Wie aus «Refugees» Briten wurden

June 7, 2010
Der Historiker und Publizist Anthony Grenville leistet in einem neuen Buch bahnbrechende Arbeit über das Schicksal jüdischer NS-Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich in England. Im Interview mit Wilfried Weinke spricht der Sohn Wiener Juden über sein Projekt.
BAHNBRECHENDE ARBEIT Andrew Kaufmann, Vorsitzender der Association of Jewish Refugees, und der Historiker Anthony Grenville (v.l.n.r.)

Interview Wilfried Weinke

Die Druckerschwärze ist noch frisch. Im Frühjahr diesen Jahres erschien das Buch «Jewish Refugees from Germany and Austria in Britain 1933–1970. Their Image in AJR Information.» (Vallentine Mitchell, Middlesex und Portland 2010). Autor ist der 1944 geborene Anthony Grenville. Selbst Kind österreichischer Emigranten, gilt sein Hauptinteresse der Geschichte jüdischer Flüchtlinge aus deutschsprachigen Ländern, die auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach England kamen. Nach seiner Lehrtätigkeit an den Universitäten Reading, Bristol und Westminster war er massgeblich an der Entwicklung der Ausstellung «Continental Britons. Jewish Refugees from Nazi Europe» beteiligt. Er ist Gründungsmitglied des in London ansässigen Research Centre for German and Austrian Exile Studies und seit 2006 Chefredakteur des «Association of Jewish Refugees Journal».

aufbau: Sie sind selbst Kind österreichischer Emigranten. Aber daraus eine Zwangsläufigkeit abzuleiten, sich auch wissenschaftlich mit der Emigration nach Grossbritannien zu beschäftigen, wäre doch ein wenig kurz gegriffen. Was hat Sie bewogen, sich das Exil jüdischer Flüchtlinge als Arbeitsfeld zu wählen?

Anthony Grenville: Ich hatte mich als Germanist lange Jahre mit der Literatur der Weimarer Republik sowie der Exilliteratur befasst. Dort geriet ich immer mehr in die Sozialgeschichte der Exilanten, besonders der «Refugees» in Grossbritannien. Als meine Eltern Anfang der Neunziger Jahre gestorben sind, musste ich einsehen, dass die erste Generation im Verschwinden war und dass damit ein Stück Geschichte verloren zu gehen drohte. Die zweite Generation ist ja nicht mehr mitten in der deutschsprachigen Kultur Deutschlands und Österreichs aufgewachsen. Ich bin kein geborener Wiener, kann auch niemals einer werden, obgleich ich fliessend Deutsch spreche und mich gut in der Wiener Kultur auskenne. Ich bin eher so etwas wie ein English Gentleman – falls das keine unenglische Unbescheidenheit ist..

Das von Ihnen mitgegründete Research Centre for German and Austrian Exile Studies in London hat in diesem Jahr sein 11. Jahrbuch herausgegeben. Sofern ich es richtig überblicke, gibt es bislang nur einen knappen Artikel, zudem aus Ihrer Feder, der sich mit der Association of Jewish Refugees (AJR) beschäftigt. Wie kommt es, dass Sie sich nunmehr als Erster ausführlich mit dieser Organisation auseinandersetzen? Wieso wird erst jetzt über diese Organisation berichtet, wurde die AJR doch schon 1941 gegründet?

Das ganze Archiv der AJR ist leider vor Jahren verloren gegangen, genauer gesagt, jemand hat es einfach weggeworfen. Unglaublich! Es ist also sehr schwierig, die Geschichte der Organisation aufzuarbeiten, da die Materialien dazu fehlen. Die AJR ist eine grosse, wichtige Organisation, die ungeheuer viel für ihre Mitglieder geleistet hat, aber die «Yekkes», die die AJR gegründet haben, arbeiteten immer tüchtig und erfolgreich im Hintergrund – niemals im Rampenlicht. Zudem haben die meisten deutschen Exilforscher erstaunlich wenig Interesse an der Entwicklung der Gemeinde der «Refugees» in Grossbritannien nach 1945 und an der AJR gezeigt. Es war eben nicht Israel, nicht die USA, es war bloss England, da gibt es nicht viel Jüdisches zu erforschen.

Grundlage Ihrer Darstellung ist die monatlich erscheinende «AJR Information», ein Journal, in dem sich das Selbstverständnis jüdischer Flüchtlinge in England ausdrückt. Welche Aspekte haben Sie bei der Durchsicht der «AJR Information» besonders interessiert?

Natürlich das hohe kulturelle Niveau. Die Besprechungen von Literatur, Film, Kunst, Musik, Theater sind sehr aufschlussreich, auch für mich, der ich mich jahrelang mit der modernen deutschen Literatur befasst habe. Ich denke hier an Rezensenten wie PEM, Lutz Weltmann und andere. Die «Refugees» haben auf die britische Gesellschaft zuerst mit einigem Befremden und Unverständnis reagiert, dann aber mit Humor, im Krieg mit Bewunderung und zuletzt mit freundlicher Zuneigung.

Aus der Migrationsforschung kennen wir die Begriffe der Assimilation und der Integration. Wie schwer respektive wie leicht fiel es den jüdischen Emigranten, sich in der englischen Gesellschaft heimisch zu fühlen?

