Welt im Umbruch
Zehn Jahre danach sind sich die meisten der in dieser Ausgabe versammelten Experten einig darüber, dass die Reaktion der Bush-Regierung auf die Anschläge vom 11. September 2001 die Macht und das Ansehen der USA in der Welt schwer beschädigt haben. Der an der Columbia University in New York lehrende Nahosthistoriker Rashid Khalidi geht im Interview sogar so weit, die Kriege in Irak und Afghanistan deshalb als «dumm und völlig verfehlt» zu bezeichnen.
Dabei erkennt Khalidi hinter dem Einmarsch im Irak Saddam Husseins – der bekanntlich nichts mit «9/11» zu tun hatte – den Versuch der Neocons in der Umgebung von George W. Bush, Dick Cheney und Donald Rumsfeld einer grundlegenden «Neuordnung» des Nahen und Mittleren Ostens: Unter dem Motto der Demokratisierung sollten die als «künstlich» betrachteten Nationalstaaten zwischen Mittelmeer und Afghanistan entlang ethno-religiöser Linien aufgespalten werden. Dies hätte laut Khalidi die Errichtung einer amerikanischen Hegemonie ermöglicht, von der auch Israel profiert haben würde. Selbstverständlich sind derartige Konzepte längst auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Aber Khalidi ist davon überzeugt, dass das Gift ethno-religiöser Konflikte aus dem Irak in die gesamte Region gesickert ist. Der Historiker hält dies für eine verheerende und langfristige Folge von «9/11» – also der amerikanischen Reaktion darauf –, die etwa in der syrischen Variante des arabischen Frühlings erkennbar wird.
Der Historiker betont aber auch, dass der viel diskutierte «Abstieg» Amerikas ein Aspekt des «Aufstiegs» der Volkswirtschaften etwa Chinas, Indiens, Brasiliens und der Türkei ist, der auch ohne «9/11» stattgefunden hätte. Mit diesem Thema befasst sich mit Blick auf die Türkei der junge Politologe Viktor Willi, während der Princeton-Professor Aaron Friedberg einen kritischen Blick auf die Ambitionen Chinas wirft. Friedberg hat dazu jüngst das viel beachtete Buch «A Contest for Supremacy: China, America, and the Struggle for Mastery in Asia» vorgelegt. aufbau-Redakteur Andreas Mink widmet sich derweil der hitzigen Diskussion unter amerikanischen Experten über die Frage nach der aussenpolitischen Strategie von Barack Obama. Dass eine solche Debatte überhaupt geführt wird, zeigt zwar, dass Obama sich von der «Bush-Doktrin» der präventiven Kriege verabschiedet hat. Aber offensichtlich will Obama angesichts sinkender Beliebtheitswerte kein Bekenntnis zu einem wirtschaftlich unabdingbaren Abbau imperialer Verpflichtungen ablegen – dies würde auch Khalidi zufolge schlecht bei den von der «Exzeptionalität» ihrer Nation überzeugten Stimmbürgern ankommen.
Daneben hat aufbau-Autorin Monica Strauss ihre persönlichen Erinnerungen an «9/11» aufgeschrieben. Und mit Martin van Creveld setzt sich der bedeutendste Militärhistoriker unserer Zeit mit einer Frage auseinander, die durch «9/11» zum Leidwesen unzähliger Menschen brennend aktuell geworden ist: Gibt es eine «Kultur des Krieges» – und wie sehen deren Grundzüge aus? Van Crevelds Buch zu dieser Frage erscheint im Herbst auf Deutsch.