Wenn Goliath gewonnen hätte

November 19, 2010

In der endlosen Diskussion über das problematische Image Israels in den internationalen Medien hört man immer wieder das Argument, dass Israel einst als David galt, der den arabischen Goliath bekämpfte, doch in den vergangenen Jahren habe sich das Image umgekehrt: Die Palästinenser werden als kleine tapfere Nation beschrieben, die mit Steinen und primitiven Bomben um ihre Freiheit kämpft. Israel
dagegen sei der Gigant geworden, der mit F-16-Düsenjägern und Atomwaffen ausgerüstet sei.

Ganz instinktiv unterstützt die öffentliche Meinung im Westen den Unterhund, der den bis an die Zähne bewaffneten Giganten besiegt. Das ist leicht verständlich. Als nämlich der israelische Hirte aus Bethlehem den Krieger aus Gat besiegte, wurde er nicht nur mit der Hand der Königstochter belohnt und letztlich selber zum König gekrönt, er hat auch als Gewinner Geschichte geschrieben – Davids Weltanschauung hat sich als die korrekt etabliert.

Nehmen wir für einen Moment an, Goliath hätte gesiegt und es wäre an den Philistern gewesen, den nachfolgenden Generationen Geschichte zu übermitteln. Sie würde sich ungefähr wie folgt lesen: Eine moderne Nation, deren Mitglieder geholfen hatten, westliche Wissenschaft und Kultur zu schaffen, landete mit Schiffen aus Europa an den Gestaden des heutigen Landes Israel. Dort bauten sie Städte in der Küstenebene und versuchten mit Hilfe einer überlegenen Militärtechnologie, die primitiven Bergbewohner zu besiegen. Der Krieg dauerte einige Generationen, bis die Bergbewohner besiegt waren und das Königreich der Küstenebene die ganze Gegend übernahm.

Klingt das knirschend, geht die Nerven? Darum genau geht es: Nicht die Tatsachen bestimmen den Ton, sondern die Art, wie die Tatsachen dargestellt werden. Wenn man uns lehrt, dass die Philister unbeschnittene, böse Verlierer waren, werden wir sie mit Abscheu behandeln und auch dann nicht auf sie hören, wenn ihre Geschichte uns teilweise an unser eigenes Narrativ erinnert.

Der Kampf um die Auffassungen, Weltanschauungen, hat sich seit den biblischen Zeiten nicht sehr verändert. Die aus Israel berichtenden internationalen Medien sind im Land, um über den Konflikt zu berichten; Israel als unabhängige Einheit interessiert sie nicht. Für sie ist Israel Bestandteil einer laufenden Geschichte über Krieg und Frieden und nicht das fortgeschrittene, westliche Hightech-Land, als das es in den israelischen Medien beschrieben wird.

Die Geschichte wird auf eine Art dargestellt, die dazu tendiert, Israel in nachteiligem Licht erscheinen zu lassen, denn jene, die Israel mit Goliath vergleichen und die Palästinenser mit David, hoffen insgeheim auf einen Sieg des Hirten über den Krieger. Der israelische Versuch, andere davon zu überzeugen, Israel sei genauso wie der Westen, kommt etwa so an, wie wenn der Philister behauptete, die Aussenquartiere des antiken Ashkelon – Goliath war dort bekannt – hätten eher dem liberalen und fortschrittlichen Athen geglichen als den Feldern von Bethlehem, auf denen David Schafe hütete.

Die üblichen Ausreden für die Probleme, welche die israelische Öffentlichkeitsarbeit plagen, sind erbärmlich: Die Politiker sprechen nur mangelhaft Englisch, die Armee erlaubt die sofortige Publikation von Fotografien nicht, die Palästinenser werden als «Lügner» bezeichnet, und Goldstone gilt als «Schuft». Aber sogar wenn Avigdor Lieberman ebenso eloquent wäre wie Abba Eban, würde es dem israelischen Image nicht helfen. Das Problem liegt in der Darstellung, die Israel als den bösen Besetzer und Siedler präsentiert, die Palästinenser hingegen als gerechte Freiheitskämpfer.

Die Besetzung in Afghanistan wird im Westen als gerechtfertigter Verteidigungskrieg gegen die böse al-Qaida empfunden, was aus dem Töten von Zivilisten in Tora Bora ein notwendiges Übel macht. Die Operation «Gegossenes Blei» im Gazastreifen jedoch wird als erbarmungslose Schlacht geschildert, in der eine unschuldige Bevölkerung attackiertwird. Folglich wird das Töten von Zivilisten dort als Kriegsverbrechen verurteilt. Israels Argument, es handle sich um in Selbstverteidigungsakte, im Bestreben, palästinensische Raketenangriffe zu stoppen, überzeugt den Westen ungefähr so wie die alternative Goliath-Geschichte.

Das heisst nicht, dass Israel stets im Recht ist und nur Mühe damit hat, sein Vorgehen auch zu rechtfertigen. Unter den gegebenen Umständen ist die Darstellung der Geschichte viel mächtiger als Israels PR-Anstrengungen. Auch Tausende von Klagen wegen falscher Berichterstattung gegen BBC oder CNN würden diese Realität nicht ändern. Sie würden höchstens die Verärgerung gegenüber Israel und seine Repräsentanten vertiefen.

Was soll man also tun? Die offenbar unausweichliche Schlussfol­gerung läuft darauf hinaus: Wenn wir wollen, dass der Westen uns in einem günstigen Licht sieht, müssen wir unser Verhalten den westlichen Normen anpassen und einsehen, dass Blockaden, gezielte Ermordungen und die Siedlungen Israel in ein negatives Licht stellen. Wir können uns aber auch ein anderes Ende der biblischen Geschichte vorstellen: In der Nacht vor der entscheidenden Schlacht kommt der ägyptische Pharao ins Elah-Tal, ruft König Saul und die fünf militärischen Führer der Philister zu einer Friedenskonferenz zusammen und erreicht ein Abkommen über die Teilung des Landes zwischen dem Königreich der Küstenebene und dem Königreich der Hügel.

Ein solches Ende würde viel Blutvergiessen und viele Tote vermeiden, doch klingt es viel weniger heroisch und aufregend als die Geschichte, mit der wir erzogen wurden. Vielleicht ist sie deshalb viel weniger beliebt als die Hoffnung darauf, sowohl siegreich zu sein als auch recht zu haben.   


Aluf Benn ist Redaktor bei «Haaretz».