Wehmütiger Blick zurück

Von Daniel Zuber, March 11, 2011
Sie kamen oft in den fünfziger und sechziger Jahren in die Schweiz als Flüchtlinge oder Migranten aus der arabischen Welt. Jahrzehnte später erleben sie am Bildschirm die Revolten und Umbrüche in ihren ehemaligen Heimatländern und oft schmerzvolle Erinnerungen werden wach.
FLUCHT INS UNGEWISSE 809 Passagiere verlassen mit diesem Schiff im April 1957 Ägypten durch den Suezkanal. Fast alle ägyptischen Juden wurden während der Suezkrise aus Ägypten vertrieben

Die arabische Welt bebt. In Tunesien wurde am vergangenen Montag zum dritten Mal nach dem Sturz von Zine al-Abidine Ben Ali die Übergangsregierung neu gebildet. Auch in Ägypten sind am Montag sieben neue Mitglieder der zivilen Übergangsregierung vereidigt worden. Das Land kommt jedoch auch einen Monat nach dem Sturz von Hosni Mubarak nicht zur Ruhe. Unruhen und Proteste verzeichnen auch Bahrain, Jemen, Oman, Algerien und Marokko. Saudi-Arabien untersagte strikt alle Demonstrationen und das Regime in Teheran versucht, Proteste bereits im Keim zu zerschlagen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen tobt in Libyen der Bürgerkrieg. Die Anzeichen für eine Niederlage des Ghadhafi-Regimes scheinen sich Medienberichten zufolge gerade zu verdichten. Die Umbrüche liessen auch die Angst hochkommen, dass Extremisten das entstandene Vakuum ausnützen könnten und so ein fruchtbarer Boden für antisemitische Aktionen und Pogrome vorhanden wäre.

Juden in Gefahr?

Anfang Februar kam es vor der grössten Synagoge in Tunis zu einer antisemitischen Kundgebung islamischer Fundamentalisten. Der Präsident der jüdischen Gemeinde in Tunis, Roger Bismuth, relativiert den Vorfall jedoch gegenüber tachles. Seither sei es zu keinen weiteren Zwischenfällen gekommen, er persönlich begrüsse die Umwälzungen in Tunesien sehr, die Juden seien ein Teil des tunesischen Volkes und es gebe ja auch etwa in der Schweiz antisemitische Vorfälle, wie die Attacke auf den Rabbiner-Assistenten in Lausanne in der vergangenen Woche beweise (vgl. tachles 9/11). Bismuth weiss von keinen Juden aus Tunis, welche das Land aufgrund der Umbrüche verlassen hätten. In Tunesien leben zurzeit rund 2000 Juden. «The Algemeiner Journal» berichtet derweil von sechs jüdischen Familien aus Djerba, welche aufgrund der Umwälzungen Alija nach Israel machen. In Ägypten, wo heute weniger als 100 Juden leben, grassierte der Antisemitismus auch vor dem Sturz Mubaraks. Sandro Manzoni, gebürtiger Alexandrier und Gründer des Vereins Amicale Alexandrie hier et aujourd’hui, erzählt, dass etwa das Buch «Mein Kampf» einfach so am Kiosk erworben werden konnte. Antisemitische Feindseligkeiten richten sich dabei vor allem gegen Israel. Aus Marokko, wo heute noch am meisten Juden im arabischen Raum leben, kamen keine aktuellen Berichte antisemitischer Vorfälle.