Hier scheiden sich die Geister. Die britischen Wissenschaftler, die sich mit den «Refugees» beschäftigten, meistens ziemlich flüchtig, haben bisher immer angenommen, dass sie als Juden und Deutsche von den Briten misstrauisch und feindlich aufgenommen worden sind. Diese Historiker, in der Mehrzahl britische Juden, stehen meistens links, wo es Mode zu sein scheint, Briten als ausländerfeindlich und unterschwellig antisemitisch anzusehen. Das war nicht die Erfahrung meiner Familie, auch nicht der Gemeinde im Allgemeinen. Die AJR-Mitglieder waren eher stolz darauf, dass sie britische Staatsbürger geworden sind, sie haben sich nach dem Krieg meistens ganz gut mit den Engländern vertragen und haben ihre Kinder als Engländer aufwachsen lassen. Es liegt ausser Zweifel, dass viele «Refugees» grossen Schwierigkeiten begegnet sind, als sie in England angekommen sind. Auch im Krieg – man denke vor allem an die Masseninternierung im Jahre 1940. Aber der Krieg war auch das grosse historische Ereignis, das die «Refugees» in die britische Gesellschaft eingebunden hat. Sie haben ab 1941 am Krieg gegen Hitler teilnehmen dürfen, sie haben mitangesehen, wie die Briten sich 1940 geweigert haben, vor Hitler zu kapitulieren, und wie sich die Bevölkerung im Blitz, den Luftangriffen der Luftwaffe, benommen hat. Nach dem Krieg sind die «Refugees» bis zu einem gewissen Grade Aussenseiter geblieben. Aber viele von ihnen haben ein neues Leben in Grossbritannien aufgebaut und sich erfolgreich in die britische Gesellschaft integriert.

Ich glaube, von George Orwell stammt der Satz: «Engländer kann man sein, aber nicht werden.» Wenn ich jüdische Emigranten, die seit Jahrzehnten in England leben, gefragt habe, wie sie sich selbst beschreiben würden, habe ich sehr oft als Antwort gehört, sie wären entweder «Formerlys» oder «In betweens». Gab es, gibt es so etwas wie einen Ausschluss aus der englischen Gesellschaft?

Einen Ausschluss gab es nicht. Die «Refugees» sagen immer wieder, dass sie «Briten sind, aber keine Engländer». Sie sind britische Staatsbürger, aber keine Eingeborenen. Sobald ein ehemaliger «Refugee» den Mund aufmacht, weiss ein Engländer, dass er es mit einem Nichtengländer zu tun hat. Deshalb beklagen sich die «Refugees» noch nach 70 Jahren, dass man sie fragt: «And where do you come from?» Solche Unterschiede sind geblieben, das gehört zum Schicksal der Ausgewanderten. Aber ich glaube nicht, dass die Mehrzahl der «Refugees» sich als ausgeschlossen betrachtet hat. Bestimmt nicht.

Sie schreiben in Ihrem Vorwort, dass die Kollektivbiografie der jüdischen Flüchtlinge, die vor der Nationalsozialisten nach Grossbritannien geflohen sind, bislang ungeschrieben ist. Sie hoffen, mit Ihrem Buch dazu beizutragen, dass diese Lücke geschlossen werden kann. Eines der Bücher, die sich mit dem deutschen und österreichischen Exil in England beschäftigen, trägt den sprechenden Titel «Hitler’s gift to Britain». Worin sehen Sie den wichtigsten Beitrag jüdischer Emigranten für die britische Gesellschaft?

Diese Fragestellung gefällt mir nicht besonders. Ich interessiere mich für die Mehrheit der «Refugees», nicht für die Minderheit der berühmten Prominenz. Mein Buch befasst sich mit den ganz gewöhnlichen «Refugees», den «Footsoldiers of Emigration». Daniel Snowman hat die Prominenz in seinem Buch «The Hitler Emigrés» ausführlich beschrieben. Aber jeder dritte Emigrant war ja nicht Nobelreisträger oder Mitglied des Amadeus Quartet. Der Beitrag, den die Emigranten zur britischen Gesellschaft geleistet haben, wird immer wieder hervorgehoben, von den Emigranten selber, als ob sie noch zu beweisen hätten, dass sie es verdienten, in die britische Gesellschaft aufgenommen zu werden, und von den Briten, um zu beweisen, das sich ihre «Humanität» den damaligen Hitler-Opfern gegenüber gelohnt hat. Für mich sind die «Refugees» Teil der Zeitgeschichte der fünfziger und sechziger Jahre in England, besonders im Nordwesten Londons, wo sie die Sozialkultur stark beeinflusst haben. Und das zu einer Zeit, in der die englische Gesellschaft, besonders in London, irgendwie sanfter und humaner gewesen ist, wo die alte Höflichkeit und Rücksichtnahme auf andere noch herrschte, wo die Menschen sich noch als verbunden fühlten, wie in dem «people’s war» gegen Hitlerdeutschland. Zu der Gesellschaft wollten die Emigranten auch gehören.            ●

Wilfried Weinke ist Journalist und lebt in Hamburg.