Wenn der Heilige Geist spricht
Glaube, Kriege, Hoffnung: Keine Stadt ist so heilig und so umkämpft wie Jerusalem, und keine wird so verehrt. Tausende von Jahren Geschichte lasten auf der alten Geburtsstadt des Glaubens, in der drei monotheistische Religionen und zwei Völker koexistieren – und bis heute keinen Frieden finden. Zu keiner anderen Zeit bricht die bewegte Historie dieses magischen Zentrums der Religionen, das zugleich Brennpunkt des Nahost-Konflikts ist, machtvoller hervor als zu Weihnachten. Und zu kaum einer anderen Zeit des Jahres weilen so viele Reisende in Jerusalem wie in den weihnachtlichen Dezemberwochen. Viele der verzückten Besucher erleben dieses einzigartige Nebeneinander von göttlicher Geschichte und friedloser Gegenwart, von entrückter Besinnlichkeit und erdrückendem Massentourismus als schier überwältigend. Und mancher hält sich gar selbst für den Messias oder Abraham und wird zum Fall für die Psychiater. Nicht selten lautet deren Diagnose: Jerusalem-Syndrom.
Jerusalem sehen und verrückt werden
Das Jerusalem-Syndrom bezeichnet eine psychische Erkrankung, von der jährlich rund 100 Besucher oder Einwohner der Stadt Jerusalem betroffen sein sollen; 40 davon müssen jeweils der Schwere ihrer Symptome wegen in die Klinik aufgenommen werden.
Der israelische Arzt Yair Bar El diagnostizierte als erster dieses Krankheitsbild und behandelte Hunderte von Betroffenen. Das Jerusalem-Syndrom hat den Charakter einer akuten Psychose und äussert sich als religiöse Wahnvorstellung. Die israelischen Mediziner stellten fest, dass besonders um Weihnachten eine beachtliche Zahl von Pilgern in Jerusalem von seltsamen Symptomen befallen wird. Auch an anderen hohen jüdischen und christlichen Feiertagen oder während der Sommermonate steigen die Fallzahlen. Doch ist in diesen Fällen wirklich Jerusalem der krankmachende Faktor, oder waren die Betroffenen schon vorher verrückt? Die Ärzte haben eine «deutliche Korrelation zwischen Jerusalem als Ort religiöser Erfahrung und der psychotischen Episode» gefunden. Sie behaupten, dass die Intensität der Symptome in der Nähe der heiligen Stätten zunimmt. Juden fühlen sich dabei natürlich besonders von der Klagemauer angezogen.
Zwar gibt es religiös Entrückte unter den Pilgern, so lange es schon Reisen nach Palästina beziehungsweise Israel gibt. Und immer wieder waren darunter auch Menschen mit regelrechten Wahnideen. Das Jerusalem-Syndrom erinnert teils an das Florenz-Syndrom: Gemeint ist damit zum einen die Niedergeschlagenheit, in die junge Frauen um die Zeit des Fin de Siècle einst aus Sehnsucht fielen, wenn sie nach Bildungsreisen im sonnigen Italien in die verregnete Heimat zurückkehrten und depressiv wurden. Andererseits beschreibt das Florenz-Syndrom seit einigen Jahren ein komplexes Störungsbild, definiert von einer italienischen Psychiaterin, die unter den Besuchern in der toskanischen Stadt eine Tendenz zu bizarrem Verhalten und körperlichen Beschwerden wie Herzrasen und Schwindel ausmachte und diese als Folge einer kulturellen Reizüberflutung interpretierte. Allerdings wird für die Verwirrtheit in Florenz anders als in Jerusalem nicht das allgegenwärtige Religiöse, sondern die überwältigende Kunst in den Uffizien sowie die Schönheit der Stadt verantwortlich gemacht. «Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Grossen so nahe zu sein. Ich war in Bewunderung der erhabenen Schönheit versunken (…). Als ich die Kirche verliess, klopfte mir das Herz. Mein Lebensquell war versiegt, und ich fürchtete umzufallen.»
So beschrieb der französische Schriftsteller Stendhal seine Gefühle und Befindlichkeit, als er 1817 die Toskana-Stadt besuchte. Angeblich halluzinierend und der Ohnmacht nahe, verliess Stendhal die besagte Kirche und kam erst Stunden später wieder einigermassen zu sich. Tatsächlich berichten Mediziner seit dem 19. Jahrhundert immer wieder von verwirrten Zeitgenossen, die, erschöpft und überwältigt von den florentinischen Kunstschätzen, ärztlicher Hilfe bedurften. Zumal die Kunst und ihre Symbolik alte Wunden aufreissen oder den Betrachter etwas spüren lassen kann, was er nie ausgedrückt und nie gewusst hat. Das kann überwältigen: Auch Psychoanalytiker Sigmund Freud, auf der Akropolis einst selbst davon ergriffen, schrieb über die verstörende Macht der Kunst. Regelrecht verrückt aber macht offenbar vor allem die israelische Hauptstadt. Das Jerusalem-Syndrom hat daher bereits etliche Künstler, Schriftsteller und Filmemacher inspiriert – das Mysterium ist dadurch nur noch grösser geworden.
