Wer hat den Krieg erfunden?
Manipulation. Jedes Morden beginnt mit Worten, jedes Erinnern endet in Worten, jede Leugnung geschieht mit Worten. Wer noch bis vor Kurzem das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz besuchte, erwartete unerwartet den Missbrauch der Opfer: Am Eingang zum Lagerteil Birkenau ein Karmelitenkloster mit zum Himmel hochragenden Kruxifix, in den Öfen der Krematorien christliche Heiligenbilder zu Dutzenden und Kreuze, niedergelegt von Besuchern, in den Dokumentationen kein Wort über jüdische Ermordete. Vernichtet waren Polen, Russen, Partisanen worden. Aber keine Juden. In Auschwitz hat scheinbar keine ethnische Massenvernichtung stattgefunden, aber eine Massenmission nach dem Krieg, eine polnisch-staatlich inszenierte Leugnung der Geschichte und der Opfer durch Schweigen, Auslassen, Umdeutung. Die Opfer, die Toten, wurden zum zweiten Mal getötet: Nach der physischen Vernichtung verbannten Politiker, Funktionäre, Propagandisten, Rassisten ihre Namen auch noch aus der Geschichte, während viele Täter der Justiz entkamen und bis heute unter uns leben.
Denunziation. Anne Frank wäre am heutigen Freitag 80 Jahre alt geworden. Wäre! Sie wäre 80 Jahre alt geworden, wenn sie, ihre Familie sowie die Mitbewohner in ihrem Versteck, wo sie von den Nazis nicht gefunden zu werden hofften, nicht denunziert worden wären. Denunziert von einem ehemaligen Mitarbeiter Otto Franks, der für wenige Reichsmark «Finderlohn» zwei Familien in Tod, Verderben – in die Hölle schickte. Seit dieser Woche erinnert in Birsfelden bei Basel der erste Anne Frank-Platz an das Mädchen und seine Geschichte. Anne Franks Name bleibt der Geschichte erhalten. Auch Dank dieses würdigen Platzes. Doch die Erinnerung an das, was zu ihrem Tode führte, der Nationalsozialismus, die Judenverfolgung, die tödliche und nie geahndete Denunziation, sind vielerorts längst in den Hintergrund getreten. Die Mechanismen, die zum Massenmord führten, werden verwischt. Anstatt dass Erinnerung verinnerlicht wird und Opfer nicht neue Identitäten übergestülpt erhalten.
Instrumentalisation. Anne Frank war 15 Jahre alt, als sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Krankheit und Schwäche, Hunger und Durst, wenige Tage vor der Befreiung starb; wie so viele andere Menschen. Mit dem letzten Zug Richtung Auschwitz wurde die Familie deportiert und entkam damit knapp dem Leben. Menschliche Willkür entschied damals über Leben und Tod. Anne Frank, ein ganz normales jüdisches Mädchen seiner Zeit, das mit ihrem Tagebuch ein aussergewöhnliches Zeitdokument hinterlassen hat. Ein Schicksal unter sechs Millionen Opfern. Eine Symbolfigur, die indessen zur alles überlagernden Ikone verkommen ist, deren jüdische Herkunft in einem vermeintlichen Universalismus ertränkt wird. Das Mädchen, das gegen alle anderen Opfer ins Feld geführt wird von jenen, die sie vereinnahmen, instrumentalisieren als Projektionsfläche bis hin zum Fetisch nutzen wollen.
Transformation. Doch das ergreifende Schicksal Anne Franks ist keines der Vergangenheit. Denunziert, verraten, verleumdet wird wie je zuvor. Die Toten von morgen werden heute verraten, die Opfer von heute wurden gestern ausgegrenzt, die Erinnerungstafeln von übermorgen werden heute Gewissen beruhigen und nichts verhindern. Wenn die Erkenntnis aus der Geschichte Anne Franks nicht religions- und kulturübergreifend folgt, das Gedenken aber konkret bleibt, wenn also im Jetzt keine unideologische Konsequenz folgt, wenn Opfern nicht ihre eigene Integrität belassen wird, dann verschwindet die Wahrheit hinter den Namen, an die erinnert wird.
Der Autor ist Mitglied im Anne Frank Fonds Basel.