Wie ein Blitz in der Nacht
Das Wunder des neuen jüdischen Staates ist die Bestätigung eines anderen Wunders: dass ein Volk so lange darauf harren und hoffen konnte wie das jüdische Volk. Das jüdische Volk ist ein wunderbares Volk.
Das klingt so leicht und bombastisch dahingeschrieben. Ach, wie viele Glieder dieses Volkes sind so gar nicht wunderbar anzusehen. Wie sind sie zerfetzt und zerschlagen, zerlumpt und verarmt. Und wie viele Menschen dieses Volkes haben in den Jahrhunderten die Reihen verlassen und ihren Frieden mit dem bequemen Leben gemacht.
Viele andere sind zu Ruhm und Ehren gestiegen, sind Helden und Heilige der Menschheit geworden, und wieder andere haben Besitz und Ehren turmhoch gehäuft. Aber das war nicht das Wunderbare. Das Wunderbare geschah auf einem ganz anderen Gebiet des Lebens dieses Volkes, auf dem Gebiet des Sterbens.
Gepriesen und verehrt, verfolgt und gequält – immer wieder geriet dieses Volk auf eine Ebene seiner Geschichte, auf der es der blanken Vernichtung ins augenlose Antlitz sah. Aber immer wieder überdauerte es Könige und Reiche, Völker und andere Götter.
Es ist gar nicht zu verstehen, dass diese zerstreute Menge flüchtiger und meist nur ein paar Generationen an einer Scholle haftender Menschen den Verlust ihrer ursprünglichen Heimat überlebt hat. Es ist eine einzigartige Leistung in der Weltgeschichte. Es ist das Wunder eines Volkes, unüberbietbar und unüberboten. Und wenn jetzt in Palästina ein Teil dieses Volkes Kern und Zelle einer neuen staatlichen Gemeinschaft baut, zurückkehrend zu den Anfängen seines Seins, das von Jahrtausenden überschattet ist, so fragt sich letzten Endes eine erstaunte Menschheit, woher diesem Volke die Kraft kam.
Kein Jahr verrann im Lauf der jüdischen Geschichte, wo immer sie sich auf der Bühne der Welt abspielte, ob unter den Cäsaren oder den spanischen Königen, unter Napoleon, den Zaren oder Hitler, ob in der Wüste, im verfallenen Dorf oder in den Schlössern der Reichen – kein Jahr verging, dass nicht in den Herzen der Juden eine Stimme sprach: « – und nächstes Jahr in Jerusalem».
Kampfesmut und Opferbereitschaft
Es war eine Stimme der Mahnung und Warnung. Der Mahnung, nie die Hoffnung aufzugeben, und der Warnung des Endes, wenn man die Hoffnung fahren lassen würde. Jahrhunderte flüsterte die Stimme nur und war sehr leise. Dann wieder wurde sie bisweilen in Einzelnen gewaltig: in Dichtern, in Abenteurern, in Verzweifelten am brennenden Pfahl. Wieder war dann viele hundert Jahre Ruhe. Schicht um Schicht der Geschichte lagerte sich über sie, Bräuche übertönten sie, Riten machten sie zaghaft und konventionell. Schliesslich schien sie all ihre Kraft verloren zu haben. Bis sie dann eines Tages wieder in Russland sich zu erheben begann und etwas später in einem merkwürdigen Sendboten des Schicksals ihre Auferstehung feierte.
Es war in den Tagen, da in den Gassen von Wien und Paris der Judenhass, der traurige Bote des Niedergangs einer Nation, sich zu regen begann, dass die unbegreifliche Allmacht sich einen merkwürdigen Repräsentanten für die innere Stimme der Juden wählte: den Theodor Herzl aus Budapest, Journalisten in Wien, einen bürgerlichen Menschen, seiner Herkunft fast bereits völlig entwachsen. So wie die Propheten, wenn sie zur Sendung berufen wurden, Stimmen hörten in der Nacht – vielleicht weil die Nacht so ruhig war, dass sie ihre Gewissen laut reden zu hören vermeinten –, so hörte auch Herzl die Stimme. Sie fuhr in ihn wie ein «Blitz in der Nacht». Man muss nur seine Tagebücher über die Zeit seiner Erweckung lesen, um ermessen zu können, wie plötzlich aus diesem hyper-gebildeten, hyper-assimilierten, eitlen und gepflegten Pariser Korrespondenten einer Wiener Tageszeitung ein wahrhaft Besessener wurde. Plötzlich hatte ihn die Stimme erfasst. Er schrie sie hinaus. Er hörte nicht auf, ihr Worte zu geben, bis zu seinem Tode. Es war die Zeit, da Europa reif wurde zum Untergang. Vielleicht auch nur zur Verwandlung durch Zerfall und Wieder¬auferstehung. Aber als die Zeitenwende sich in tausend Einzelheiten, lange vor dem Ausbruch der grossen Kriege ankündete, da jagte die Stimme die Juden Europas aus ihrer gefährlichen Beschaulichkeit auf. Sie sagte voraus, was keiner glaubte, und worüber jeder lachte. Es dauerte nicht lange, bis alles Lachen den Juden Europas verging. Nicht viele hatten die Stimme gehört. Einige nahmen sie auf und kündeten sie weiter. Und aus Glaube und Hoffnung, aus Liebe und Gottvertrauen wuchsen dem verstreuten Volke überall neue Kräfte zu: Selbstvertrauen und Stolz, Kampfesmut und eine Opferbereitschaft ohnegleichen. Von Herzl über Wolfsohn und Jabotinsky zu Weizmann, von den Pionierhütten zu den neuen Dörfern und Städten Palästinas, von einer verlachten Idee zu einer von den Vereinigten Völkern der Erde besiegelten Tat, hatte die Stimme die Verkünder ihrer Botschaft geführt.
