Wie ein Albtraum beendet wurde
Die jetzt nach Südlibanon zurückkehrenden Flüchtlinge werden ihr Land bearbeiten, ihre Kinder grossziehen und ein ruhiges Leben führen wollen. Die Wahrheit, die sie kennen, ist klar und einfach: Wenn die Bauern auf der benachbarten israelischen Seite ihre Felder nicht bestellen und kein normales Leben führen können, wird ihr Leben und dasjenige der Mehrheit der Libanesen zur Hölle werden.
Die Luftangriffe Israels würden aus Libanon einen Hinterhof machen, ohne Elektrizität, Wasser, Brücken und Strassen, ohne Industrie und Landwirtschaft. Die Vermutung ist daher weit verbreitet, dass die zurückgekehrten Schiiten weder der Hizbollah noch den kurzlebigen, vielleicht von Syrien ermutigten palästinensischen Organisationen erlauben werden, anzugreifen. Ohne es zu wissen, werden sie daher zu einem «menschlichen Schild» werden.
Dieses Konzept ist fest verankert im israelischen Sicherheitskonzept für Südlibanon. Zwar hat es seit Beginn der israelischen Intervention im Libanon vor fast einem Vierteljahrhundert verschiedene Auslegungen und Anwendungsarten durchgemacht, doch sein wesentliches Ziel ist unverändert geblieben: Die Errichtung einer Pufferzone, deren Grösse sich immer wieder wandelte, doch deren Zweck es immer war, den friedvollen Einwohnern Galiläas zu erlauben, ein normales Leben zu führen. Um die der israelischen Strategie und Taktik zugrundeliegenden Konzepte und Definition besser zu verstehen, müssen wir zum Jordanien des Jahres 1970 zurückkehren. Die Ereignisse des «Schwarzen Septembers» in Jordanien und die Vertreibung der palästinensischen Organisationen aus dem haschemitischen Königreich unterminierten das interne Gleichgewicht in Libanon. Die PLO mit all ihren Organisationen und Zweigen machten den Libanon zur Ausgangsbasis für Angriffe gegen Israel. Israel reagierte mit Luftangriffen und mit territorialen Invasionen nach Südlibanon. Zur gleichen Zeit verband die PLO sich mit der libanesischen Linken und mit den Moslems in ihrem Kampf gegen die Rechte und die Christen.
«Der Feind meines Freundes ist mein Freund»
1975 brach im Libanon der Bürgerkrieg aus. Die Führer der Christen - die Familien Gemayel und Chamoun - baten Israel um militärische Hilfe. Damals begannen Flüchtlinge aus Südlibanon auch die israelische Grenze zu erreichen. Auch sie baten um Hilfe, die allerdings humanitären Charakter hatte. Die Regierung Yitzchak Rabins reagierte auf beide Gesuche. Für Israel bot sich die Gelegenheit, seine periphere Strategie zu fördern, die seit den 50er Jahren die Haltung des Landes im Konflikt mit den Arabern geformt hatte: Die Knüpfung von Kontakten mit nicht-arabischen Staaten oder mit nicht-arabischen Minderheiten und Organisationen im Nahen Osten und deren Peripherie, wobei man sich an die Maxime hielt: «Der Feind meines Feindes ist mein Freund.»
Israel hoffte auch, dank der Beziehungen zu den Christen an Informationen zu gelangen, die ihnen im Kampf gegen die palästinensischen Organisationen nützlich sein könnten. Via den Mossad-Geheimdienst begann Israel, Pierre Gemayels Phalange mit Waffen auszurüsten. Im Januar 1976 wurde beim Dorfe Klai\'a ein Grenzübergang eröffnet. Dadurch entstand die Idee des «Guten Zaunes», die vom damaligen Verteidigungsminister Shimon Peres stammte. Der Idee lag das Konzept zugrunde, den Bewohnern Südlibanons elementare Dienstleistungen zu offerieren: Nahrung, Wasser, Medizin.
«Das war ein Wendepunkt in den Beziehungen zu Libanon», betont Dr. David Tal, ein Militärhistoriker der Tel Aviv Universität. «Rabins Politik war klar. Er nahm die Haltung ein, dass man den Christen helfen müsse, sich selber zu helfen.» In anderen Worten: Israel würde die Christen in ihrem Kampf gegen die Koalition der PLO, die Linken und die Moslems unterstützen, aber nicht an ihrer Stelle in die Kämpfe eingreifen.
