Wie sicher ist der Sinai?

von Shay Fogelman und Jacques Ungar, September 17, 2009
Kurz vor den hohen jüdischen Feiertage, gerät die Sinai-Halbinsel erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Denn einerseits ist der Sinai nach wie vor ein beliebtes Ferienziel für israelische Touristen, andererseits reisst die Kette ernsthafter Warnungen vor geplanten Terroranschlägen und Entführungsversuchen nicht ab.
NACHWIEVOR BELIEBT BEI ISRAELISCHEN TOURISTEN Naama Bay an der Sinaiküste

Die Besitzer der typischen Ferienbungalows mit Strohdächern und der Restaurants entlang der Meeresküste des Sinai machen sich Gedanken, ob und wie viele israelische Touristen aus Anlass des bevorstehenden Laubhüttenfestes (Sukkot) anreisen werden. Optimisten setzen ihre Hütten instand und stocken die Nahrungsmittelreserven auf, während Pessimisten lieber abwarten. Das vergangene Jahrzehnt hat sie gelehrt, dass der israelische Tourismus eine unsichere Angelegenheit ist; einige der Reiseunternehmer ziehen es deshalb vor, Ägyptern und Europäern Paketangebote zu offerieren.
Abu Rahmi gehört zu den Optimisten. Vor einem Monat nahm er ein neues Restaurant und 20 Hütten an einem weissen Sandstrand bei Bir Sweir in Betrieb, rund 30 Kilometer von der israelischen Grenze entfernt. Seit seiner Kindheit arbeitet er im Tourismus, sein Hebräisch ist einfach, aber fliessend. Zusammen mit seiner englischsprachigen Frau wirbt Abu Rahmi via Website auf der ganzen Welt für seine Strandhütten, doch beim Bau der neuen Anlage hatte er die Vorlieben der israelischen Gäste im Hinterkopf: Jede Hütte verfügt über eine breite, weiche Matratze, zwei Kissen, Leintücher und ein farbiges Moskitonetz. Abu Rahmi hofft auf Tausende israelischer Touristen für die Feiertage. Wenn es nach ihm ginge, würden viele Reisende in seinem Dorf einkehren, das er trotz der Proteste von Verwandten und Freunden und ungeachtet ernsthafter Sicherheitsbedenken während der Wirtschaftskrise errichtet hat.
Bis jetzt muss er sich allerdings mit ein bis zwei israelischen Paaren pro Woche begnügen. «Eine grosse Gruppe zu Sukkot wird das Geschäft in Gang bringen», sagt er. Sein Optimismus wird auch nicht durch die Tatsache gemindert, dass in der Nähe drei ganz ähnliche Ferienanlagen unter der Wüstensonne zerfallen. Eines Tages werden die Kinder Israels einsehen, dass sie einfach in den Sinai zurückkehren müssen.

Allgegenwärtige Sicherheitskräfte

Seinen Optimismus schreibt Abu Rahmi seiner beduinischen Herkunft und den allgegenwärtigen ägyptischen Sicherheitskräften zu. Die Polizei hat entlang der Hauptstrasse Strassensperren errichtet, und einige Offiziere fahren in Panzerwagen mit gut sichtbaren Maschinengewehren durch die Gegend. Alle Israeli werden registriert, sobald sie den Sinai betreten, und ihre Bewegungen werden dokumentiert bis zum Moment, da sie die Halbinsel wieder verlassen. Wenn Israeli mit dem Taxi an Strassensperren erscheinen, nimmt man sie zur Seite und fragt sie, ob sie entführt worden seien oder sich sonst bedroht fühlten. An den Eingängen der grossen Hotels stehen heute Polizisten statt der privaten Wachmänner. Die Überwachung der Strände bei Nacht und die Fusspatrouillen wurden verstärkt. Die Terroranschläge von 2004 auf das Taba Hilton und in Ras-al-
Satan sowie das Attentat von Dahab zwei Jahre später, bei denen insgesamt 140
Menschen – unter ihnen zwölf Israeli –
ermordet wurden, haben die Ägypter
aufgeschreckt. Sie befürchteten, dass alle Touristen dem Sinai den Rücken zukehren würden.
Heute gibt es, wie ein ägyptischer Geheimdienstoffizier im Sinai unter dem Schutz der Anonymität erklärt, «mehr geheime Sicherheitsvorkehrungen neben den offen sichtbaren. Der Umfang der Polizeikräfte ist verdreifacht worden, da wir uns des Sicherheitsbedürfnisses der israelischen Gäste bewusste sind». Ägypten hat gemäss den Worten des Offiziers Investitionen in Computer und ein Registrierungssystem getätigt, und heute könne man «jeden Touristen zu jeder Zeit lokalisieren». Ägyptische und ausländische Geheimdienste würden zusammenarbeiten, vor allem mit den ortsansässigen Beduinen, die verstünden, dass sie ohne israelische Touristen keinen Lebensunterhalt hätten.

