Werden Sicherheitskontrollen am Schuleingang unvermeidlich?
Mitten in Israels Gesellschaft tickt eine ausserordentlich gefährliche Zeitbombe. Die sechs Jugendlichen, die vergangene Woche in Ober-Nazareth einen Altergenossen zu Tode prügelten, und der 19jährige, der wenige Tage darauf in Jerusalem einen knapp 15jährigen Jüngling erstach, deuten auf ein Malaise hin, das sich anscheinend unaufhaltsam über das Land ausbreitet: Die Gewalt unter den Jugendlichen nimmt erschreckende Formen an. Laut einer vom israelischen Fernsehen veröffentlichten Erhebung erklärten 92 Prozent der befragten Schüler, mindestens einmal von Altergenossen auf dem Schulgelände geschlagen worden zu sein, und fast 10 Prozent gaben zu, Schlagringe, Messer oder andere «kalte» Waffen in den Unterricht mitzunehmen.
WHO-Studie
Einer kürzlich von der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) angefertigten Studie zufolge figuriert Israel in bezug auf die Gewalt unter den Jugendlichen auf Platz 11. Noch «besser» abgeschlossen haben Österreich, Deutschland und die Schweiz, aber die USA, die oft als das Land der unübertroffenen Gewalt unter jugendlichen angesehen werden, figurieren erst auf Platz 14 der total 30 untersuchten Staaten. Verglichen wurden die Anzahl der Gewaltakte im Vergleich zur Bevölkerung.
Steigende Gewaltrate
Auch die israelische Polizei hat wenig Erfreuliches zu verkünden. 1998 wurden über 293 000 Dossiers angelegt, in die mindestens ein Jugendlicher verwickelt ist. Noch 1994 waren es erst 21 300 Fälle gewesen. Die meisten dieser Dossiers betreffen die Rauschgiftszene, doch gleich dahinter figurieren Delikte im Zusammenhang mit der Gewaltanwendung. An einem Seminar in Bat Yam meinte Yehuda Wilk, General-Oberinspektor der israelischen Polizei, genauso wie Ärzte mit Menschen im Bestreben arbeiten, die Entwicklung von Krankheiten zu verhindern, müsse die Polizei sich der Jugend annehmen, ihr Abgleiten in die Kriminalität zu stoppen. Das sei wichtiger als das Einschreiten der Ordnungshüter nach der Verübung eines Verbrechens. Ins gleiche Horn stösst Präsidenten-Gattin Reuma Weizman, die einen Lenkungsausschuss zur Untersuchung und Verhinderung der Gewalt unter Jugendlichen gebildet hat: «Ich befürworte die Idee der Stationierung freundlich eingestellter Polizeitruppen in der Nähe von Bildungsinstituten.» Jugend-, Gerichts- und Strafwesen müssten besser ausgebaut werden. Gar nichts hält Frau Weizman von der Behauptung, es sei nicht möglich, einen Jugendlichen weniger der vom Fernsehen ausgestrahlten Gewalt auszusetzen, denn das seien die Dinge, die «er sehen will». «Ich mache mir nichts vor und glaube, das Fernsehen würde nur Mary Poppins senden, doch ist es unabdingbar, hier mehr Gedanken und vor allem mehr Taten zu investieren.»
Die jahrelang eher lustlos geführte Diskussion über die Gewalt innerhalb der israelischen Jugend hat vor dem Hintergrund der jüngsten Verbrechen neue Dimensionen angenommen. Dabei sollte dem Aufruf von Polizei-Oberinspektor Wilk nach stärkerer Kooperation der verschiedenen Organisationen und Gremien besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. «Es geht doch nicht», meinte Wilk zum Beispiel, «dass Schulen uns über Gewaltakte auf ihrem Gelände nicht informieren weil sie das Image ihres Instituts in der Öffentlichkeit nicht gefährden wollen». Elyiakim Rubinstein, der Rechtsberater der Regierung, unterstützt den Polizeichef und fordert alle Schulen und anderen Bildungsstätten des Landes auf, den Behörden jeden Fall zu melden, in dem bei Schülern Waffen gefunden werden, genauso wie es in bezug auf Drogen und Sex-Kriminalität eine Meldepflicht gebe.