Wie das Unmögliche möglich wurde
Jüdische Rundschau: Wie kam es zu Ihrem Filmprojekt?
Stefan Mächler: Als wir uns 1994 begegneten, war die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg kein aktuelles Thema. Als Historiker hatte ich mich bereits jahrelang mit der Asyl- und Flüchtlingspolitik der Schweiz während der Kriegsjahre beschäftigt, besonders mit Heinrich Rothmunds Rolle. Ich überredete Kaspar Kasics zu einem «Projekt Rothmund», mit dem wir beim Bund vorerst keine Unterstützung fanden. Als 1996 die Vergangenheitsdebatte aufgrund der nachrichtenlosen Vermögen losbrach, wurde die Verfilmung unseres Projektes möglich. Bei meinen zahlreichen Recherchen im Bundesarchiv stiess ich auf den Namen der Familie Popowski, die Heinrich Rothmund nach einer persönlichen Begegnung am 8. 8. 1942 in die Schweiz einreisen liess. Später kam die Akte der Familie Sonabend dazu, die falsch abgelegt worden war und deshalb noch existierte. Das Schicksal beider Familien ist eng mit der Person Heinrich Rothmunds verbunden. Was Kaspar Kasics und mich von Anfang an besonders interessierte war: Was für eine Gesellschaft schafft solche politische Bedingungen, dass Befehle erlassen werden, die Leute in den Tod schicken. Andererseits interessierte uns, was Menschen empfanden, die Befehle ausführten.Ich stiess auf die Korrespondenz zwischen Rothmund und der Flüchtlingsmutter Gertrud Kurz. In einem Brief beklagte sich H. R., dass er als Chefbeamter nicht menschlicher sein dürfe. Kurz ihrerseits sagte, es sei nicht Aufgabe der Polizei, den Menschen in die Augen zu schauen, dazu seien die Hilfswerke da. Ich denke, dass H. R. die Distanz brauchte, um seine Anordnungen und Befehle zu treffen. Als es zur persönlichen Begegnung mit den Popowskis kam, brachte er es nicht fertig, diese Menschen in den sicheren Tod zu schicken.
Kaspar Kasics: Neben der Frage, wie das Unmögliche möglich wurde, interessierte mich die Frage von Nähe und Distanz sehr. Um den Film machen zu können, brauchten wir Personen von der «Opfer-», der «Täter-», aber auch der «Zuschauer-Seite». Stefan Mächler war auf die bereits erwähnten Familien Popowski und Sonabend gestossen. Delikater war es, Überlebende von der anderen Seite zu finden, die bereit waren, vor laufender Kamera über ihre Emotionen zu sprechen.
Stefan Mächler: Mit Hilfe des Bundesarchivs stiess ich auf Fritz Straub, einem ehemaligen Grenzoffizier, der anfänglich skeptisch war, sich vor der Kamera zu äussern. Schürch, der Ehemann Sybille Schürchs, hatte eng mit Rothmund zu tun gehabt und war in das Schicksal beider jüdischer Familien involviert gewesen. Bei den jüdischen Familien frappierten mich die zahlreichen Parallelen: Beide Familien waren ursprünglich polnische Juden, die bis 1942 in Belgien gelebt hatten. Die Schlüsselfigur in beiden Fällen war Rothmund, verantwortlich sowohl für die Aufnahme der Popowskis wie auch für die Rückweisung der Sonabends, die am 15. 8. 1942 versucht hatte, in die Schweiz einzureisen, 2 Tage nachdem Rothmund das Gesetz erlassen hatte, keine jüdischen Flüchtlinge mehr in der Schweiz aufzunehmen.
JR: Wie gelang es Ihnen beiden, zu den Zeugen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen?
