Wer glücklich lebt, lebt versteckt

May 11, 2010

Nach zwei Büchern über Szenen und Erinnerungen an das Zürcher Stetl hat sich der Autor Roger Reiss in seinem neusten Werk mit Geschichten aus dem jüdischen Genf befasst. Reiss ist in Zürich aufgewachsen und hat dort studiert, ehe er Anfang der siebziger Jahre nach Genf umsiedelte. Er ist pensionierter Banker und Künstler. In seinem Buch «Nicht immer leicht, a Jid zu sein» vermittelt Reiss in 26 verschiedenen Geschichten ungewöhnliche Einblicke in das vielfältige jüdische Leben von Genf. Hauptschauplatz ist das Kaffee Moule à Gâteau im Quartier Florissant, dessen Stammgäste genauestens porträtiert werden. Dazu gehören aktive Bauunternehmer, ehemalige Diamantenhändler, Überlebende von NS-Verbrechen oder gar israelische «Möchtegerngeneräle». Roger Reiss schildert auch aktuelle Probleme: Zum Beispiel, dass es für einen Angehörigen der aschkenasischen Minderheit nicht immer einfach ist, in der sephardischen Mehrheit zu bestehen. «Verschiedenen Spuren folgend, stiess ich auf ein auf sich selbst zurückgezogenes Judentum, über das man nur spärlich lesen kann. Je tiefer ich eintauchte, desto facettenreicher erwies sich das Judentum der internationalen Stadt Genf», erklärt Roger Reiss die Entstehung des Buches im Vorwort. Schätzungsweise 5000 bis 6000 Juden leben heute in Genf. Die zweitgrösste jüdische Gemeinde nach Zürich verzeichnet somit die grösste Zuwanderung von Juden in der Schweiz im 20. Jahrhundert, denn um 1900 wurden gerade einmal 1100 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner gezählt. «Als es galt, die Porträtierten mit den wahren Namen zu veröffentlichen, winkte man in einigen Fällen höflichst ab, denn nicht jeder will sich in der Öffentlichkeit unbedingt als Jude bekennen», erzählt Reiss über die oftmals erwünschte Anonymität der im Buch erwähnten Personen. Der Autor kam diesen Wünschen entgegen, ganz nach dem vielgehörten Motto «wer glücklich lebt, lebt versteckt». [lr]

Roger Reiss: Nicht immer leicht, a Jid zu sein. Chronos Verlag, Zürich 2010.