Wie mit Architektur Politik gemacht wird
Demonstranten – ein paar Dutzend Palästinenser sowie ausländische Aktivisten – lieferten sich im Juli kämpferische Auseinandersetzungen mit israelischen Wachposten. «Weg mit der Mauer!», fordern Araber, aber auch Juden – und meinen die Absperrung aus Stahlbeton und Stacheldraht, die das Land durchschneidet. Die Mauer, die sich durch Israel und Teile der palästinensischen Gebiete (Westjordanland) zieht, sorgt immer wieder für Konflikte: Für Israel ist sie ein Schutzwall, eine messbar wirksame Sicherheitsvorkehrung gegen Bombenanschläge und Selbstmordattentate; die diesbezüglichen Fallzahlen sind zurückgegangen. Für die Palästinenser ist sie ein Bollwerk, eine erhebliche Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit und eine Willkürmassnahme, die Familien schmerzlich getrennt hält. Mittlerweile, auch als Folge der Bewegung des «arabischen Frühlings», werden auf beiden Seiten die Stimmen derjenigen lauter, die sich gegen das Bauwerk aussprechen. Sie und mit ihnen sympathisierende Aktivisten fühlen sich im Recht – moralisch und juristisch. In einem vor sieben Jahren erstellten Rechtsgutachten des internationalen Gerichtshofs in Den Haag wird der Verlauf der Mauer teilweise als «Bruch der IV. Genfer Konvention» bezeichnet, jedenfalls insoweit, als sie von der Waffenstillstandslinie von 1949 abweicht.
Die Palästinenser wollen nun bei der Uno ihre Anerkennung beantragen. Noch haben sie nur eine eigene Flagge, in den Vereinten Nationen sind sie nicht vertreten. Die Arabische Liga will eine Vollmitgliedschaft für das Volk erwirken, in den Grenzen von 1967 und mit Ostjerusalem als Hauptstadt. Ziel ist, dass der Uno-Sicherheitsrat das Gebiet der Palästinenser als unabhängigen Staat anerkennt, keine Grossmacht dagegen ein Veto einlegt – und die Mauer wegkommt. Doch niemand kann mit Sicherheit sagen, ob die Erfüllung dieser Forderung die entscheidende Voraussetzung wäre für neue Verhandlungen und Frieden im Nahen Osten.
Konflikt und Kontrolle
Die Mauer ist nicht die einzige bauliche Intervention, die – nicht nur in Israel – politischen Willen umsetzen helfen soll. Auf vielfältige Weise bedient sich traditionell der Architektur, wer einen Herrschaftsanspruch unterstreichen möchte. Ob Kapitol oder Petersdom, Wolkenkratzer oder Barockschloss, Eiffelturm oder Berliner Mauer, ob überragende Höhe, gigantisches Ausmass, überbordender Schmuck oder gewagte Neuheit: So unterschiedlich die Systeme auch sind, die sie repräsentiert, immer ist Architektur, insbesondere Monumentalarchitektur, Ausdruck von Geltungsbewusstsein und Territorialordnung. So wird eine gewünschte Wirklichkeit mitunter erst geschaffen. Das umfasst ebenso flankierende Infrastrukturmassnahmen, vom Brückenbau bis zum Prachtboulevard. Als Symbolträger sind solche Bauten Instrumente der Kommunikation mit den Massen, wie etwa Deyan Sudjic in seinem Buch «Der Architekturkomplex – Monumente der Macht» beschreibt.
