Wenig konstruktiv

Von Daniel Zuber, September 23, 2011
Ein Podium der Christlich-Jüdischen Projekte wollte mit Schweizer Persönlichkeiten aus Politik, Kirche und Gesellschaft über die propalästinensische Kampagne «Boykott-Desinvestition-Sanktionen» diskutieren.
Podium im Unternehmen Mitte

Als vergangene Woche das Kulturfestival Culturescapes mit Gastland Israel in Basel eröffnete, war auf den Protesttransparenten von Aktivisten der Schweizer Sektion der Kampagne «Boykott-Desinvestition-Sanktionen» (BDS) provokativ «Apartheidscapes» zu lesen (vgl. tachles 37/ 2011). In den vergangenen Wochen machte BDS Schweiz auch etwa mit einer, der Wochenzeitung «WOZ» beiliegenden Broschüre von sich reden (tachles berichtete). «Israelische Produkte? Kaufe ich nie!» stand da. Mehrere Schweizer Parlamentarier – darunter Geri Müller – unterstützten die Kampagne aktiv.

Diskursversuch

Am vergangenen Dienstag war BDS auch Thema einer Veranstaltung im Basler Unternehmen Mitte, die vom Partnerschaftsnetzwerk Christlich-Jüdische Projekte organisiert wurde. Thema war «Israelkritik im Schweizer Diskurs von Politik und Gesellschaft». Es sollte erörtert werden, ob «nach den vielen Worten nun Taten» folgten oder ob BDS als ein «Rückschlag in frühere Zeiten, heute: ‚Kauft nicht bei Israel!’» zu werten sei. Das Podium stelle einen Versuch dar, zu erörtern, ob ein konstruktiver Dialog zu dem emotional geladenen Thema möglich sei, so Pfarrer Nico Rubeli, welcher das Podium moderierte. Mit dabei auf Seiten der Befürworter war Nationalrat Geri Müller, welcher sich nach eigenen Angaben schon seit 25 Jahren mit dem Nahostkonflikt beschäftigt und mehrmals vor Ort war. Müller wurde unterstützt durch Sybille Oetliker, ehemalige Nahost-Korrespondentin sowie Autorin des Buches «Standhaft rechtlos. Frauen im besetzten Palästina». Auf der Seite der BDS-Gegner sass Sacha Wigdorovits, aktuell Geschäftsführer der Contract Media AG und ehemaliger «Blick»-Chefredaktor. Ebenfalls gegen BDS positionierten sich der Kirchenratspräsident der Evangelisch-Reformierten Kirche Basel-Stadt, Lukas Kundert, und Christina Tuor-Kurth, Leiterin des Instituts für Theologie und Ethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes.

Bereits gehört

Die Diskussion brachte wenig Überraschungen: Israel wurde der Menschenrechtsverletzungen, die BDS-Aktivisten des Antisemitismus und der Propagandamache bezichtigt. Die eine Seite bestand auf der Asymmetrie des Nahostkonfliktes, die andere betonte, dass beide Seiten Menschenrechtsverletzungen begehen und Teil des Problems seien. Antiisraelismus als neue Form von Antisemitismus kam zur Sprache sowie die Berichterstattung der Schweizer Medien zum Nahostkonflikt. Weiter thematisierte man den Apartheid-Vergleich, den BDS gerne ins Feld führt: Während Müller den Vergleich Israels mit dem Südafrikanischen Apartheidregime für legitim befand, da Israel «Apartheidpolitik per Definition» betreibe, betonte Tuor-Kurth, dass gerade dieser Vergleich BDS delegitimiere. Israel sei kein Apartheidstaat, «Juden und Araber teilen sich die Busse in Israel» und auch gebe es nicht einfach einen Agressor und ein Opfer, wie es BDS darstelle. Die Diskussion schweifte vom Thema BDS ab, starke Emotionalität war sowohl im Publikum als auch bei den Podiumsteilnehmern spürbar. Beide Seiten versuchten, die Opferrolle entweder Israels oder der Palästinenser zu unterstreichen und die Gegenseite lächerlich zu machen. Ein bemerkenswerter Beitrag kam schliesslich nach öffnen des Podiums aus dem Publikum: «Die Realität sieht so aus, dass beide Völker heute in Angst voreinander leben. Es macht keinen Sinn, das Elend der einen gegen das Leid der anderen abwiegen zu wollen.» BDS sei sicher kein Beitrag zu einer Lösung des Konfliktes sondern lediglich Symbolpolitik, so der Zuhörer. Die eigentlich zentrale Frage die diskutiert werden sollte sei es doch, was die Schweiz und die Schweizer denn konstruktives zur Konfliktlösung beitragen können.

Nicht eingeladen

Im Publikum auszumachen war auch Culturescapesdirektor Juriaan Cooiman. Er sei aus Interesse gekommen, steht Culturescapes doch aktuell im Fokus von BDS Schweiz. «Die Aktivisten stehen vor jeder Culturescapesveranstaltung und verteilten ihre Flyer», erzählt Cooiman. Das störe ihn jedoch nicht, er begrüsse den Diskurs sogar, der durch BDS entfacht würde. Cooiman erwähnt weiter, dass gleichzeitig zum Podium in Basel Podiumsdiskussionen zu Culturescapes vom Forum für Menschenrechte und von BDS in Zürich und am Mittwoch in Bern stattfanden. Er selbst war als Direktor von Culturescapes an beiden Anlässen nicht eingeladen worden.