Kaspar Kasics: Dies bedurfte einer langen, behutsamen Arbeit. Die jüdischen Zeugen zeigten sich erstaunt über unser Interesse an ihrem Leben. Wir waren überrascht, dass sie ihr Schicksal als nichts Besonderes sahen. Uns lag daran, die Personen in ihrer Authentizität zu filmen. Während des Films waren die Protagonisten ebenbürtige Partner für mich. Ein Dokumentarfilm ist ein Prozess, ein gemeinsamer Weg. Es ist wichtig, eine Beziehung, Sympathie für die einzelnen Personen zu entwickeln.
JR: Mir fiel auf, dass Sabine Sonabend sich weigerte, der Klosterfrau Anne-Marie die Hand zu geben. Während des ganzen Besuches im Kloster wirkt S. S. sehr angespannt, agressiv. Wie haben Sie die Begegnung der Sonabends mit dem Kloster erlebt, wo Sabine und Charles mit ihrer Mutter übernachteten, bevor sie anderntags der Polizei übergeben und dann ausgewiesen wurden?
Kaspar Kasics: Es entsprach dem Wunsch von Sabine und Charles Sonabend, dorthin zurückzukehren, um herauszufinden, was wirklich geschehen war.
Stefan Mächler: Sabine Sonabend reagierte sehr emotional. Sie war der Ansicht, die Klosterfrauen hätten alles unternehmen sollen, um ihre Familie zu retten. Ich glaube nicht, dass sie noch einmal zu dieser Begegnung bereit gewesen wäre.
Kaspar Kasics: Ich denke, dass Sabine Sonabend immer von ihren Selbstzweifeln geplagt war, innerlich zerrissen wirkte. Sie hat alles Negative auf die Nonne projiziert. Sabine Sonabend näherte sich im Film jeder Person und jeder Sache sehr emotional, während ihr Bruder Charles seine Gefühle besser kontrollierte. Es schien, als versuche Sabine verzweifelt, menschliche Antworten für das Unfassbare zu finden.
Stefan Mächler: Charles Sonabend bekundete mehr Interesse für politische Zusammenhänge, trotzdem erlebte ich ihn aber einmal sehr emotionell. So brach er in Tränen aus, als ich meinte, die ganze Geschichte sei für ihn weniger zerstörerisch gewesen als für seine Schwester. Es ist erschütternd, dass Sabine Sonabend zweimal durch eine Hölle musste, wurde sie doch von dem Mann, der sie und ihren Bruder nach der Rückweisung von der Schweiz aufnahm, missbraucht. So bezahlte sie den Preis für die Rettung mit ihrer Zerstörung.
JR: Erschütternd ist Sabine Sonabends Aussage, es wäre ihr lieber gewesen, man hätte ihre Eltern damals gleich erschossen. Wie sehen Sie die Frage der Kollaboration?
Stefan Mächler: Es gab zweifelsohne Kollaboration, die nicht überall gleich gross war. Das, was die Schweizer Behörden damals taten, war Beihilfe zum Massenmord an den Juden. Das Problem besteht darin, dass alle Akteure - dies gilt vor allem auch für Deutschland - das Gefühl hatten, sie hätten nur Befehle ausgeführt. So waren es in der Schweiz die Grenzwächter, die nur die Flüchtlinge nicht aufnahmen, sie in Wirklichkeit aber in den Tod schickten.
Kaspar Kasics: Es war ein System der Kollaboration, in dem die Einzelnen in der Überzeugung handelten, nur ihre Arbeit zu verrichten.
Stefan Mächler: In diesem System folgt man der Moral der Pflicht. Die Moral eines Beamten ist nicht persönlich. Diese Moral schliesst nicht aus, dass der Beamte Emotionen hat, aber es ist für ihn die höchste Leistung, auch gegen seine Emotionen korrekt seine Pflicht auszuüben.
JR: Ist solch eine Bürokratie nicht pervers?