Die Schlüsselereignisse
Im gleichen Monat, in dem der «Gute Zaun» geöffnet wurde, trat Brigade-General Benjamin Ben-Eliezer seinen Job als Kommandant Südlibanons an. Seine erste Aufgabe war eine geheime, gefährliche Mission nach Beirut. «Meine erste Aufgabe bestand darin», erklärt der heutige Kommunikationsminister gegenüber «Haaretz», «aus nächster Nähe die militärische Stärke der Christen im Bürgerkrieg zu beurteilen. Damals brachte ich auch Major Sa\'ad Haddad nach Südlibanon». Haddad, ein Offizier in der libanesischen Armee, war aber keine israelische «Erfindung». Vielmehr hatte ihn der libanesische Generalstabchef geschickt, damit er das Kommando über die Armee im Süden übernahm. Weil er als Freund der Familie Chamoun galt, war er für die Rivalen, die Gemayels, nicht akzeptabel als Anführer der Christen. 1977 sandten daher die Gemayels Major Sami Chidiaq in ihrem Namen in den Süden. Ermutigt vom Kommando in Südlibanon, bildeten beide Milizen. Israel realisierte aber rasch, wie Ben-Elieser sich erinnert, dass Chidiaq eine «Katastrophe» war. «Er konnte seine Einheiten nicht kontrollieren, und sie fielen auseinander.» Ben-Elieser, die Armee und die israelische Regierung setzten ihre Hoffnungen auf Haddad, der sein Hauptquartier in Marjaoun unweit von Metulla einrichtete. Israels Kontakte zu ihm wurden immer enger. In den Jahren 1977 und 1978 konzentrierte Haddad sich auf die Festigung der Position der Christen in der Region, als Gegengewicht zu den Palästinensern.
Ein anderes Schlüsselereignis spielte sich im Januar 1978 ab. Rund ein halbes Jahr zuvor hatte Menachem Begin seine Likud-Regierung gebildet. Im Januar 1978 wurden bei einem Terrorangriff auf der Küstenstrasse unweit von Ma\'agan Michael nördlich von Tel Aviv 25 Israelis und ein Tourist getötet. Als Reaktion lancierten Begin und sein Verteidigungsminister Ezer Weizman die «Operation Litani»: Eine breitangelegte Vergeltungsaktion gegen PLO-Stellungen in Südlibanon. IDF-Einheiten stiessen bis zum Litani-Fluss vor, zogen sich ein paar Wochen später aber wieder zurück. Nach Beendigung der Kampagne verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat Resolution 425, die Basis des heutigen Arrangementes.Haddad wollte seinen Einfluss in Südlibanon ausdehnen, und die IDF halfen ihm dabei. Der Major vereinigte drei christliche Enklaven – Marayoun im Osten, Rmaich im Zentrum und Nakoura im Westen - und gründete mit israelischer Hilfe eine Miliz. «So entstand das anfängliche Konzept der Pufferzone», bemerkt Tal. «Israel wollte schon Jahre zuvor eine Sicherheitszone in Südlibanon errichten, doch erst mit Haddad konnte die Idee verwirklicht werden».
Operation «Frieden für Galiläa»
Unter Begin spielte sich eine weitere Entwicklung ab, deren Höhepunkt im Juni 1982 der Beginn der Operation «Frieden für Galiläa», d.h. des Libanonkrieges war. «Im Gegensatz zu Rabin», sagt Tal, «war Begin bereit, den Christen direkte israelische Hilfe zukommen zu lassen. Er beschränkte sich nicht auf Munitions- und Waffenlieferungen, sondern sandte seine Truppen tief nach Libanon hinein, um die Christen in ihrem Kampf zu unterstützen». Das begann mit einer Konfrontation in der Luft mit syrischen Düsenjägern und mündete später in den Krieg.
Der Libanonkrieg löste zwei Prozesse aus. Einmal hob er zumindest zeitweilig das Konzept der «Pufferzone» auf, rückten die israelischen Truppen doch nicht nur in den Süden Libanons ein, von wo die palästinensischen Organisationen vertrieben worden waren, sondern auch nach Beirut und ins Chouf-Gebirge. Als die IDF dann 1983-84 mit dem Rückzug begann, drängte sich die erneute Einrichtung der Pufferzone auf. Damals wurde der Begriff «Sicherheitszone» Bestandteil des israelischen Lexikons.