Dieser unauflösliche Zusammenhang von Macht und Architektur ist heute im Krisenherd Nahost besonders brisant. Der international bekannte Architekt Eyal Weizman befasst sich mit der Frage, wie in Israel und durch Israel Landschaft und umbauter Raum zu «Werkzeugen von Herrschaft und Kontrolle» geworden sind. Weizman ist Direktor des Center for Research Architecture am Goldsmiths College der Universität London und war zuvor unter anderem Architekturprofessor in Wien. In seinem 2009 erschienenen Buch «Sperrzonen – Israels Architektur der Besatzung» zeigt er gebürtige Israeli auf, welche Folgen die israelische Besatzung für die palästinensische Bevölkerung hat. Sperrzonen, Checkpoints, Mauern, Blockaden, Vorposten – Israel sei ein «Labor für die Erprobung und Erforschung des politischen Raums, der durch eine Besatzung geschaffenen wird», so Weizman. Er eröffnet eine neue Sicht auf den Nahostkonflikt, indem er beschreibt, wie in Israel – aber nicht nur dort – Baumassnahmen und Infrastruktur, etwa die systematische Errichtung von Siedlungen und von Strassen, einer Sicherheitslogik folgen, die die Spirale von Feindseligkeit und Gewalt im seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt fortschreibt. Die vielen Formen militärischer und ziviler Okkupation zeitigten dramatische Folgen. Am Exempel Israel führt Weizman aus, wie die vielen Versuche, Land «zu besetzen, zu zerschneiden, zu teilen, auszuweiden, wieder zusammenzufügen und wieder zu bombardieren», ein zerstörtes und unbewohnbares Gebiet hinterlassen. Landschaft und umbauter Raum im Nahen Osten wurden zu Werkzeugen von Herrschaft und Kontrolle sowie zu Schauplätzen urbaner Kriegsführung umgewandelt. Der Siedlungsbau ging mit gesetzgebenden Territorialkämpfen einher. Baurechtliche Massnahmen, insbesondere Vorkehrungen, die das Angebot an innerstädtischem Wohnraum steuerten, trugen zum Erhalt des demografischen Verhältnisses zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung bei. Sogar Denkmalschutzauflagen, so Weizman, zielten oftmals darauf ab, unerwünschte, unpassende bauliche Massnahmen – und Bewohner – in die Schranken zu weisen. Am Beispiel der unterirdischen Räume im Westjordanland und im Gazastreifen sowie der militarisierten Lufträume schildert er, wie und womit Konfliktparteien Kontrolle ausüben. «Alle natürlichen und gebauten Elemente funktionieren hier entsprechend den Waffen und der Munition, mit denen der Konflikt geführt wird», so der provokante Architekt, der mit verschiedenen Menschenrechtsgruppen, zum Beispiel mit B’Tselem, zusammenarbeitet.
Architektur als Waffe
Im Jahr 2007 erhielt der Architekturkritiker Weizman den James Stirling Memorial Lecture Prize, mit dem Verdienste um urbanes Design und Stadtentwicklung als unverzichtbare Beiträge für Architektur und öffentliche Debatte gewürdigt werden. Weizman entwickelt Ideen für eine Zukunft, in der die Architektur nicht mehr länger Komplizin eines komplexen Machtapparates und Nährboden für einen Konflikt ist, und erteilt scheinbar sicheren Rezepten dabei eine Absage: Obwohl sich in unzähligen Vorlagen und Initiativen von der britischen Mandatszeit bis heute das Bemühen ausdrückt, eine Grenzziehung zwischen palästinensischen und israelischen Gebieten zu ermöglichen und eine Trennung zwischen den beiden Konfliktparteien festzulegen, hat sich bisher jeder dieser Vorstösse politisch oder geografisch als letztlich nicht umsetzbar erwiesen. Das gilt auch für den Lösungsvorschlag einer Separation durch die Grenzmauer. «Wenn die Mauer im Westjordanland erst vollendet ist, werden sicher Tunnels durch den felsigen Untergrund der dortigen Hügel getrieben werden», vermutete Weizman bereits vor Jahren. Tunnels eröffnen möglicherweise wiederum Verbindungswege, Schlupflöcher, Reservoirs für Sprengstoff. Dies, so Weizman, lege «die Frage dringend nahe, ob die politische Ausrichtung auf eine Teilung tatsächlich die richtige ist». Trotz der weitgehenden Konzentration auf Israel finden sich Weizmans Thesen in den Doktrinen jedes modernen Krieges, etwa jener in Irak und in Afghanistan geführten. Aus der Sicht des Architekten entwickelt, führt Weizmans Ansatz die Komplexität des Nahost-Konflikts und die beschränkte Wirksamkeit bisheriger Lösungsversuche vor Augen. Der Königsweg ist demnach auch mit dem Mauerbau nicht gefunden.