Wer und was ist «jüdisch»?

von nNoëmi Sibold, May 18, 2010
Die Historikerin Noëmi Sibold untersucht in ihrer Dissertation «Bewegte Zeiten», wie die Juden in Basel die Zeit von den späten zwanziger bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts erlebten. Einer der drei Hauptteile widmet sich dem Thema Zionismus und Jugendbewegung. tachles druckt hier einen Auszug aus dem Kapitel «Nach der Schoah: Die Basler Jugendkrise» ab. «Bewegte Zeiten» ist in der Schriftenreihe «Beiträge zu Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz» des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes erschienen.
HASHOMER-HORA Der Basler und Zürcher Hashomer Hatzair tanzen Hora am Bahnhof in Brugg, vermutlich 1951 oder 1952

An der Gemeindeversammlung der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) vom 30. März 1952 plädierte Gemeindepräsident Alfred Goetschel und mit ihm die Mehrheit der Basler Delegation des Schweizerischen Israeltischen Gemeindebundes (SIG) für eine Streichung der SIG-Subventionen an den Hashomer Hatzair. Die Geschäftsleitung des SIG stimmte dem Streichungsantrag der Basler zu. Sie stellte sich auf den Standpunkt, der Hashomer Hatzair befinde sich im Fahrwasser der Kominform und beeinflusse die Jugend «antireligiös», während die Achtung vor der Religion und die Erziehung der Jugend im religiösen Geiste eine der Grundlagen bildeten, auf denen die Mitgliedergemeinden des SIG aufgebaut seien.

Drei Positionen

Im Oktober 1952 kam es im Centralcomite des SIG zu einer ausgiebigen Diskussion dieser Angelegenheit. Es ging dabei im Kern um die Frage nach jüdischer Identität beziehungsweise nach dem Repräsentationsverständnis der jüdischen Gemeinden und ihres Dachverbandes, wie sie bis heute unter etwas anderen Vorzeichen immer noch geführt werden. Wer und was ist «jüdisch»? Und wie geht man mit einer säkularen jüdischen Identität um?

Im Wesentlichen kristallisierten sich drei Positionen heraus: diejenige der linken Zionisten, die von einem pluralistischen Verständnis von Judentum ausgingen und für Toleranz gegenüber einer säkularen jüdischen Identität eintraten; diejenige der Orthodoxie, für welche ein Abweichen von der Halacha, den jüdischen Religionsgesetzen, einer Abkehr vom Judentum gleichkam; und schliesslich die unter anderem von der Basler Delegation formulierte Haltung, welche sich durch ein religiös-konservatives und antikommunistisches Selbstverständnis auszeichnete.

Der Zionismus

Eröffnet wurde die Diskussion vom Zionisten Veit Wyler, der zwar parteipolitisch nicht gebunden war, sich aber der politischen Linken zugehörig fühlte. In einem langen Votum plädierte er für einen besonnenen Umgang mit dem Hashomer und kritisierte gleichzeitig die Geschäftsleitung, welche an einem religiösen Grundcharakter des SIG festhielt. Eine solche Haltung sei widersprüchlich und unglaubwürdig, meinte Wyler und stellte seinerseits die Religiosität der Geschäftsleitungsmitglieder – mit Ausnahme des orthodoxen Vertreters René Meyer – in Frage: Sie seien «gute Juden» aufgrund ihres Engagements für den Gemeindebund und nicht etwa, weil sie es mit der Religion ernst nähmen. Daher seien sie schlecht platziert zu entscheiden, wer nun «ein guter und wer ein schlechter Jude» sei. Wenn man der Meinung sei, eine linke Jugend befinde sich auf dem falschen Weg, so müsse man daran interessiert sein, diese zurückzugewinnen und ihr nicht noch einen Fusstritt zu geben, war Wyler überzeugt. Im Weiteren zeigte er die Widersprüchlichkeit im Umgang mit dem Begriff der «jüdischen Solidarität» auf: Während des Krieges habe man alle jüdischen Menschen und damit auch diejenigen, die von der Religion nichts hielten, zum Eintritt in die Gemeinden aufgefordert. Heute hingegen werde die Einhaltung des Kultus zur Bedingung für eine Unterstützung gemacht. Gerade mit der Flüchtlingshilfe hätten die Gemeinden Aufgaben übernommen, die weit über den Kultus hinausgingen. Im Weiteren plädierte Wyler für Besonnenheit im Umgang mit Ausdrücken wie «moskauhörig»: Auch wenn die Mapam (Vereinigte Arbeiterpartei) eine linksstehende sozialistische Partei sei und gewisse Leute den Anschluss an den «Osten» wünschten – wenngleich diesbezüglich auch ohne offiziellen Beschluss –, in der Schweiz seien alle Parteien, solange demokratisch organisiert, zugelassen: «Wir in der Schweiz und von der Assimilation stark ‹Angekränkelten› sollten nicht Pioniere des Rückschritts sein und nicht die Ächtung einer Gruppe fordern, die in Israel, den USA und überhaupt überall, nur nicht im Ostblock, geduldet ist.» Und schliesslich würdigte Wyler die Verdienste der Jugendbewegung und versuchte, das Gremium von der Absurdität und Unmenschlichkeit einer rigorosen religiösen Dogmatik zu überzeugen: «Die ersten Führer des Aufstandes im Warschauer Ghetto, die dem Haschomer angehörten, retteten Juden ohne zu fragen, ob sie die Thora halten oder nicht.»

