Weiners Lügen
Nachdem er die Öffentlichkeit, seine Partei, nicht zuletzt aber seine Frau Huma Abedin zehn Tage lang belogen hatte, gestand der New Yorker Kongressabgeordnete Anthony Weiner am vorletzten Montag unter Tränen langjährige «unziemliche Kontakte mit etwa sechs Frauen» über Telefon und Internet ein. Freiwillig hat der 46-jährige Demokrat diesen Schritt nicht unternommen. Ausschlag für die schockierende Offenbarung gaben neue Details über Botschaften und Fotos, die Weiner über Twitter unter anderem an eine Ex-Pornodarstellerin gesandt hat. Darunter ein Bild seines «Wieners», das Talkradio-Moderatoren zu der Einschätzung bewegt hat, Weiner sei «Manns genug, sich in New York durchzusetzen» – eine plumpe
Anspielung auf die Hoffnung des Abgeordneten, im Jahr 2013 die Nachfolge von Bürgermeister Michael Bloomberg anzutreten.
Seither sind Fotos publik geworden, die der von einem Handtuch kaum bedeckte Weiner von sich selbst in einem Spiegel des Fitnesszentrums im Kongress aufgenommen hat. Damit steht seine Behauptung in Frage, er habe die «Ressourcen seines Amtes» nicht für seine Eskapaden benutzt. Auch inzwischen an die Öffentlichkeit gedrungene Tweets und Mails lassen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. So bot ihm eine seine Gesprächspartnerinnen an, mit ihm «Dinge zu treiben, die deine Frau niemals tun würde». Weiner reagierte darauf, indem er einen sofortigen Anruf ankündigte. Obendrein hat er zumindest der Ex-Pornodarstellerin nach dem Bekanntwerden der ersten Bilder den Entwurf eines Dementis gemailt und ihr weitere Beratung für den Umgang mit den Medien angeboten.
Gefahr für die Partei
Die Obsessionen des Politikers mögen nicht gesetzeswidrig sein. Aber die laufenden Enthüllungen haben sich zu einer Gefahr für seine Partei entwickelt, die in den letzten Wochen angesichts der schlechten Wirtschaftsdaten erneut unter Druck gekommen ist. Zudem lenkt «Weiner-Gate» von den politisch riskanten Initiativen der Republikaner ab, die sich nun offiziell der Privatisierung des Renten- und Gesundheitswesens verschrieben haben und den Demokraten damit effiziente Munition für das kommende Wahljahr 2012 liefern. So wird die Reihe führender Parteifreunde täglich länger, die Weiner unmissverständlich zur Aufgabe seines Mandats auffordern. Neben der Fraktionsvorsitzenden Nancy Pelosi wandten sich prominente Frauen in der Partei wie Debbie Wasserman Schultz ebenso von ihm ab wie Steve Israel und andere Kollegen aus New York und Neuengland. Am Dienstag hat sich auch Barack Obama in die Niederungen der Affäre begeben und Weiner klipp und klar nahegelegt, den Kongress zu verlassen.
Grosse Selbstüberschätzung
Doch die kaum fassbare Selbstüberschätzung, die ihn zum seriellen «Sexting» verleitet hat, hält den Abgeordneten weiterhin im Griff. Weiner denkt bislang nicht an einen Rücktritt und hat lediglich am letzten Wochenende verkündet, er werde sich zwei Wochen lang an einem ungenannt bleibenden Ort «professionell behandeln» lassen. Er ist seither abgetaucht. Seiner Fraktion stehen nur geringe Möglichkeiten zur Verfügung, Weiner das Mandat zu entziehen. Die von Pelosi angekündigte ethische Untersuchung könnte viele Monate dauern. Vorerst kann sie Weiner nur seinen Sitz im Energieausschuss entziehen, was den Abgeordneten nicht sonderlich beeindrucken dürfte. Auf längere Sicht könnte den Demokraten jedoch die in New York anstehende Neuverteilung der Kongressmandate zu Hilfe kommen: Da der Gliedstaat gegenüber südlichen Landesteilen an Bevölkerung verliert, muss New York Kongressmandate abgeben. Auf der Liste der möglichen Bezirke, die mit anderen zusammengelegt werden könnten, stand schon vor dem Skandal Weiners Wahlkreis in Queens. Beobachter halten es nun für denkbar, dass die Demokraten versuchen werden, den Bezirk aufzulösen und Weiner damit zumindestens einen technischen K.o. versetzen.
Grund zum Rücktritt?
Dass er nun alleine dasteht, hat Weiner auch seinem Verhalten im Kongress zuzuschreiben. Inzwischen haben sich zahlreiche Demokraten anonym über die Arroganz und den mangelnden Fleiss ihres Kollegen beklagt, der sich lieber vor TV-Kameras als linksliberaler Hoffnungsträger aufspiele, als sich der politischen Kleinarbeit zu widmen. Weiner benutze sein Mandat nur, um sich in den Medien für die 2013 anstehenden Bürgermeisterwahlen in New York zu profilieren, so seine innerparteilichen Kritiker. Weiners Hoffnung auf die Bloomberg-Nachfolge hat sich durch den Skandal restlos erledigt. Stattdessen dürften ihn Existenzsorgen zum Festhalten am Mandat motivieren, da er ausser seinem Abgeordnetensalär von rund 140 000 Dollar im Jahr über keinerlei Einkommen und im Gegensatz zu zahlreichen Kollegen in beiden Parteien nicht über ein Privatvermögen verfügt. Zudem wurde mitten in dem Skandal publik, dass Huma Abedin schwanger ist.
Allem Anschein nach hat Weiner sein «Sexting» vor allem während der häufigen Abwesenheiten seiner Frau betrieben. Die 35-jährige Muslima pakistanisch-arabischer Herkunft ist die engste Vertraute von Hillary Clinton und begleitet die Aussenministerin auf deren Reisen. Dass Abedin Clinton bei ihrem Bemühen unterstützt, Amerika durch den «arabischen Frühling» zu steuern, während ihr Gatte sich mit Bardamen und Stripperinnen beschäftigt, dürfte die Aussenministerin zutiefst empören. Abedin hat Weiner im vergangenen Sommer geheiratet. Dabei übernahm Bill Clinton die Rolle des Zeremonienmeisters. Weiner hat ihn anscheinend nach seinem öffentlichen Geständnis reuevoll angerufen, aber auf die Unterstützung des in der Partei weiterhin enorm einflussreichen Altpräsidenten kann er fortan nicht mehr hoffen. Abedin steht dem Vernehmen nach jedoch weiterhin hinter ihrem Mann und will ihn nicht verlassen.
Ob Obamas Intervention Weiner zum Rücktritt bewegt, war bei Redaktionsschluss noch offen. Der Abgeordnete dürfte die Worte des Präsidenten nicht sonderlich ernst nehmen. Immerhin hat Obama im vergangenen Herbst den korrupten New Yorker Abgeordneten Charles Rangel zur Aufgabe seines Mandats aufgefordert. Doch der 80-jährige Politiker vertritt weiterhin Harlem im Kongress und hat sich nun hinter Weiner gestellt: Dieser habe sich «schliesslich nicht an kleinen Jungs vergangen» und deshalb bestehe keinerlei Grund zu Weiners Rücktritt.