Weltmacht im Jahrhundert der Netzwerke

Von Anne-Marie Slaughter, May 10, 2011
Die Unkenrufe vom «Untergang Amerikas» sind verfrüht. Als Nation mit dem besten Pozential für globale Netzwerke haben die USA exzellente Zukunftschancen.
Kleine Bevölkerung im Vergleich zu China Die Vorteile der USA beruhen auf Demografie, Geografie und Kultur

Wir leben in einer vernetzten Welt. Netzwerke bestimmen die Kriegsführung: Terroristen und die sie bekämpfenden Militärs operieren in kleinen, mobilen, untereinander und mit Nachrichtendiensten vernetzten Gruppen. Bei Krisen und Katastrophen arbeiten Diplomaten und internationale Hilfsorganisationen zusammen. Vor allem grosse Unternehmen operieren zunehmend als globale Netzwerke. Und natürlich tragen neue Medien wie MySpace oder Facebook zur Vernetzung unserer Gesellschaften bei. Gleichzeitig können für alle Erdbewohner bedrohliche Probleme wie Armut, Krankheiten und Klimawandel nur durch eine enge globale Kooperation staatlicher und privater Netzwerke gelöst werden.
In dieser Welt kann nur der Grad von Vernetztheit als Massstab von Macht dienen. Dies widerspricht der traditionell-männlichen Betrachtung von Macht als pyramidenförmiger Hierarchie. Natürlich kommt es daneben weiter zu bilateralen Konflikten wie dem russischen Einmarsch in Georgien 2008. Und unter traditionellen Gesichtspunkten ist Analytikern wie Fareed Zakaria beizupflichten, der von einer «post-amerikanischen Welt» spricht, in der andere Mächte auf-, die USA jedoch absteigen. Doch wir sehen die Entstehung einer neuen, vernetzten Welt, in der die USA einzigartige Vorteile hat. Diese beruhen auf der Demografie, der Geografie und der Kultur Amerikas. So ist die amerikanische Bevölkerung deutlich kleiner als die Chinas oder Indiens. Damit sollte zumindest theoretisch etwa die Einführung neuer nachhaltiger Energiequellen rascher und umfassender möglich sein. Gleichzeitig bietet die Heterogenität der US-Bevölkerung Anknüpfungspunkte an Nationen in aller Welt.
Geografisch sind die USA der Anker der atlantischen Hemisphäre, die den amerikanischen Doppelkontinent, Afrika und Europa umfasst. Zumindest die führenden Staaten dieser Region sind friedlicher, stabiler und wirtschaftlich differenzierter als die asiatischen. Amerika profitiert jedoch auch von seinen tiefen Bindungen dort. Gleichzeitig schützen die Weltmeere die USA von Bedrohungen oder politischen Unruhen in Übersee. Ein weiterer Vorteil ist die freiheitliche unternehmerische Kultur hierzulande. Diese kann zu einer Revitalisierung lokaler Herstellung etwa in der Landwirtschaft beitragen, aber auch vom Zugang zu den Weltmärkten profitieren. Damit haben die USA das Potenzial, auch zukünftig die innovativste und dynamischste Gesellschaft weltweit zu sein.