Identifikation mit biblischen Figuren
Das Jerusalem-Syndrom wurde vom am Kfar-Shaul-Klinikum tätigen Team um Yair Bar El Ende der siebziger Jahre klinisch entdeckt und erstbeschrieben. Das Kfar Shaul Mental Health Center gehört zur Hadassah Medical School der Hebäischen Universität in Jerusalem. Allein bis zum Jahr 2000 wurden dort 1200 Fälle von Jerusalem-Syndrom-Patienten beobachtet. Bar El untersuchte in einer Pionierarbeit 470 Betroffene, die zwischen 1980 und 1993 aufgenommen und als (vorübergehend) psychotisch eingestuft worden waren. Der Wissenschaftler teilt die Patienten mit Jerusalem-Syndrom in zwei Gruppen: solche mit psychiatrischer Vorgeschichte und solche ohne. So gebe es Fälle, in denen sich der Jerusalem-Effekt auf eine bestehende Symptomatik, etwa Schizophrenie mit Verfolgungswahn, quasi aufgepfropft habe. Patienten ohne entsprechende Vorerkrankungen wiesen zumeist milder ausgeprägte Symptome auf.
Dass auch bislang psychopathologisch unauffällige Patienten das Jerusalem-Syndrom entwickeln können, wurde unter Experten, etwa in renommierten internationalen Fachblättern, besonders kontrovers diskutiert. Von den untersuchten Patienten mit Jerusalem-Syndrom waren 66 Prozent Juden und 33 Prozent Christen. Letztere stammten meist aus Europa oder den USA. In der Gruppe der Christen dominieren wiederum die Protestanten. Diese hätten oftmals eine idealisierte Vorstellung von Jerusalem als einem heiligen, himmlischen Ort, als Stadt ihrer Träume. Getragen von Wunschdenken, erleben sie die Realität in der zerrissenen Metropole häufig als eine Art Schock.
Im auf das Wort ausgerichteten Protestantismus wie im Islam, so erklärte sich Bar El diesen Befund, spielen Ekstase und Riten eine kleinere Rolle als im Katholizismus, mit Papst und Heiligen, und als im Judentum. Dieser Unterschied könne die extreme Reaktion der Protestanten etwa auf spirituelle Grenzerfahrungen möglicherweise begünstigen. Die Wahnideen wirken in der Phantasiewelt des Erkrankten dann wie eine Art Brücke zwischen Traum und Wirklichkeit. Manche Pilger erleiden regelrechte Zusammenbrüche.
Die Betroffenen verspüren, meist am zweiten Besuchstag, eine unerklärliche Nervosität und Ängstlichkeit. Manche vollziehen komplizierte Reinigungsrituale, legen weisse Kleidung an und tragen Sandalen, um den biblischen Personen ähnlicher zu werden, mit denen sie sich identifizieren. Häufig werden die bekanntesten Figuren aus der Heiligen Schrift zum Objekt einer solchen Identifizierung: Moses, Jesus, der Prophet Elias, Johannes der Täufer oder Maria und Josef. Juden tendieren zu alttestamentarischen Figuren, Christen zu solchen aus dem Neuen Testament. Manche Erkrankte halluzinieren, singen Hymnen, verlesen selbstverfasste Aufrufe und Predigten, propagieren sonderbare Heilsbotschaften oder wähnen sich im Besitz überirdischer Kräfte, verlieren das Gefühl für Raum und Zeit.
Die Grenzen zum religiös ekstatischen oder schlicht exzentrischen Verhalten sind fliessend. Nicht alle Redenschwinger werden in die Psychiatrie eingeliefert. Kommt es dazu, sprechen die Patienten gut auf die Behandlung an. Nach vier, fünf Tagen ist der Spuk meist vorbei. Und er vergeht oft auch bei blosser Entfernung von den heiligen Stätten oder bei der Abreise. Doch es gibt auch extrem tragische Verläufe. Anfang 2007 berichteten die Medien über eine Tragödie, die sich am Flughafen Ben Gurion ereignet hatte; ein schwedischer Tourist warf seinen kleinen Sohn von einer Balustrade und sprang dann hinterher. Vermutlich, hiess es, habe der Mann am Jerusalem-Syndrom gelitten, zumal er bereits vor seiner Reise mit psychischen Problemen zu kämpfen gehabt habe.
Es ist zu bedenken, dass gerade die «Heilige Stadt» Hilfesuchende anzieht, die sich von ihr spirituelles Heil versprechen oder in einer Mission unterwegs zu sein glauben. Ihr wahres «Krankheitsbild» ist jedoch noch immer rätselhaft – liegt es wirklich an Jerusalem? Ein Bethlehem-Syndrom kennen die Ärzte jedenfalls nicht.