Wie real ist die Medienwirklichkeit?

von Yves Kugelmann und Jacques Ungar, October 9, 2008

Seit Wochen spielt sich in Nahost ein Showdown ab, ob dem die TV-Macher sich die Hände reiben. Kaum ein Thema zeitigt so hohe Einschaltquoten, wie das Säbelrasseln rund um Israel. Allen voran hat CNN, wie schon während des Golfkriegs, die jüngste Krise zur Chefsache erklärt. Denn bekanntlich verkauft sich heute nichts besser als «Reality». Während sich in Europa Menschen in Container inszenieren oder Überlebensspiele in den Bergen oder auf Inseln betreiben, ist es nur noch ein kleiner Schritt, das voyeuristische Begehren der Fernsehzuschauer dann auch noch mit nicht inszenierter «Reality» zu befriedigen. - Nicht inszeniert?
Es ist ebenso Pflicht der Medien, aus Krisengebieten zu berichten, wie sie authentisch und faktengerecht zu kommentieren haben. Sodann müssen, bzw. sollten sie die ethische Abwägung in kurzer Zeit vollführen. Das hält aber viele nicht davon ab, Krieg und Krisen in Nachrichtensendungen regelrecht zu inszenieren. Während z.B. renommierte Zeitungen mit fragwürdigen Terminologien (vgl. Kommentar auf dieser Seite) versuchen, neue Fakten zu schaffen, und viele Nachrichtensender partout lieber viel als gut berichten, inszenieren CNN und BBC mit allen möglichen Protagonisten den verbalen Schlagabtausch, durchmischt mit blutigen Bildern, und der offen manifestierten Tendenz. Dabei geht leicht vergessen, dass diese Medienrealitäten weit weg von der echten Wirklichkeit sind. Die Grenzen zwischen Unterhaltung und Informationspflicht vermischen sich, der Hang zur Parteinahme wird auch bei den Medien immer beliebter. Dabei ist gerade im Nahostkonflikt die Situation nicht schwarz-weiss, und gerade im Nahen Osten sollte man nicht versuchen, mit bereits interpretierten Meldungen Politik zu machen. Denn wie kaum bei einem anderen Konflikt in der Welt dreht sich im Nahen Osten alles um den Streit zweier Völker um die gleichen wenigen Quadratmeter, leben im Nahen Osten die Kontrahenten in Steinwurf- bzw. Tränengas-Distanz voneinander, arbeiten in normalen Zeiten mehr oder weniger normal neben-, mit- und füreinander, während sie sich in abnormalen Zeiten gegenseitig umbringen. Nur den wenigsten Medienvertretern ist es bisher gelungen, diese echte Wirklichkeit eines tragischen Konfliktes nach Hause zu «melden». Vielleicht wollen sie es gar nicht, denn Blut und Beerdigungen verkaufen sich eben besser, vor allem dann, wenn der heute blau-weisse Goliath als zynischer Schuldiger und der palästinensische David als harmloser, leidender Unterhund dargestellt werden kann.