Wer ist jüdisch?
Anfang November sorgte ein Gerichtsfall nicht nur in Grossbritannien für Aufsehen: Der britische High Court hatte in einem Diskriminierungsprozess darüber zu befinden, wer als Mitglied einer religiösen Gemeinschaft anzusehen ist: Wer ist ein Jude – und wer hat darüber zu befinden?
Ein zwölfjähriger Junge, dessen Eltern ihn an Londons traditionsreicher Jews‘ Free School (JFS) anmelden wollten, wurde nicht zugelassen – mit der Begründung, er sei nicht jüdisch. Die 1732 gegründete Lehranstalt, die als eine der besten des Landes gilt, ist ein Herzstück jüdischen Lebens in der englischen Hauptstadt. Als sehr renommiertes Institut erhält die JFS ein Vielfaches mehr an Bewerbungen um einen der rund 1900 Plätze, als Kapazitäten für Neuaufnahmen von Schülern vorhanden sind. Die Schule versteht sich als orthodox. Viele Schüler kommen aus Familien, in denen Judentum und Israel von zentraler Bedeutung sind, aber die JFS nimmt auch Schüler auf, die keinerlei jüdische Vorbildung mitbringen – und begreift diese Mischung der Website zufolge als Vielfalt und gute Ausgangsposition, um gemeinsam jüdische Werte zu entwickeln.
Blut oder Bekenntnis?
Im Fall des abgelehnten Jungen begründete die Schulleitung der JFS ihre Absage damit, dass die Mutter des Jungen nicht jüdisch sei; der Vater sei es sehr wohl. Ihren Übertritt zum jüdischen Glauben habe die Mutter im Rahmen einer nicht orthodoxen rituellen Zeremonie beziehungsweise in einer progressiven, nicht orthodoxen Synagoge vollzogen. Daher sei der Sohn des Paares nicht jüdisch. Bei ihrer Entscheidung berief sich die JFS auf Kriterien, die unter der Leitung von Jonathan Sacks, Oberrabbiner der United Hebrew Congregation of the Commonwealth definierte wurden. Dies berichtete die «New York Times» Anfang November. Der Fall löste eine breite Debatte aus: Wer ist Jude? Entscheidet das Blut oder das Bekenntnis? Anhänger gibt es für die eine wie die andere Haltung. Dadurch erhebt sich auch die Folgefrage: Spricht ein orthodoxer Rabbiner für die Mehrheit der heutigen jüdischen Gemeinschaft?
Vordergründig mag es bei dem Fall um die Untersuchung der strikten Zulassungspolitik einer renommierten und mit einer Bewerberflut konfrontierten Lehranstalt gehen. Doch die Streitfrage könnte sich als Exempel für Diskriminierung zum wichtigsten Fall in der jüngeren Geschichte der jüdischen Gemeinschaft entwickeln. Und zum Lackmustest für das praktizierte Verhältnis zwischen Staat und Religion. Dem entsprach das Grossaufgebot von Rechtsbeiständen, die im Gerichtssaal anwesend waren und nicht nur die Kontrahenten – die JFS und die Eltern des Jungen – vertraten, sondern auch die britische Regierung, die Menschenrechtskommission und die britischen Juden repräsentierten, wie die «New York Times» weiter berichtete. Beobachter des Prozesses sind der Auffassung, dass sich deutlich mehr als die Hälfte der englischen Juden mit liberaleren religiösen Haltungen identifiziert – also der Zugehörigkeit durch Bekenntnis.
Definition einer Religionsgemeinschaft
Die zentrale Frage im Verfahren war, ob die Zulassungskriterien der JFS auf der Prüfung der religiösen Zugehörigkeit ihrer Bewerber beruhen – was rechtens ist. Oder ob die Frage der Ethnizität eine Rolle in den Entscheidungsprozessen für oder gegen einen Aspiranten spielte – was wider das Gesetz wäre. Das Gericht kam zu der Überzeugung, dass der Zulassungstest der Schule auf ethnischen Kriterien beruhe, weil es den religiösen Status der Mutter stärker gewichtete als die persönliche Überzeugung ihres Sohnes – der sich als jüdisch versteht und seinen Glauben praktiziert.
Laut Gericht ist es legal, dass jüdische Schulen Plätze bevorzugt an jüdische Kinder vergeben und dazu von potenziellen Neuschülern Informationen über ausgeübte jüdische Praktiken erheben. Aber Zulassungen sollten allein vom Glauben des Aufnahme suchenden Schülers abhängen. Damit bezieht das Gericht als staatliche Instanz direkt Stellung zur Definition einer Religionsgemeinschaft. Die JFS hat ihre Regularien mit Verweis auf das Gerichtsurteil bereits angepasst: Auf der Website der Schule wird erklärt, dass die bevorzugte Vergabe von Plätzen fortan von einer Selbstauskunft abhängt, mit der die religiöse Praxis – etwa Synagogenbesuch, Engagement in der Gemeinde – als Ausdruck des gelebten Glaubens des künftigen Schülers erfragt oder belegt wird. Das entsprechende Formular «Zertifikate religiöser Praxis» kann dort heruntergeladen werden.
Konsequenzen nicht absehbar
Doch die Auswirkungen des Gerichtsurteils auf Tausende andere konfessionelle Schulen sind noch nicht abzusehen. Auch die katholischen Schulen beispielsweise, die im Allgemeinen ebenfalls einen sehr guten Ruf geniessen und mit Anfragen von Eltern bestürmt werden, die sich um einen Platz für ihr Kind bemühen, verfolgen eine strikte Zulassungspolitik. Eintrittskriterium ist dafür zwar nicht unbedingt die Zugehörigkeit zur katholischen, gleichwohl aber zur christlichen Religion –
belegt durch die Taufe. Die Folgen des Londoner Gerichtsurteils haben aber unzweifelhaft nicht nur Konsequenzen für die Schulpolitik auf der britischen Insel. Allein im Hinblick auf die jüdische Gemeinschaft und ihre liberalen und orthodoxen Gruppen birgt die durch den Fall aufgeworfene Frage der Zugehörigkeit durch «Blut oder Bekenntnis» viel Zündstoff – zielt sie doch direkt ins Herz jüdischer Identität.