Palästina ist als Staat eine Wirklichkeit geworden. Und wieder gibt es viele, die einst die Idee verlachten und nun den Beginn der Wirklichkeit verhöhnen möchten. Gewiss, das ist ein kleines, schmales, seltsam zerfetztes Ländchen, das sich schliesslich die Juden nach Jahrzehnten hingebendster, mühevollster Arbeit reich an Schweiss, Blut und Tränen, abstecken konnten. Zweitausend Jahre Sehnsucht und inniges Verlangen haben seinen Boden gedüngt. Verwittert fast im Sturm der Ewigkeit sind die Namen der Väter, deren Land jetzt die Söhne mit dem Siegel der Vollmacht der Welt abgestempelt zurückerhalten.
Das Ziel ist ein vorbildlicher Staat
Dies ist ein Anfang und kein Ende. Denn die Stimme wird nicht schweigen, bis sie erfüllt sein wird. Das Land war die Voraussetzung. Sein Aufbau und das Wesen seines Aufbaus bleiben das Ziel. Es bleibt das ZieI, dieses jüdische Land nicht nur zu irgendeinem Staat zu gestalten, sondern zu einem vorbildlichen Staat, zu dem Staat eines Volkes, das die Missgunst und die Irrtümer, die Fehler und das Versagen so vieler anderer Staaten am eigenen Leib erfahren hat. Für die Juden in der Welt aber bedeutet die Schaffung des jüdischen Palästina ein Vielfaches. Für alle jene Juden, die heimatlos umherirren und die bisher in den Lagern oder umgeben von feindlichen Nachbarn und Mördern von morgen vergeblich den Nachthimmel nach einem Stern der Hoffnung absuchten, ist Palästina die grosse und nunmehr erfüllbare Hoffnung. Diejenigen Juden aber, die als vollberechtigte Bürger ihrer Länder ein ordentliches und schöpferisches Leben führen, können in dem jüdischen Staat Palästina die Rückkehr des jüdischen Volkes zur Normalität begrüssen, ein Volk unter Völkern, mit einem Lande, wie auch andere Völker es haben, zu sein.Aber das jüdische Schicksal lässt sich nicht rückwärts drehen. Palästina ist eine Tat, die in die Zukunft weist. Es ist für die Juden in Palästina und für die, die dorthin noch wandern werden, geschaffen. Der amerikanische Jude zum Beispiel wird weiter ein Bürger unter seinen Mitbürgern sein, so wie es der Amerikaner irischer oder italienischer oder polnischer Abstammung ist, und er wird das Land Palästina mit der Zärtlichkeit und Wärme betrachten und ihm zu helfen versuchen, wie der Ire seinem Irland, der Pole seinem Polen, der Deutsche seinem Deutschland auch als amerikanischer Staatsbürger zu helfen versucht. Dass seine Loyalität ebenso wie die aller anderen Nationalitätengruppen der Vereinigten Staaten selbstverständlich absolut und allein den USA gilt, bräuchte eigentlich nicht erwähnt zu werden, wenn es nicht törichte Leute gäbe, die sich davor fürchten, dass ein Staat Palästina Antisemiten das Schlagwort liefern könnte: «Jetzt haben die Juden einen Staat, jetzt sollen sie alle dorthin gehen ...»Mit diesem Schlagwort muss immer gerechnet werden, wo man mit der Dummheit des Antisemitismus zu rechnen hat. Herr Oswald Mosley, der der neue faschistische Führer Europas werden möchte, hat die Parole bereits ausgegeben. Gerade wir hier können sie so gut widerlegen, denn wer würde bei uns auf den Gedanken kommen, sei er auch der heftigste, sagen wir Anti-Ire, die Iren nach Irland senden zu wollen. Nein, Palästina ist eine grundlegende Lösung der Judenfrage. Sie kommt im Moment der höchsten Not, in dem Augenblick, da die letzten jüdischen Überreste des europäischen Massakers neuer Vernichtung zu entrinnen versuchen. Denn es gibt in dem grössten Teil Europas keine Möglichkeiten eines jüdischen Lebens mehr. Die andere grosse Möglichkeit eines jüdischen Lebens, dem es vergönnt ist, jüdisch bleiben zu dürfen, bieten die Vereinigten Staaten, unsere grosse Nation der Nationen. Es ist kein Zufall, dass sie es war, die einen Hauptanteil an der Geburt des neuen jüdischen Staates hatte. Denn nirgends auf der Welt sind die Ideen des alten und des neuen Testaments noch so lebendig ineinanderfliessende Wirklichkeit wie hier bei uns in den USA, die noch jung genug waren und unverhärtet genug, um die alte Stimme der jüdischen Sehnsucht zu hören und ihr eine neue Heimat auf geweihter Erde zu geben.
Manfred George war in den Jahren 1938 bis 1964 Chefredakteur des aufbau in New York.