Wie La Chaux-de-Fonds den USA Paroli bot

Von Stefanie Mahrer, September 9, 2011
Jüdische Uhrmacher in der Schweiz setzten mit der Gründung von modernen Fabriken zum Zeitpunkt der grössten Uhrenkrise wichtige Akzente.
Briefkopf 1905 «Horlogerie garantie Samuel Weill»

Die Schweiz ist das Land der Alpen, der Schokolade und vor allem der Uhren. Für Touristen ist eine Schweizer Uhr noch immer ein beliebtes Souvenir, für Schweizerinnen und Schweizer ein Stück Identität. In den Hügeln des Neuenburger und Berner Jura – im Arc Jurassien – entwickelte sich im 19. Jahrhundert nicht nur die schweizerische Uhrenindustrie, sondern auch ein Mythos – der Mythos der Schweizer Uhr. Kaum jemand weiss jedoch, dass zahlreiche Juden am Erfolg der Uhrenindustrie beteiligt waren, noch weniger bekannt ist die Tatsache, dass ohne jüdische Fabrikanten im 20. Jahrhundert vielleicht Schweizer Uhren vom Markt verschwunden wären.
Knapp 1000 Jüdinnen und Juden lebten um 1900 in der Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds, der damals grössten jüdischen Gemeinde der Schweiz. Über 40 Prozent davon waren in der Uhrenindustrie beschäftigt, der grösste Teil davon führte kleine Familienbetriebe. Ein kleiner Teil stach jedoch schon in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts als Gründer von grossen Firmen, als Vorreiter der Industrialisierung der Branche und somit als Retter der Schweizer Uhren heraus.

Modern und luxuriös

Eine der ersten modernen Fabriken in La Chaux-de-Fonds wurde von den Brüdern Ditesheim gegründet. Léopold, Achilles und Isidore schlossen sich 1892 zur L. A. & I. Ditesheim, fabricants, zusammen. Die junge Firma, die seit 1902 unter dem Namen «Movado» bekannt ist, verfolgte schon früh eine mehrspurige Unternehmensstrategie: Die Brüder bauten Taschenuhren aus vorfabrizierten Einzelteilen zusammen, spezialisierten sich dann zunächst auf Uhrwerke, ab 1893 wurden auch Einzelteile und Werkzeuge produziert und vertrieben. Drei Jahre später konzentrierte sich die Firma auf komplette Uhren. Bereits ab 1894 waren die Brüder auch als Entwickler tätig und liessen ihre Erfindungen patentieren. Die Vielzahl von registrierten Marken mit illustren Namen wie Ultra, Noblesse oder Belgravia, nach dem Londoner Edelviertel benannt, illustriert die Schaffenskraft der Firma, die sich in moderner Technik und luxuriösem Design ausdrückte. Die Zahl der Angestellten schnellte in die Höhe: auf über 80 im Jahr 1897.
Jungen Männern wie den Ditesheim-Brüdern ist der Ruhm der Schweizer Uhr, wie er bis heute anhält, zu verdanken. Dies nicht, weil sie bessere, schönere oder genauere Uhren als ihre christlichen Kollegen hergestellt hätten, sondern weil sie mit der Gründung von modernen Fabriken zum Zeitpunkt der grössten Uhrenkrise den USA Paroli boten.
Noch im Jahr 1872 hatte die Schweiz Uhren und Uhrenteile im Wert von 18,3 Millionen Franken in die Vereinigten Staaten exportiert; 1876 belief sich der Exportwert nur noch auf 4,8 Millionen Franken. Die Uhrennation Schweiz befand sich in starker Bedrängnis; Uhrenfirmen in den USA begannen ab den 1870er Jahren seriell und maschinell zu produzieren, was die Produktionsmenge massiv ansteigen und die Preise sinken liess, kurzum – die USA begannen den Weltmarkt zu bestimmen. Für eine Region wie die Arc Jurassien, die fast gänzlich von der Uhrmacherei lebte, war dies verheerend.

Neue Produktionsweisen

Die neuen Produktionsweisen wurden in der Schweiz bis zur Weltausstellung in Philadelphia von 1876 nicht ernst genommen, erst die Ausstellung zeigte, dass die Amerikaner nicht nur günstiger und schneller produzierten, sondern auch in der Lage waren, technisch hochwertige und äusserst präzise Uhren herzustellen. Das Problem lag darin, dass man sich im Jura technischen Innovationen gegenüber zu lange verschloss. Ein idealisiertes Bild des unabhängigen Uhrmachers, der in seinem Atelier arbeitete, und der Glaube an die Überlegenheit der Handwerkskunst gegenüber der fabrikmässigen Produktion von Uhren werden als Gründe für die Ablehnung einer Weiterentwicklung und Industrialisierung der Uhrenbranche angenommen. Dieses Verhalten zeigte sich insbesondere bei den alteingesessenen Familien, die auf eine lange Uhrmachertradition zurückschauten.
Die 1870er Jahre waren erst der Beginn der langsamen, aber umso erfolgreicheren Modernisierung der schweizerischen und jurassischen Uhrenproduktion. In den Anfangsjahren, und dann vor allem bei der Gründung der ersten Fabriken, waren jüdische Akteure aktiv am Modernisierungsprozess beteiligt. Unter den ersten Fabrikbesitzern in der Uhrenbranche befand sich in der Tat eine bemerkenswerte Anzahl jüdischer Firmenbesitzer. In Zahlen aus-gedrückt bedeutet dies, dass sich von den 17 unter kantonalem Gesetz als «Fabriken» geführten Firmen, also Wirtschaftseinheiten mit mehr als 20 angestellten Arbeiterinnen und Arbeitern, acht im Besitz jüdischer Familien befanden.
Anders als ihre christlichen Kollegen nahmen jüdische Fabrikanten die neuen Produktionsweisen wohlwollend auf. Junge Männer wie die Ditesheim-Brüder waren nicht in Traditionen gefangen und hingen keinen romantischen Bildern nach, sondern waren Neuerungen und Modernisierungen gegenüber offen. Zudem waren sie als Neulinge in der Branche nicht in hierarchische Strukturen eingebunden und hatten wenig Macht und Prestige zu verlieren. Zusammen mit einer guten Prise jugendlichem Gründergeist und genügend familiärem Kapital führten diese meist jungen Juden die Uhrenindustrie aus der Krise. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schlossen sich weitere Uhrmacher und Uhrenunternehmer der Modernisierung an. Die alten Uhren-eliten verloren ihren Einfluss, und eine neue Generation von jüdischen und christlichen Self-Made Men stand an der Spitze des regionalen Bürgertums und der Uhrenproduktion. Die Schweizer Uhr verdankt ihren Mythos deshalb zu einem grossen Teil jüdischen Firmengründern und Patrons, von denen einige im frühen 20. Jahrhundert Weltruhm genossen.