Leben in einer vernetzten Welt
Im Jahr 2000 unternahm Procter& Gamble eine weitreichende Reorganisation. Statt Herstellungsformeln für Erzeugnisse wie Seife oder Kartoffelchips geheim zu halten, öffnete der Konzern sein Portfolio und lud Lizenznehmer in aller Welt zu Produktionspartnerschaften ein. Zudem wurden Manager aufgefordert, mindestens die Hälfte neuer Ideen von ausserhalb der Firma einzuholen. P&G arbeitet heute mit Erfindern in aller Welt zusammen, die sich etwa über eine Website über neue Ideen austauschen. Auch IBM hat sich von einem zentral gesteuerten multinationalen Konzern in ein globales Netzwerk relativ autonom operierender Tochterunternehmen verwandelt. Dies sind nur zwei Beispiele für einen breiten Trend.
Dieser lässt sich auch bei NGOs feststellen. In den letzten Jahrzehnten haben sich Nichtregierungsorganisationen von kleinen Gruppen in globale Netzwerke entwickelt. So wuchs die Internationale Kampagne gegen Landminen von sechs auf heute über 1100 Gruppen in 60 Staaten an. Auch die Coalition for the International Criminal Court zählt heute über 2000 Mitgliedsverbände. Ihre Stärke verschafft derartigen NGO-Kooperationen deutlich mehr Einfluss, vor allem, wenn sie ihre Anstrengungen auf einen oder wenige Staaten konzentrieren. Regierungen reagieren jedoch langsam auf diesen Trend. So forderte die Denkfabrik Center for Strategic and International Studies das US-Aussenministerium zwar schon 2007 auf, «dezentralisiert, flexibel und mobil» zu operieren sowie Diplomaten «besser vernetzt, reaktionsfreudiger und informierter» werden zu lassen. Aber bislang ist hier erst wenig geschehen. Allerdings arbeiten etwa US-Gerichte heute besser und effektiver miteinander und mit Justizinstitutionen weltweit zusammen als noch vor wenigen Jahren.
Ähnliches gilt für Individuen, die David Rothkopf in seinem Buch «Superclass: The Global Power Elite» als Persönlichkeiten in Politik, Wirtschaft und Kultur analysiert, deren Einfluss weniger durch Vermögen oder Titel, sondern durch ihre Beziehungsnetzwerke bestimmt wird. Damit dieser Einfluss zur Geltung kommt, bedarf es jedoch «flacher» Organisationsstrukturen, die ein kreatives Zusammenspiel ihrer Mitglieder ermöglichen und offen für möglichst viele Kontakte sind. So lassen sich Kräfte und Expertise für spezifische Aufgaben bündeln. Die US-Regierung hat dafür als Koordinator der Hilfsmassnahmen nach dem Tsunami vom Dezember 2004 ein Musterbeispiel geliefert. Asiatischen Kulturen ist ein derartiges nicht hierarchisches Operationsmodell noch weitgehend fremd. Die Vorhersagen eines «asiatischen Jahrhunderts» etwa von Kishore Mahbubani aus Singapur erscheinen daher verfrüht.

