Wer sind die Juden?

Von Fabio Luks, April 15, 2011
Anlässlich der Gastprofessur Wissenschaft und Judentum an der ETH Zürich, die in diesem Frühjahr vom renommierten Historiker Michael Brenner besetzt wird, fand Anfang April ein Workshop zum Thema «Von der jüdischen Rasse zu den jüdischen Genen? Stereotypen und moderne Forschung» statt.

Spätestens seit der Tel Aviver Historiker Shlomo Sand 2008 sein Buch «Die Erfindung der jüdischen Na­tion» herausbrachte, welches 19 Wochen auf der israelischen Bestsellerliste stand, und seit Thilo Sarrazin im letzten Jahr in seinem Buch «Deutschland schafft sich ab» behauptete «Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen», stellt sich wieder einmal die Grundsatzfrage: «Was sind die Juden?» Diese Frage ist denn auch der Titel von Michael Brenners Seminar, welches  im Rahmen seiner Gastprofessur in diesem Frühjahr an der ETH Zürich stattfindet. Gibt es eine jüdische Rasse oder gar ein jüdisches Gen? Die Antwort lautet «nein», aber möglicherweise gibt es bestimmte Gensequenzen, sogenannte Haplotypen, welche sich innerhalb der jüdischen Welt gleichen. Dies behauptet zumindest der Genforscher Gil Atzmon, welcher den Workshop in Zürich eröffnete. Atzmon veröffentlichte im letzten Juni die bisher umfassendste Studie zur genetischen Verwandtschaft der Juden unter dem Titel «Abrahams Kinder im Gen-Zeitalter». Für die Untersuchung analysierte er 237 Personen aus sieben jüdischen Gemeinden, deren Grosseltern alle jüdisch sind. Dabei fand er unter anderem heraus, dass die Juden miteinander mehr genetisches Material teilen als mit der nicht jüdischen Umgebung und dass die aschkenazischen mit den sephardischen Juden sehr eng verwandt sind.

Die «jüdische Rasse»

Phillipp Lenhard stellte als erster Referent sein Dissertationsprojekt zum Begriff der «jüdischen Rasse» vor. Er ging der Frage nach, wann Juden in Deutschland und Frankreich anfingen, diesen Begriff zu verwenden und zu welchem Zweck. Nach Lenhards Untersuchungen existiert die Bezeichnung bereits seit den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts und wurde auch von den Juden als Selbstbeschreibung gebraucht, wenn es darum ging, sich gegenüber Feinden abzugrenzen.
Natürlich würde heute, nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und ihrer Rassentheorie, niemand mehr von «jüdischer Rasse» sprechen. Um «Rassengehirne» ging es im Vortrag von Michael Hagner, insbesondere um die Frage, weshalb die Gehirnforschung von den Nationalsozialisten vernachlässigt wurde, da es an qualifizierten Forschern im Land durchaus nicht gemangelt hätte. So gab es zum Beispiel Oskar Vogt, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Gehirnforschung, der zwischen 1925 bis Mitte 1927 das Gehirn von Lenin sezierte. Vogt war aber offenbar an Gehirnen von Berühmtheiten interessiert und wurde von den Nazis aufgrund seiner Untersuchungen in der Sowjetunion verschmäht.

Harte und weiche Definitionen

Von «situativer Ethnizität» zur Zeit der jüdischen Reform-Ära sprach Eberhard Wolff. Er verortete diese unter den jüdischen Ärzten des 18. Jahrhunderts in Berlin, welche zwischen ihrem Dasein als Arzt und ihrem Jüdischsein klare Grenzen zogen. Wolff unterscheidet die «harte» Definition von Jüdischsein im Sinne der Halacha und die «weiche» im Sinne der Selbstbestimmung. So seien in Amerika eher «weiche» und in Israel eher «harte» Definitionen an der Tagesordnung. Um «harte» Definitionen ging es auch in Alfred Bodenheimers Vortrag, in dem die gegenwärtige Politik in Israel und mögliche Zukunftsszenarien zur Diskussion standen.
Ein Zukunftsszenario entwickelte auch der Schriftsteller Leon de Winter in seinem Buch «Das Recht auf Rückkehr», in dem im Jahre 2024 an den Checkpoints mittels DNA-Checks überprüft wird, wer Jude ist und wer nicht, wobei das «jüdische Gen» über den Vater weitergegeben wird. Bodenheimer warf im Hinblick auf Israels momentane Einbürgerungspraxis die Frage auf, inwieweit halachische Definitionen zur Erlangung der Staatsbürgerschaft weiterhin massgebend sein können. Dies sei auch im Hinblick auf die nigerianischen Juden von Bedeutung. Diese wurden von Daniel Lis in einem Projekt des Schweizerischen Nationalfonds erforscht und von Binyamin Netanyahu als «Gefahr für den jüdisch-demokratischen Charakter» eingestuft.