Ein langer Weg

Zwischen 1948 und 1970 haben nahezu 800 000 Juden die arabische Halbinsel und Nordafrika verlassen, meist auf der Flucht oder auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Auch in der Schweiz leben heute viele sephardische Juden aus besagtem Raum. Eine von ihnen ist Norah Lambelet. Heute lebt die pensionierte Pädagogin in Lausanne. Ihre Familie wurde nach der Suezkrise unter dem Regime von Gamal Abdel Nasser aus Ägypten vertrieben. Lambelet war 15 Jahre alt, als sie das Land verliess, in welchem sie geboren wurde und aufgewachsen ist. Die Bilder der aktuellen Umbrüche in Ägypten lassen auch Erlebtes wieder hochkommen: «Tief begrabene Erinnerungen kommen mit den Bildern der Demon­stranten und Revolten wieder ins Gedächtnis – schmerzhafte Bilder», so Lambelet. Dennoch hofft sie auf positive Veränderungen im Nahen Osten. Sandro Manzoni lebt heute in Genf. Sein Verein Amicale Alexandrie hier et aujourd’hui hat heute etwa 1000 aktive und 5000 eingeschriebene Mitglieder – davon rund 200 aus der Schweiz. Etwa die Hälfte der eingeschriebenen Mitglieder seien ehemalige ägyptische Juden. Manzoni fährt regelmässig nach Ägypten. Einige Synagogen, Friedhöfe und anderes jüdisches Kulturgut stehen noch, würden jedoch nicht mehr benutzt, erzählt er. In seinem Verein teile man schöne Erinnerungen, spreche über Kultur und Geschichte. Religiöse Unterschiede spielten keine Rolle. Für viele ägyptische Juden sei das Sprechen über die Vergangenheit noch heute oft schmerzhaft und unangenehm. Den Umbruch in Ägypten bewertet Manzoni positiv und als Chance. «Das Volk beweist eine gewisse Reife. Die Leute haben erkannt, dass nicht der Kolonialismus, der Imerialismus, die USA oder Israel schuld sind an der anzutreffenden Unterentwicklung, sondern dass das Problem von innen gelöst werden muss». Es gelte jedoch noch einen langen Wege zu gehen, so Manzoni.
Rabbiner Marc Raphaël Guedj, Geschäftsführer der Stiftung Racines et sources, sieht in den Revolten im arabischen Raum einen Hoffnungsschimmer. Er nehme die aktuellen Umbrüchen als Sepharde jedoch kaum anders wahr als ein Aschkenase, ein Israeli oder ein Europäer, so Guedj, welcher als zehn Jahre alter Knabe aus Algerien flüchten musste. Guedj verschlug es nach Toulouse, bis er mit 18 Jahren nach Israel ging und die Rabbinerausbildung absolvierte. In seinen Dreissigern wurde er Rabbiner in Paris und später Grossrabbiner in Metz. 2001 kam er nach Genf, wo er auch die Racines et sources gründete, um den interreligiösen Dialog zu fördern.

Kein Grund zur Panik

Roger Chartiel ist seit einem Jahr der Präsident der Communauté Israélite de Geneve (CIG). 1943 in Marnia an der algerisch-marokkanischen Grenze geboren, kam er 1962 in die Schweiz, um Architektur zu studieren, was ihm durch die Organisation ORT ermöglicht wurde, wie er erzählt. Vergangenes Jahr wurde er pensioniert und übernahm im Juni 2010 das Präsidium der CIG. Den Veränderungen in der arabischen Welt steht er offen gegenüber. Gerade die Entwicklungen der Beziehungen zwischen Ägypten und Israel würden in Marokko jedoch wachsam und etwas besorgt verfolgt. Robert Naggar, geboren in Alexandria, sieht die Revolten als Notwendigkeit auf dem Weg zur Demokratie: «Das musste kommen» meint er. Naggar hat Alexandria mit 17 Jahren verlassen. Als er in England studierte, brach die Suez-Krise aus. Zurückzukehren war unmöglich. Nach zehn Jahren in England verschlug es ihn in die USA und später nach Italien, bevor er sich in der Schweiz niederliess. Die Verluste und das Exil für die zuvor in Ägypten sehr wohlhabenden Naggars waren zunächst schmerzhaft. «Es blieb uns keine andere Wahl, als uns den Umständen anzupassen und unseren Weg weiter zu gehen», so Robert Naggar.
Viele jüdische Flüchtlinge sind aufgrund der aktuellen Umbrüche in der Schweiz nicht zu erwarten. Wie Michael Glauser, Sprecher des Bundesamts für Migration, mitteilt, seien noch keine Flüchtlinge aus dem arabischen Raum aufgrund der aktuellen Umbrüche in der Schweiz angekommen. Zwar würden Vorbereitungen getroffen, es sei jedoch fraglich, ob überhaupt Flüchtlinge kommen würden. Was die Umbrüche in der arabischen Welt für die verbleibenden jüdischen Gemeinden dort bringen werden, bleibt offen. «Ich bin keine Kristallkugel» betont Roger Bismuth. Grund zur Panik bestehe jedoch nicht.