Die Tücken der Demografie

Für die These eines Aufstiegs asiatischer Nationen wie China und Indien zulasten der USA werden stets auch demografische Daten herangezogen. Tatsächlich nehmen sich die 310 Millionen US-Bürger bescheiden gegenüber 2,5 Milliarden Indern und Chinesen aus. Aber Bevölkerungszahlen lassen sich nicht mehr so schlicht in Macht und Einfluss umrechnen wie im 19. und 20. Jahrhundert, als grosse Landheere und Binnenmärkte entscheidende Faktoren waren. Dabei bewiesen kleine Staaten wie Portugal und die Niederlande in der frühen Neuzeit, dass Handel und fertigendes Gewerbe eine exzellente Basis für Reichtum und Einfluss abgeben. Auch im 21. Jahrhundert ist weniger oft mehr: Die Staaten mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen sind fast durchweg kleiner. Heute müssen Binnenmärkte nur gross genug sein, um innovativen Firmen als Startbasis für den Schritt in globale Märkte dienen zu können. Dazu bedarf es jedoch der Beseitigung von Handelsbarrieren. Die produktiven Mitglieder einer Gesellschaft können so global Kooperationen eingehen und Chancen nutzen. Staatliche Regierungen müssen jedoch für Arme, Alte und Bedürftige sorgen, die auf diesem neuen Weltmarkt nicht mitmischen können. Aus diesem Blickwinkel dürften die 300 Millionen US-Bürger eine günstigere Grösse darstellen als die gewaltigen Bevölkerungen in China oder Indien.
Da der historische Trend seit 400 Jahren in Richtung Selbstbestimmung läuft, birgt schiere Grösse weitere Gefahren. So drohen China und Indien ethnische Spannungen, wie sie beim Zerbrechen des Sowjetimperiums auf-traten. Dank der auf eine demokratische Kultur der «Vielfalt in der Einheit» aufgebauten Gesellschaft ist der Zusammenhalt der USA durch derartige Risiken nicht gefährdet. Diese
Offenheit war lange gerade für die ehrgeizigsten und unternehmungslustigsten Bürger anderer Staaten attraktiv, die in den USA eine diversi-
fizierte Kultur der gegenseitigen Befruchtung geschaffen haben. Dies wird in Hollywood ebenso spürbar wie im Silicon Valley oder an amerikanischen Universitäten. Hier in Princeton sind es häufig ausländische Studenten, welche die besten Noten erzielen. Zudem können Immigranten dank der modernen Technik ihre Verbindungen in ihre Ursprungsländer leicht aufrechterhalten. So sind «transnationale Gemeinschaften» entstanden, die zum Wirtschaftswachstum der USA beitragen können.
Allerdings liegen die Vereinigten Staaten hier hinter China und Indien zurück. Beide Nationen verfügen seit dem 19. Jahrhundert über grosse überseeische Kommunen und heute kehren viele Studenten aus beiden Ländern nach ihrer Ausbildung – häufig in den USA – in ihre Heimatländer zurück. Amerika darf den Kontakt zu diesen jungen und kreativen Menschen nicht verlieren. Dies gilt natürlich auch für Studenten aus der übrigen Welt. Studienfreundschaften, Reisen, aber auch soziale Medien haben zudem zur Entstehung einer Generation von 18- bis 29-jährigen Amerikanern geführt, die der Demoskop John Zogby «First Globals» nennt. Die Hälfte dieser Alters-Kohorte verfügt Zogby zufolge über Freunde oder Verwandte ausserhalb der USA, ein Viertel von ihnen erwarten längere Auslandsaufenthalte im Lauf ihrer Karrieren. Die amerikanische Politik täte gut daran, derartige Ambitionen zu fördern.
Diskussionen über den «Aufstieg Asiens» vergessen allzu oft, dass die USA die Möglichkeiten einer besseren wirtschaftlichen Integration des amerikanischen Doppelkontinents noch lange nicht ausgeschöpft haben. Dies gilt etwa für den Energiebereich. Aber Washington hat noch einen langen Weg vor sich, ehe die westliche Hemisphäre nach dem Muster der Europäischen Union einen Wirtschaftsraum zum Nutzen aller Beteiligten bildet. Dies würde auch für die Zusammenarbeit mit Europa, Asien und Afrika grosse Vorteile schaffen. Zur Realisierung dieser Chancen muss die amerikanische Politik jedoch erheblich in Bildung und Forschung investieren. Allerdings ist die kulturelle Dimension hier bedeutsamer als wissenschaftliche oder technische Aspekte: Die amerikanische Gesellschaft ist innovativer als die chinesische, die zu sehr auf starre Hierarchien und Anweisungen «von oben» baut.
Da die chinesische Führung aus Angst vor Unruhen und zentrifugalen Tendenzen die Zügel fest in der Hand halten will, lässt sie auch kreativen Köpfen zu wenig Spielraum für Erfindungen oder neuartige Konzepte in Vertrieb oder Herstellung. Zudem wird die letztlich wachstumsfördernde «kreative Zerstörung» der kapitalistischen Marktwirtschaft in China von politischen Interventionen gegängelt, die auf kurzfristige Stabilität abzielen. Übertriebene Obrigkeitshörigkeit und die Scheu vor einer offenen Diskussion behindern in China nicht nur die politische Entfaltungsfreiheit, sondern auch wirtschaftliche Innovationen. Diese bedürfen zudem eines offenen Informationsaustausches, der in China ebenfalls nicht gegeben ist. So hat die University of California allein im Jahr 2003 mehr Patente generiert als China oder Indien. Dieser Vorsprung nimmt zwar ab, dürfte aber dank des «innovativen Ökosystems» (Richard Florida) der USA langfristig erhalten bleiben.

