Wenn die Nacht zum Tag wird
Tel Aviv war schon immer für sein prickelndes Nachtleben bekannt und wird mit Sicherheit dem Ruf als Stadt gerecht, die nie schläft. Ich schliesse mich einer kostenlosen Führung durch das Nachtleben der Strassen Tel Avivs an und fühle mich dabei wie ein Kind im Süsswarenladen. An jeder Ecke gibt es hübsche und einladende Cafés oder Restaurants, deren Unterschiedlichkeit schier unermesslich ist und vom winzigen Kaffeehaus über Wein- und Bier-Bars bis zu trendigen, vornehmen Restaurants reicht. Wer durch die Strassen dieser modernen, pulsierenden Stadt geht, kann kaum glauben, dass dies alles buchstäblich aus dem Sand entstanden ist. Diesen April feiert Tel Aviv seinen 100. Geburtstag – und es gibt etliche gute Gründe zum Feiern. Tel Aviv ist unbestreitbar das kulturelle Zentrum Israels, aber mit seinen Dutzenden von Pubs, Bars und Clubs, die bis zum Sonnenaufgang fröhlichen Betrieb bieten, auch eine Metropole der Unterhaltung. Jeder neue Trend scheint in Tel Aviv anzufangen und aufzuhören.
Der im Geschäftszentrum gelegene Rothschild-Boulevard ist der perfekte Ausgangspunkt, um mit dem nächtlichen Abenteuer anzufangen. Nachts ist er romantisch beleuchtet und mit kleinen Buden übersät, die Drinks und schnelle Mahlzeiten anbieten. Ein Spaziergang von zehn Minuten bringt einen nach Newe Zedek, ein Viertel, das sich nach langen Jahren der Vernachlässigung zu einem von Tel Avivs farbenfrohsten künstlerischen Zentren aufgeschwungen hat. Es wurde 1887 gebaut und war damals die erste jüdische Gemeinschaft ausserhalb der Mauern des alten Yafo. Ein Streifzug durch seine engen Strassen, die von Galerien und Designerläden gesäumt werden, bietet Gelegenheit, pittoreske Häuser zu bewundern, die von russisch-jüdischen Einwanderern 1925 gebaut wurden. Seine Hauptstrasse, die Shabasi, quillt über vor Cafés, Wein-Bars, Bistros und guten Restaurants, die alle gleichermassen verlockend sind. Tanzfans müssen hier das Susanne-Dallal-Center für Tanz besuchen. Dort werden tägliche Vorstellungen von Israels berühmtesten Tanzgruppen geboten, und es gibt eine schöne, von Gärten umgebene Piazza.
Bohemiens und Aufmüpfige
Das Sheinkin-Viertel, ebenfalls nicht weit vom Rothschild-Boulevard gelegen, ist eine der trendigsten Gegenden und berühmt für seine Bauhaus-Gebäude. Nachts, wenn ihre weissen und pastellfarbenen Mauern vor dem Sternenhimmel leuchten, wirken die meisterlich renovierten Bauhaus-Schmuckstücke sogar noch fast eindrucksvoller als am Tag. Diese für Tel Aviv so typische, einzigartige Architektur wurde 2003 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. In Tel Aviv spricht man von ihr schlicht als von der «Weissen Stadt». Das Sheinkin-Viertel ist als das Mekka der Bohemiens und Aufmüpfigen bekannt und protzt mit einem Riesenangebot an Designerläden, Strassencafés, coolen Bars und Restaurants. Eines der beliebtesten Bistros ist das «Orna and Ella», berühmt für seine Süsskartoffel-Latkes. Das «Armadillo» seinerseits ist die bekannteste Bar und bietet mit seinem hübschen, aber nicht überladenen Dekor eine freundliche Atmosphäre. «In Tel Aviv hat alles mit Spass und gutem Leben zu tun», erklärt uns Doron Ozer, ein im Auftrag des Tourismus-Departements von Tel Aviv tätiger Führer. «Seit den frühesten Tagen der Stadt liebten es seine Menschen, im Freien zu leben und ihre Tage in Strassencafés zu verbringen. Dies ist ein kultureller Aspekt dieser Stadt und bis heute Teil ihres Charakters geblieben. Weil Tel Aviv nahe am Meer liegt, gibt es Ecken, die auf den Sommer ausgerichtet sind und solche, die eher im Winter locken. Das Stadtzentrum rund um die Lilienblum-Strasse ist offensichtlich mehr für den Winter zu empfehlen, während die Gegend um den Hafen im Sommer bevorzugt wird.»
Lange Partynächte
Der Hafen von Tel Aviv wurde nach einer längeren Zeit der Vernachlässigung renoviert und zu einem trendigen Komplex gemacht, wo man einkaufen, essen und feiern kann. Es ist kaum zu glauben, dass hier vor 30 Jahren nichts Anderes als eine alte Werft gewesen sein soll. Auf einem Spaziergang entlang der Hafenpromenade kann man die frische Meeresbrise geniessen und in einem der Gourmet-Restaurants, die wie das «Mul Yam» Meeresfrüchte oder wie das «Agadir» opulente Burger anbieten, schlemmen. Und nach einer guten Mahlzeit ist es Zeit für einen Drink in einer der vielen Bars oder einem der zahlreichen Clubs, die diese Gegend zu bieten hat. Der «Whiskey a Gogo»-Club etwa ist bekannt für seine wilde Atmosphäre und der bevorzugte Treffpunkt der lokalen Berühmtheiten. Wer nachts zum Hafen kommt, wird nicht lange fragen müssen, wo sich die Nachtclubs befinden. Man schliesst sich einfach den Rudeln sexy angezogener junger Leute an, die geduldig vor den entsprechenden Türen warten. In den meisten Clubs gilt das Mindestalter 25. Das Schlangestehen dauert meist lange und ist ermüdend, aber wenn man sich erst einmal die Beine erfolgreich in den Bauch gestanden hat, liegt eine lange Partynacht vor einem.
Eines der neu eröffneten Lokale am Hafen ist die «Old School», die mit einem hippen Dekor glänzt. Es ist mit seiner Mainstream-Musik sowohl als Tanzclub wie auch für jene geeignet, die sich lieber mit Zuschauen vergnügen. Wer es lässiger mag, sollte das «Erlich» ausprobieren, wo man neue Freundschaften schliessen kann und die Atmosphäre locker ist. Das ganze Hafenareal ist bei den vorwiegend jüngeren Besuchern auch beliebt, weil es in seinen Clubs Live-Musik verschiedenster Stile – beispielsweise Rock im «Riding 3» oder Jazz im «Shablul» – bereithält.
Die Club-Szene Tel Avivs ist bemerkenswert entwickelt und bietet jedem etwas. Man kann zwischen Megaclubs wie dem noch recht neuen und sehr beliebten «Hauman 17» oder kleineren, weniger schrillen und eher intimen Clubs mit günstigerem Eintrittspreis wählen. Kurzum: Tel Aviv ist Israels Supermarkt für alles, was mit Kultur, Nachtleben und Essen zu tun hat. Die Breite des Angebots ist schlicht unvergleichlich. Es ist eine Tatsache, dass die Lebensdauer einer neuen Bar, eines Pubs oder Restaurants in dieser Stadt kaum über drei bis vier Jahre hinausgeht, weil der Geschmack und die Nachfrage der Tel Aviver sich ständig ändern.
Diese Extravaganz ist die Magie und das Geheimnis Tel Avivs, das wie Phoenix aus dem Sand stieg und zu einem lebendigen Wesen wurde, das seine Augen nie schliesst. Sima Borkovski