassstäbliche Siedlungsstrukturen. Sicher ist, Häuser sind heute stärker nutzerspezifisch, werden flexibler an die Bewohner und deren Bedürfnisse angepasst. Räume sind Module, die etwa erst als Arbeits-, dann als Kinder- und schliesslich als Gästezimmer fungieren. Und die Lebensabschnittimmobilie ersetzt häufig das fast lebenslang bewohnte und weiter vererbte Eigenheim.
Nicht nur junge Familien, auch immer mehr solvente Paare und Wohngemeinschaften träumen vom eigenen Haus, von grosszügigen, lichten Flächen, von Altbauten mit Parkett und Stuck, von einer Fabriketage oder dem Wohnen in einem besonderen Gebäudekomplex, etwa einem umgewidmeten ehemaligen Kranken¬hausgelände. Zudem verlangt die globalisierte Lebens- und Arbeitswelt Mobilität: Der Traumjob erfordert einen Umzug, der Partner lebt in einer anderen Stadt, die Grosseltern zieht es zu den entfernt lebenden Enkeln, der Freiberufler pendelt womöglich privat und geschäftlich. All das scheint dem urbanen Leben zuzuspielen. Nur auf eines müssen die Neu-Innenstädter zumeist verzichten: auf eigene Blumenrabatten und Grünflächen. Die eigene Parzelle wird in den dicht besiedelten Citygebieten zum raren Luxusgut. Der daraus logisch erwachsende Trend ist längst zu beobachten. Gartenarbeit, früher oftmals mehr Pflicht als Kür, wird immer beliebter. Und Rasenmähen der wahre Geheimtipp für entspannungssuchende Städter.