Die Welt der Wikis

Seit Alexis de Tocqueville in den 1830er-Jahren hat eigentlich jeder Beobachter des amerikanischen Lebens die Begeisterung der US-Bürger für Debatten und Vereinsgründungen notiert. Dies setzt sich heute mit Facebook, Blogs oder Stiftungen wie der Clinton Global Initiative fort. Besonders beeindruckend ist die «Wikipedia» als gemeinsame Anstrengung Tausender von Freiwilligen, die in der Lage sind, Streitigkeiten friedlich und ohne Anrufung von Gerichten zu lösen. Mit einer offenen und vertrauensvollen Kultur gesegnet, scheint Amerika daher besonders gut für eine dezentralisierte Welt und konstruktive Konfliktlösungen geeignet zu sein. Diese Eigenschaften strahlen in alle Welt aus und machen die USA zum Knotenpunkt globaler Netzwerke. Allerdings bestehen in den Vereinigten Staaten selbst immer noch Vorurteile und Konflikte zwischen unterschiedlichen ethno-kulturellen Gruppen, die einer vernetzten Zukunft im Wege stehen.
Um ihre Potenziale in einer vernetzten Welt tatsächlich auszuschöpfen, sollten die USA daher fünf Strategien verfolgen: Erstens ist eine umfassende Immigrationsreform notwendig, die illegale Einwanderer eingliedert und begabten Ausländern Visa zur Verfügung stellt. Diese sollten etwa durch Steuervorteile zur Gründung von Firmen animiert werden, die Verbindungen in ihre Ursprungsländer pflegen. Zweitens sollte unser Erziehungswesen Immigrantenkinder und benachteiligte Minoritäten fördern, diese etwa durch Auslandsaufenthalte. Obwohl dies politisch ausserordentlich schwierig ist, müssen wir drittens der rapiden Konzentration von Einkommen an der Spitze unserer Gesellschaft gegensteuern und Talenten aus der breiten Bevölkerung mehr Chancen offenhalten. Viertens sollten die USA die Beziehungen zu unseren südlichen Nachbarn verbessern. Hier liegen auch für amerikanische Firmen grosse Wachstumschancen. Letztlich wären unsere Eliten in Politik, Wirtschaft, Militär und Kultur gut beraten, die Bildung regionaler Netzwerke weltweit zu ermutigen und sich dabei zu engagieren.
Darüber hinaus liegt auf der Hand, dass wir etwa durch die Entwicklung grüner Technologien attraktive Produkte schaffen müssen, die uns für globale Partner attraktiv machen. So könnten Innovationen in beide Richtungen strömen. Daneben könnten amerikanische Universitäten durch die vermehrte Gründung von Dependancen in Übersee oder den Unterricht über das Internet zu «Klassenzimmern der Welt» werden. Wenn wir heute die richtigen Weichenstellungen treffen, können wir Amerika neu für eine vernetzte Zukunft erfinden. Über das dafür notwendige kulturelle Kapital verfügen wir. Amerika sollte sich nicht als Konkurrent anderer Weltmächte betrachten, sondern als Schlüsselfigur in einer integrierten Welt.    ●


Anne-Marie Slaughter ist eine der bekanntesten Völkerrechts-Expertinnen der USA. Sie hält die Bert-G.-Kerstetter’66-Professur für Politik und Internationale Beziehungen an der Princeton University. Slaughter war unter Präsident Barack Obama bis zum Februar 2011 Planungschefin im US-Aussenministerium. Das vorliegende Essay beruht auf einem Aufsatz im Fachblatt «Foreign Affairs».