Stefan Mächler: Was Sie als pervers empfinden, gilt als normaler Mechanismus unserer Gesellschaft. In der abnormalen Situation des Zweiten Weltkrieges hätte gelten sollen: Was sonst als korrekt gilt, gilt nicht mehr! Viele Menschen sehen die Grenzen ihrer Verantwortung dort, wo der Schreibtisch aufhört. Man darf andererseits nicht vergessen, dass diese Mechanismen der Ordnung und der Gesetze dazu beitragen, dass vieles auf der Welt funktioniert. Was Fritz Straub anbetrifft, beeindruckte es mich wie bei Sybille Schürch, wie offen er vor der Kamera sprach und zu seinen Widersprüchen stand.
JR: Können Sie etwas zu Heinrich Rothmund sagen?
Stefan Mächler: Seine Politik war unbestrittener für viele tödlich. Gerade darum wollten wir ihn den Zuschauern möglichst nahe bringen. Die Tatsache, dass er als Mensch auch sympathische Seiten hatte, macht das Ganze noch bedrohlicher.
Kaspar Kasics: Der Film zeigt mehr den Geist Rothmunds als den Menschen. Dieser Geist, der eine beängstigende charakterliche Enge aufweist, widerspiegelt das ganze letzte Jahrhundert, beispielsweise auch in der Welt der Technik.
JR: Wie sehen Sie beide den Antisemitismus damals und heute?
Stefan Mächler: Rothmunds Antisemitismus teilte meines Erachtens damals ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung. Nach der Shoah ist es schlimm und unbegreiflich, dass Leute immer noch antisemitisch sind, weiss doch jeder, wohin dies führen kann. Leider ist in bestimmten Kreisen der Antisemitismus wieder salonfähig geworden.
Kaspar Kasics: Keiner ist gegen Gefühle des Rassismus oder des Antisemitismus gefeit ist. Wichtig ist, wie der Einzelne mit diesen Gefühlen umgeht, dass er sich seinen Vorurteilen und Widersprüchen stellt. Es geht mir darum, wie sich Menschen in schwierigen Situationen verhalten. Wie lebt ein Mensch mit seinem Schicksal, mit seiner Geschichte, den Fragen und Widersprüchen. Wie weit ist ein jeder bereit zuzugeben, dass er etwas falsch gemacht hat.
Am kommenden Sonntag läuft der Film in Zürich (Kino Movie um 11.15 Uhr) mit anschliessender Diskussion mit den Autoren und in Bern (Kino Movie 11.15 Uhr).
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«Closed country»
Am 13. August 1942 hatte Heinrich Rothmund, damaliger Chef der eidgenössischen Polizeiabteilung, verordnet, von nun an die Schweizer Grenzen für jüdische Flüchtlinge vollständig zu schliessen. Am 8. August, 5 Tage vor diesem für Tausende jüdischer Menschen fatalen Beschluss, der für die meisten ein Todesurteil bedeutete, hatte derselbe Heinrich Rothmund anlässlich eines Augenscheins an der Grenze einer Gruppe jüdisch-belgischer Flüchtlinge erlaubt, in die Schweiz einzureisen. Der Filmemacher Kaspar Kasics und der Historiker Stefan Mächler brachten in ihrem Dokumentarfilm «Closed country» die Popowski-Kinder, die das Kriegsende legal in der Schweiz erleben konnten, sowie die Sonabend-Kinder, die an der Schweizer Grenze zurückgewiesen und deren Eltern dann in Auschwitz ermordet wurden, zusammen mit dem Grenzwacht-Offizier Straub, der Witwe Oskar Schürchs, der rechten Hand des Polizeidirektors Heinrich Rothmund, mit viel Behutsamkeit und Sensibilität vor die Kamera. Was Kasics und Mächler vor allem interessierte, waren die Haltung und die Einstellung der damaligen Bürokratie, eines Systems, welches das Undenkbare ermöglichte, auch die Widersprüche der Akteure und wie sie mit ihrem Schicksal umgehen.