«Das hat es bisher im Sinai 
nicht gegeben»

Auch Shimon Biton aus Eilat, der Tauchtouren in den Sinai leitet, hat die erhöhte Präsenz ägyptischer Sicherheitskräfte zur Kenntnis genommen. «Bei meiner letzten Reise fühlte ich mich stets sicher. Ein offizieller Wagen begleitete unsere Tour, und auf unserem Bus war eine Wache postiert. An fast jeder Tourismusstätte entdeckten wir ein bis zwei Polizisten. Ohne eine gründliche Durchsuchung von Fahrzeug und Ausrüstung kann man nicht mehr auf ein Gelände eines Hotels fahren. Das hat es bisher im Sinai nicht gegeben.» Dank der erhöhten Sicherheit haben sich sogar Familien mit Kindern seinen Ausflügen angeschlossen. «Diesen Trend haben wir so noch nicht gesehen», meint Biton. Andere Touristenführer teilen diese Ansicht, wollten sich aber nicht interviewen lassen, um potenziellen Terroristen keine Informationen zu liefern.
Dessen ungeachtet hat die israelische Anti-Terror-Stelle im Büro des Premierministers seit den Terroranschlägen der letzten Jahre immer wieder drastische Warnungen ausgesprochen und vor Reisen in den Sinai gewarnt. Mehrfach wurde von einer «sehr ernsten, konkreten Bedrohung» gesprochen und alle Israeli waren auf-
gefordert, die Halbinsel unverzüglich zu verlassen. Zurzeit sind gemäss Geheim-dienstinformationen Zellen von Hamas, Hizbollah und al-Qaida im Sinai aktiv
und grundsätzlich in der Lage, Anschläge
gegen israelische Ziele zu verüben.
Die Geheimdienste warnen vor Bombenanschlägen und Entführungen israelischer Feriengäste. Die ägyptische Regierung hat den Sinai nach Ansicht der Geheimdienstler nicht im Griff. Für die Terroristen sei es ein Leichtes, örtliche Beduinen, die am Schmuggel beteiligt sind, für ihre Zwecke zu gewinnen. Zwar führten die ägyptischen Bemühungen dazu, dass sich die Touristen sicherer fühlen, doch wären sie nach Ansicht von Experten wirkungslos, «wenn tatsächlich etwas geschieht». Hin und wieder vereiteln die Polizisten zwar ein Attentat, doch konzentrieren sie sich vorwiegend auf das Patrouillieren und das Errichten von Strassensperren. Die Ortsansässigen aber kennen jeden Schleichweg, was es sehr schwierig macht, den Weitertransport eines Entführungsopfer zu verhindern. Ein ägyptischer Geheimdienstmann meint: «Wir erfahren durch das Fernsehprogramm aus Gaza von einer Entführung.» – Die israelischen Reisewarnungen werden von Kairo nicht sonderlich geschätzt, doch ist man sich in Ägypten des Ausmasses der Bedrohung sehr wohl bewusst.

Zunahme der Touristen

Statistiken der für den Grenzübergang 
Taba verantwortlichen israelischen Flug-
hafenbehörde zeigen, dass israelische
Feriengäste nach einer Terrorattacke den Sinai tatsächlich meiden. In den letzten zwei Jahren hat die Zahl der Besucher aber merklich zugenommen. So passierten im Jahr 2006 rund 22 000 Touristen den Übergang von Taba; 2007 waren es bereits 36 000. Die Zahl der Sinai-Besucher ist von 650 000 (2006) auf 1,4 Millionen (2008) angestiegen.
Die kommenden Feiertage werden zeigen, wie stabil der positive Tourismustrend für den Sinai ist. Das hängt einerseits von der Grundeinstellung und Risikobereitschaft der israelischen Touristen ab, gleichermassen aber auch von der Fähigkeitbeziehungsweise dem Unvermögen der Terroristen, ihre verbrecherischen Vorhaben in die Tat umzusetzen. Eine Schlüsselrolle kommt dem Willen und der Fähigkeit ägyptischer Sicherheitskräfte zu, die Konfliktparteien in diesem tödlichen Tauziehen zu trennen.