Wider die Festungsmentalität

Von Andreas Schneitter, September 9, 2011
Kommende Woche beginnt das Festival Culturescapes mit Israel als Gastland. Dazu gehören ein breites und hochwertiges Kulturprogramm sowie politisch Nebenschauplätze.
DIE BATSHEVA DANCE COMPANY Im Tanzbereich eines der wichtigsten Ensembles weltweit

Wenn kommenden Mittwoch das Festival Culturescapes beginnt, sollte es wie in den bisherigen Ausgaben um Kulturreichtum und um Austausch gehen. Der Regierungspräsident des Kantons Basel-Stadt wird vor Ort sein und der Regierungsratskollege aus Baselland ebenso, es wird Eröffnungsworte geben, und die ersten Programmhöhepunkte stehen bereits an. David Greilsammer, geboren in Jerusalem, künstlerischer Leiter und Pianist des Kammerorchesters Genf, tritt im Duo mit dem israelischen Klarinettisten Gilad Harel, Absolvent des Conservatoire Nationale in Paris und Fusionist von Klezmer, World Music und Pop, auf. Auch dabei: der Musiker, Komponist und Filmproduzent Kutiman, der für Culturescapes einen Mix aus YouTube-Filmen als Abbild der Jerusalemer Musikszene kreiert. Und dann sind da noch System Ali, eine Hip-Hop-Combo mit jüdischen wie arabischen Israeli, deren Texte durch das Zusammenleben wie Zusammenlegen der verschiedenen Sprachen Hebräisch, Arabisch und Englisch geprägt sind. Auch die Mitglieder von System Ali gehen für Cul-turescapes Wege der Synthese: Vereint mit der Fotografin und Videokünstlerin Anna Cohen-Yanay präsentieren sie eine Hommage an das Alltagsleben in Tel Aviv.
Es geht also um Austausch, um Vernetzungen und Grenzüberschreitungen an diesem Eröffnungsabend des Festivals, doch während drinnen im Theater Basel Fusionen geknüpft werden, wird draussen vor dem Eingang eine Aktion präsent sein, die das Trennende betont: Die Schweizer Sektion der internationalen Protestaktion «Boykott – Desinvestition – Sanktionen»(BDS) wird mit Plakaten, Flyern und einer Mahnwache gegen das Festival ihre Empörung darüber ausdrücken, dass die Festivalleitung dessen «Ruf für ein Projekt hergibt, das Theater, Musik, Gesang und Tanz instrumentalisiert, um einem mächtigen Staat, der im Nahen Osten mit schockierenden Methoden agiert, zu besserem Ansehen zu verhelfen.» Gemeint ist das Gastland der diesjährigen Ausgabe von Culturescapes: Israel (und seine Künstler). Bis in den Dezember hinein treten Musiker, Tänzer und Schauspieler aus Israel an verschiedenen Spielorten auf, Filmer und Künstler zeigen ihre Werke, Autoren lesen aus ihren Büchern.

Angekündigte Proteste

Das Festival hatte in den vergangenen Jahren verschiedene Länder zu Gast, an denen sich aus menschenrechtlicher Sicht Kritik hätte entzünden können, Aserbaidschan oder China etwa, «aber damals gab es keine Proteste», sagt Leiter Jurriaan Cooiman. Kommt Israel, ist es anders: Bereits vergangenen Februar schrieb BDS Schweiz einen offenen Brief an Cooiman und forderte die Absage des Festivals aufgrund der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern. «Störend an dem Festival sind nicht die Künstlerinnen und Künstler an sich, obwohl es auch dort Vertreter gibt, die sich als Botschafter Israels verstehen», sagt Birgit Althaler von BDS Schweiz. «Ein Festival, das von der israelischen Regierung mitfinanziert und unterstützt wird, sollte gemäss unserer Überzeugung jedoch nicht stattfinden, solange Israel sich über die Rechte der Palästinenser hinwegsetzt.» Wie weit die Protestaktionen gehen können, hat erst gerade das israelische Philharmonieorchester bei einem Gastspiel in London erfahren: Das Konzert wurde von propalästinensischen Aktivisten gestört und musste schliesslich abgebrochen werden. Ein mögliches Szenario für die Veranstaltungen in Basel? «Das ist im Moment nicht vorgesehen, aber ähnliche Proteste sind auch hier nicht ausgeschlossen», sagt Althaler.
Cooiman bestätigt, dass die israelische Regierung 15 Prozent des Festivalbudgets verantwortet, «aber die Programmhoheit war immer bei uns. Aus Israel hat niemand mitgeredet.» Die Anliegen von BDS kann Cooiman nachvollziehen, «aber wenn man das künstlerische und intellektuelle Leben Israels, das ja ein freies Land mit einer grossen Meinungspluralität ist, boykottiert und die Kultur in Sippenhaft für die Politik nimmt, zeugt dies von einer Festungsmentalität. Gerade die Kultur fördert ja den Dialog.» Das ist auch die offizielle Meinung der Schweiz: Aussenministerin Micheline Calmy-Rey hat das Patronat für die diesjährige Festivalausgabe übernommen. «Das Festival ergänzt den kritischen und konstruktiven Dialog, den die Schweiz seit 2004 mit Israel über die politische Situation in der Region führt», schreibt sie in einer Stellungnahme. Über Dialog rede man seit dem Osloer Abkommen, entgegnet Althaler, «doch solange der Begriff ungleiche Machtverhältnisse kaschiert, während real neue Fakten geschaffen werden, bietet er keinen Ansatz für eine faire Lösung.»

Erste Absagen

Der Boykottaufruf hat bereits erste Früchte getragen: Joubran, ein Oud-Trio von in Frankreich lebenden Palästinensern, hat die Teilnahme abgesagt – wie auch Amos Oz, «er jedoch aus terminlichen Gründen, sein Besuch wird im Frühjahr nachgeholt», sagt Cooiman. Daneben hofft er, dass in den kommenden Wochen mehrheitlich die Kultur im Zentrum des Festivals stehen wird, «doch ich begrüsse es, wenn die Besucher dazu veranlasst werden, ihre bestehenden Bilder und Meinungen über Israel zu überdenken». Gelegenheit dazu gibt es genug, das Programm bleibt auch nach den beiden Absagen hochwertig: Die mehrfach ausgezeichnete Theaterregisseurin Ofira Henig bringt «Both Upon A Time», ebenfalls vielversprechend klingt das interdisziplinäre Stück «Savanna» von Amit Drori, und in «Die Jaffa-Orangen des Richard W.» von Alexander Charim wird eine Verbindung zweier Themata versucht, die sich kaum je berühren: Richard Wagner und Israel. Im Tanzbereich ist die Batsheva Dance Company, eines der wichtigsten Ensembles weltweit, der bekannteste Name, für die Videokunst kommt das mobile Archiv des Israeli Center For Digital Arts nach Basel, begleitet von Künstlerinnen wie Yael Bartana und Shahar Yahalom, und verschiedene Kinos zeigen israelische Spiel- und Dokumentarfilme. Und weil es betreffend Israel ganz ohne Politik doch nicht geht, findet an der Universität Basel eine Ringvorlesung zu «Israel und Europa» und am Historischen Seminar Zürich eine Vortragsreihe zur Geschichte Israels und Palästinas im 20. Jahrhundert statt.    


Juriaan Cooiman spricht über das Kulturfestival Culturescapes und das Gastland Israel unter www.tachles.ch/radio. Das jüdische Wochenmagazin tachles ist Medienpartner von Culturescapes.