Als 1985 die von Shimon Peres geführte Regierung der nationalen Einheit den Rückzug aus Libanon beschloss, behielten jene, die für eine klar definierte Sicherheitszone eintraten, die Oberhand. Die Armee richtete permanente Aussenposten in Südlibanon ein, was im kompletten Gegensatz zu dem von Haddad unterstützten Konzept stand. Anders als die Barlev-Linie, welche die Israelis nach dem Sechstagekrieg am Suezkanal errichteten, hatten die Aussenposten in Südlibanon nie die Aufgabe, einen Gegner aufzuhalten. Sie waren Bestandteil eines Verteidigungskonzeptes, das davon ausging, dass der Aufenthalt der Armee in Südlibanon beschränkter Natur sein würde. In all den Jahren seither waren nie mehr als 2000 israelische Soldaten dort postiert. Dazu zählte die Liaison-Einheit, der zivile Zweig der IDF, welcher der Bevölkerung Dienstleistungen und humanitäre Hilfe offerierte, sowie die Koordinatoren des «Shin Bet»-Geheimdienstes, die Agenten leiteten.1996 gab die Regierung Peres den Befehl für die Operation «Früchte des Zorns», die auf beiden Seiten der Grenze ein Gleichgewicht des Terrors schaffen sollte: Sollte die israelische Seite keine Ruhe geniessen, würden auch die Bewohner Südlibanons dies nicht tun können. Die massiven israelischen Bombardierungen veranlassten zehntausende von Libanesen zu fliehen. Die Operation wurde aber auf ihrem Höhepunkt abgebrochen, ohne dass sie ihre Ziele erreicht hätte, als IDF- Kanonen versehentlich den Tod von 100 libanesischen Zivilisten im Flüchtlingslager Kafr Kana verursachten.
Operation «Früchte des Zorns»
Gegen seinen Willen erzielte Israel dann eine indirekte Übereinkunft mit der Hizbollah: Beide Parteien würden darauf verzichten, Zivilisten unter Beschuss zu nehmen und ihre Geschütze in bevölkerten Zonen zu postieren. Obwohl die Hizbollah die letztere Bedingung nicht erfüllte, bestand die Miliz auf der Einhaltung der ersten Voraussetzung. Immer wenn Zivilisten in Libanon in Mitleidenschaft gezogen wurden, feuerte die Hizbollah Katyusha-Raketen auf Ortschaften in Israels Norden. Die Übereinkünfte im Anschluss an die Operation «Früchte des Zorns» veranlasste die Israelis, rascher die Nutzlosigkeit der Sicherheitszone und die Notwendigkeit eines Rückzugs einzusehen. Mit ihrer Präsenz in Südlibanon wollte die IDF stets limitierte und spezifische Ziele verfolgen: Geheimdienst, Beobachtung, Artillerie-Unterstützung und psychologischer Beistand. Die meisten der Routinearbeiten im Sicherheitsbereich lasteten auf den Schultern von Haddads Soldaten. Nachdem dieser aber von General Antoine Lahd ersetzt worden war, wurde die Miliz zur «Südlibanesischen Armee» (SLA) ausgebaut. Zu ihren besten Zeiten verfügte sie über sechs Bataillone und hatte 2500 Soldaten unter der Fahne.
Die SLA erhielt weitgehende Hilfe von der IDF. Ziel war es, eine gut organisierte Kampftruppe zu schaffen. Die Soldaten und Offiziere erhielten eine Grundausbildung entsprechend den Trainingsrichtlinien der IDF. Zudem wurden sie mit Panzerfahrzeugen, Tanks und Kanonen ausgerüstet, in erster Linie sowjetische Kriegsbeute (von den syrischen und ägyptischen Kriegsschauplätzen). Im Wesentlichen blieb die SLA aber, was sie immer gewesen ist: Eine lokale Miliz mit der Aufgabe, ihre Dörfer zu beschützen.
Vor diesem Hintergrund spielte sich der versteckte Konflikt zwischen IDF und SLA ab, der nie in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Die IDF betrachtet die SLA und die Sicherheitszone als «menschlichen Schild», dessen Aufgabe es war, Israels Norden zu beschützen und als Puffer gegen die Attacken der Hizbollah zu dienen. Der SLA gefiel das Konzept des israelischen Verteidigungsestablishments nicht. Die SLA war der Meinung, die Verteidigung ihrer Dörfer, der Sicherheitszone und der Grenze Israels müsse nördlich der Zone selber vor sich gehen. In der Regel schwang Israel in dieser Diskussion obenaus: Die SLA und die von ihr kontrollierte Region wurden zu einer Verteidigungszone zur Sicherheit der Bewohner Galiläas. Dieses Konzept brach zusammen, weil die Hizbollah die Katyushas zu einer Waffe machten, welche die Sicherheitszone übersprangen und den Beschluss der israelischen Regierung herbeiführten, sich aus Libanon zurückzuziehen.
