Wichtiges Urteil
Die Deutschen hätten es kaum geschafft, mehr als 94% der 220 000 Juden in der baltischen Republik zu ermorden, wenn nicht Litauer als allzu willige Vollstrecker mitgemacht hätten. An insgesamt 223 Orten in Litauen gab es jüdische Gemeinden. An 42 Orten wurden Juden noch vor Ankunft der Deutschen im Juni 1941 hingeschlachtet. Nach 1991 wurden viele Kriegsverbrecher in Wilna rehabilitiert. Ab 1997 wurden mindestens 22 solche Amnestien rückgängig gemacht. Einige litauische Historiker betreiben mit Duldung der Regierung Geschichts-Schönschreibung. Im Prozess sagte ein litauischer Historiker, Gimzauskas wäre auch im Widerstand gegen die Nazis tätig gewesen. Das Gericht schien dieser Aussage wenig Bedeutung zuzumessen. Die Verurteilung des Nazischergen wird vom Leiter des Wiesenthal Centers in Jerusalem, Dr. Efraim Zuroff, mit Bitternis begrüsst. «Gimzauskas war seit 1993 in Litauen und anfangs noch bei bester Gesundheit» sagt «Nazijäger» Zuroff. Zuroff sieht in der ersten Verurteilung eines Kriegsverbrechers in Wilna einen Wendepunkt in der Auseindersetzung mit den dünkelsten Kapiteln der Geschichte in Wilna.
Ein rechtsradikaler Ex-Bürgermeister aus Kaunas und nunmehriger Parlamentsabgeordneter, der durch antisemitische Äusserungen im schwedischen TV Aufsehen erregt, ist eine Belastung für die in die Nato und der EU strebende seit 1991 wieder unabhängige Republik. In der kürzlich abgehaltenen Holocaust Education Konferenz in Stockholm erregte der Film über den SEIMAS-Abgeordneten Sustauskas Aufsehen. Es hat sich einiges getan in Wilna seit 1991, mit keinen Rückschlägen und vielen Unterbrüchen. So fand im Jahre 1997 an der kurischen Nehrung in Nida ein internationaler Kongress zum Thema Holocaust in Litauen statt. Einziger Schönheitsfehler: Sowjetverbrechen mussten auch angesprochen werden. Eine «internationale» Historikerkommission wurde lange von Israel boykottiert, weil dort ebenfalls Hitler und Stalin gleichgesetzt schienen. Eine Konferenz über kulturelles jüdisches Erbe im letzten Herbst wurde zum PR-Event des einzigen «Hofjuden» Litauens. Der inzwischen aus dem Parlament gewählte konservative Parteigänger Imanuel Singer (Imanuelis Zingeris) betrieb Imagekosmetik für Regierungen, die Nazischergen als Helden für die Befreiung Litauens von den Sowjets stillisierten. Singer ist jetzt «Botschafter für jüdische Fragen» und verweist stolz auf die Leistungen der Regierungen in Litauen. Die meisten «Litvaks» können Singers Freude kaum teilen. «Es ist zuwenig und zu spät» sagt Zuroff. «Zuwenig erfahren die Schüler in Litauen über den Holocaust. Ein Haftbefehl gegen Nazikollaborateur Antanas Gecas in Schottland und eine weitere Auslieferung eines Litauers aus den USA werden da nur wenig ändern», fürchten Juden aus Litauen.