Die Orthodoxie

Für den Vertreter der orthodoxen Israe-litischen Religionsgesellschaft Zürich,
W. Rosenblatt, kam eine Subventionierung des Jugendbundes nicht in Frage, dies jedoch weniger wegen der politischen als wegen der «areligiösen und antireligiösen» Einstellung des Hashomer. Er nahm das von Wyler genannte Beispiel des Aufstandes im Warschauer Ghetto wieder auf, das von ihm jedoch vollständig anders beurteilt wurde: «Aber nach den eigenen Worten des Haschomer ‹heiligten sie mit ihrem Kampf den Namen nicht jenes alten Gottes, sondern den des ewig jungen, schaffenden Lebens›, wodurch dieser Kampf an Wert für das Judentum einbüsste.» Immer vorausgesetzt, dass die Worte des orthodoxen Rosenblatt richtig protokolliert sind, hatte in seiner Weltsicht die Einhaltung der Religionsgesetze mehr Wert als die Rettung von Menschenleben. Eine solche Argumentation hätte innerhalb des religiösen Judentums und hier auch in der Orthodoxie durchaus Widerspruch erregt, da die Würde des Menschen und die Rettung von menschlichem Leben ein zwingender Grund für die Brechung der halachischen Gebote und Verbote ist. Die Ignorierung der Kollusionsproblematik und des Brechungsgebots verdeutlichen an dieser Stelle, dass es wohl um eine Fundierung des politischen Entscheids ging, den Hashomer Hatzair zu desavouieren. Toleranz gegenüber einem anders gelebten Judentum kam somit nicht in Frage. Durch die hohe moralische Autorität, welche Religion und rabbinisches Denken in jüdischen Gesellschaften geniessen – so hat sich beispielsweise auch der säkulare Zionismus religiöser Symbole bedient, und in Israel ist das zivilrechtliche Verhältnis zwischen Staat und Religion nicht entflochten –, kam der religiösen Haltung schliesslich das Definitionsmonopol zu.

Die Neutralen

Wortführer der Basler Position war Charles Liatowitsch, der weder die Integrität der jungen Leute im Hashomer Hatzair noch die Bedeutung des Jugendbundes in Frage stellen wollte. Selbstkritisch meinte er: «Zum Teil sind es die Besten, die dieser Jugend angehören. Es ist unser Fehler, wenn sie sich auf dem Boden befinden, wo sie heute stehen.» Er betonte, dass die Ablehnung gegenüber dem Jugendbund in Basel nicht nur auf die Gegnerschaft der chaluzischen Bewegung zurückzuführen sei. Im Gegenteil. Als leidenschaftlichsten Bekämpfer einer Subvention nannte Liatowitsch ein Basler Delegationsmitglied, das unmittelbar vor der Auswanderung nach Israel stand. Die Basler Delegation lehnte sowohl die politische Ausrichtung des Jugendbundes als auch dessen «bewusste Areligiosität» ab: «Es kann nicht Aufgabe des SIG sein, sich in weltpolitische Auseinandersetzungen einzumischen, sondern er muss absolute Neutralität bewahren.» Die Religion bewusst auszuschalten, widerspreche den Grundprinzipien, auf denen die jüdischen Gemeinden in der Schweiz aufgebaut seien. Ein anderes Basler Delegationsmitglied, I. Werczberger, warnte vor dem anscheinend totalitären Charakter des Bundes und setzte die Mitgliedschaft einem Abfall vom Judentum gleich. Mit 13 zu sechs Stimmen beschloss das Zentralkomitee des SIG schliesslich, die Subventionierung des Ferienlagers des Hashomer Hatzair bis auf weiteres einzustellen.

Noëmi Sibold: Bewegte Zeiten. Zur Geschichte der Juden in Basel, 1930er bis 1950er Jahre. Chronos Verlag, Zürich 2010. Der vorliegende Text stammt aus dem Kapitel «Nach der Schoah: Die Basler Jugendkrise». Die Buchvernissage findet am 1. Juni in Basel statt.