Haaretz
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Libanon-Chronik
1978
März 1978: Operation Litani. Als Antwort auf einen Terrorangriff gegen einen Bus dringen israelische Truppen 10 km tief nach Libanon ein. Tausende von Terroristen fliehen nach Norden. Als die Truppen sich zurückziehen, entsteht die «Südlibanesische Armee» unter Major Haddad.
1981
Juni 1981: Katyushas gehen auf Kiryat Shmoneh, Naharyia und andere Orte entlang der libanesischen Grenze nieder. Fünf Zivilisten sterben, Dutzende werden verwundet.
1982
Juni 1982: Nach der Attacke gegen Shlomo Argov, den israelischen Botschafter in London, bricht Israel die Operation «Frieden für Galiläa» vom Zaune. Erklärtes Ziel: 40 km nach Libanon einzudringen, um die Terroristen zu vertreiben.
September 1982: Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatilla. Christliche Phalangisten, welche die Lager mit israelischer Erlaubnis betreten, schlachten hunderte von Palästinensern ab. Am nächsten Tag demonstrieren in Tel Aviv 400 000 Menschen für den Frieden.
November 1982: Bei einem Anschlag auf das militärische Hauptquartier in Tyrus sterben 75 israelische Solda-ten.
1983
Februar 1983: Bericht der Kahan-Kommission. Verteidigungsminister Ariel Sharon, Generalstabchef Rafael Eitan und Yehoshua Saguy, Leiter der militärischen Abwehr, werden teilweise und indirekt für die Vorgänge in Sabra und Shatilla verantwortlich erklärt.
Juli 1983: IDF-Truppen ziehen sich aus den Chouf-Bergen in den Süden von Beirut zurück.
November 1983: Sieben gefangene israelische Soldaten werden im Austausch gegen 4700 in Libanon und 65 in Israel inhaftierte Terroristen freigelassen.
1985
Januar 1985: Die von Shimon Peres geführte Einheitsregierung beschliesst den Rückzug aus Libanon. Die Sicherheitszone entsteht.
März 1985: Zwölf Soldaten kommen durch die Explosion einer schiitischen Selbstmord-Autobombe ums Leben.
1986
Oktober 1986: Flugnavigator Ron Arad wird im Rahmen einer Operation der Luftwaffe südlich von Sidon festgenommen.
1988
Dezember 1988: Oberstleutnant Amir Meital, Kommandant der Golani-Truppen, stirbt bei einem Angriff auf Achmed Jibrils Hauptquartier in Beirut.
1989
Juli 1989: Elitesoldaten entführen Scheich Abdel Karim Obeid.
1993
Mai 1993: Vier IDF-Soldaten kommen durch «freundliches Feuer» um.
Juli 1993: Die Luftwaffe bombardiert Terroristenstellungen im Rahmen der «Operation Abrechnung». Kanonen und Tanks werden gegen Zivilisten eingesetzt.
1994
Mai 1994: Mustafa Dirani wird nach Israel entführt.
1995
Oktober 1995: Neun Golani-Soldaten sterben durch einen Sprengsatz.
November 1995: Katyushas fallen auf Kiryat Shmoneh und Galiläa. 43 Personen werden verwundet.
1996
April 1996: Israel beginnt Operation «Früchte des Zorns». 500 000 Libanesen fliehen nordwärts. Am 18. April sterben über 100 libanesische Zivilisten, die sich in eine UNO-Basis geflüchtet hatten, durch eine unbeabsichtigte IDF- Beschiessung.
1997
Februar 1997: 73 Soldaten sterben über Nord-Galiläa beim Zusammenstoss zweier Helikopter, die sich auf dem Weg nach Libanon befunden hatten.
August 1997: Fünf Golani-Soldaten sterben bei einem Waldbrand im Wadi Salouki nach einem Zusammenstoss mit Hizbollah-Keuten.
September 1997: 12 Marine-Soldaten kommen durch einen Sprengsatz in Libanon um; vier werden verletzt.
1999
Februar 1999: Brigadegeneral Erez Gerstein, Kommandant der Liaison-Einheit zum Libanon, stirbt durch einen Sprengsatz im östlichen Sektor der Sicherheitszone.
2000
Mai 2000: Die israelische Armee zieht sich aus all ihren Stellungen in Südlibanon zurück.