«Wasserspülung und Verbrechen»
Von Monica Strauss
Im Jahr 1898 stiess der angehende Wiener Architekt Adolf Loos bei seiner Rückkehr von einigen Wanderjahren in Amerika diese Klage aus: «Unsere Wasserhähne, Toiletten, Waschtische etc. sind noch weit, weit hinter den englischen und amerikanischen Einrichtungen zurück. Dass wir, wenn wir uns die Hände waschen wollen, erst auf den Corridor gehen müssen, um das Wasser im Kruge zu holen, dass es Toiletten ohne Waschgelegenheiten gibt, das erscheint den Amerikanern als das Auffallendste. In dieser Beziehung verhält sich Amerika zu Österreich wie Österreich zu China.»
Dabei erwähnte Loos nicht einmal, dass Toiletten in der Wohnung – ob nun mit oder ohne Waschgelegenheit – im Wien des Fin de siècle nicht nur in der breiten Bevölkerung als unerhörter Luxus betrachtet wurden. Vom aristokratischen ersten Bezirk abgesehen, gab es in der ganzen Stadt weniger Toiletten als Wohnungen. Die Wasserversorgung war im Allgemeinen noch nicht individuell – auf jedem Stockwerk mussten sich mehrere Mietparteien einen Wasserhahn teilen.
Dieser Mangel an sanitären Einrichtungen sollte zur Quelle des Familienvermögens auf meiner mütterlichen Seite werden. 1891 wechselte mein Urgrossvater Leopold Guttmann nach einigen Jahren in den jüdischen Traditionsberufen Juwelier und Uhrenmacher (Fertigkeiten, die auf das Geldverleihen zurückgingen und für ein wanderndes Volk den zusätzlichen Vorteil hatten, mobil zu sein) zum stolzen Lieferanten von «Kommoden und Nachttöpfen». Diese zeichneten sich durch einen patentierten, hermetisch verschliessbaren Deckel aus, der Geruchlosigkeit garantieren sollte. Zudem bot Grossvater Guttmann Wasserbecken für Mietskasernen an, die «Bassenas». Offensichtlich erfreuten sich Leopolds Produkte rasch grosser Beliebtheit, denn schon wenige Jahre später konnte er sich «kaiserlicher Hoflieferant» nennen. Dabei war Kaiser Franz Josef berühmt-berüchtigt für seine Ablehnung modernen Komforts. 1895 annoncierte Guttmann seine «Kommoden» bereits in mehreren Möbelstilen wie Gothik oder Biedermeier und rühmte sein Etablissement als das erste und grösste seiner Art in Wien. Fünf Jahre später verlegte er seinen Schauraum in das Hochpar-
terre des eleganten Casa Piccola. Der Neubau vereinte Geschäftsräume und Privatwohnungen unter einem Dach und lag am Anfang der Mariahilfer-
strasse. Der Kaiser pflegte die breite Ausfallstrasse auf der Fahrt zu seinem Palast im Vorort Schönbrunn zu benutzen.
Das Casa Piccola war alles andere als «piccola». 1896 erbaut, hatte das Anwesen den Namen des Café Casa Piccola beibehalten, das seit 1830 auf dem Grundstück gestanden hatte. Das Café trug den Namen seines Gründers Dominik Casapiccola und war Treffpunkt der als Carbonari bekannten italienischen Nationalisten. (Schon damals waren die Wiener anscheinend für den Charme der italienischen Mode empfänglich und so waren viele Bürger der Stadt in den weiten, ärmellosen Mänteln der revolutionären Geheimbündler unterwegs, bis der Kaiser sowohl die Nationalisten, als auch ihre Tracht als Symbole der Subversion verbot.)
Vorläufer des Internationalen Stils
Die Bauherren waren der Tradition der Stätte treu geblieben und so fand im Grundgeschoss des fünfstöckigen Casa Piccola erneut ein Café gleichen Namens Platz. Wie sein Vorgänger konnte sich auch das neue Kaffeehaus bald eine spezielle Stellung in der Wiener Gesellschaft erobern, als es zum Lieblingslokal der Bewunderer der jungen Schauspielerin Lina Obertimpfler wurde, der Tochter des Proprietärs. Unter ihren Verehrern fand sich auch Adolf Loos, dessen Begeisterung für Amerika sich nicht auf die sanitären Errungenschaften der Neuen Welt beschränkte. In seinem Entwurf für das nahe dem Casa Piccola gelegene Café Museum widmete er einen Raum den Gibson Girls, die der Illustrator Charles Dana Gibson als Idealbilder des modernen, aktiven amerikanischen Frauentyps geschaffen hatte. Die lebhafte junge Lina schien diesem Bild bestens entsprochen zu haben. Die Schauspielerin und Loos heirateten 1902.
Das Café Museum löste jedoch einen architektonischen Skandal aus – aber nicht wegen der Liebeserklärung an einen amerikanischen Frauentyp. Abgestossen von den «Neo»-Fassaden – Gothik, Renaissance, Barock –, mit denen die Reichen und Mächtigen ihre Residenzen und Bürohäuser verzierten, hatte Loos Wien als «potemkinsche Stadt» bezeichnet und dem Café eine nüchterne, funktionale Ästhetik verliehen. Dies sollte ihn zu einem Vorläufer der Architekten des Internationalen Stils machen. Bei der Eröffnung schockierte das sparsame Dekor des Kaffeehauses die Wiener jedoch so stark, dass sie es Café Nihilismus nannten.
Doch im Casa Piccola setzten sich die künstlerischen Antipoden von Loos fest, als die Schwestern Flöge dort 1904 ihr Modeatelier eröffneten. Damals 31-jährig, war Emilie Flöge die Lebensgefährtin des Malers Gustav Klimt, der 1898 die Rebel-
lion gegen das konservative Künstlerhaus angeführt und gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter die Wiener Sezession gegründet hatte, die Bastion der modernen Kunst in der Stadt. Vom Erfolg dieser kollektiven Anstrengung inspiriert, riefen Architekten und Designer 1903 mit der Hilfe des jüdischen Textilunternehmers Fritz Wärndorfer die Wiener Werkstätte ins Leben. Der Idee des «Gesamtkunstwerkes» verpflichtet, wollte die Gruppe den Geist der Sezession in die Architektur und die dekorativen Künste tragen und die Kluft zwischen Kunst und Handwerk überbrücken. Einer der ersten Aufträge der Wiener Werkstätte war die Gestaltung des Verkaufsraumes der Schwestern Flöge.
Nachttopf als Urne
Für Loos verkörperte die Wiener Werkstätte alles, wogegen er so leidenschaftlich ankämpfte. Immerhin war seine Abneigung gegen künstlerische Verspieltheiten so extrem, dass er einen legendären Artikel mit dem Titel «Ornament und Verbrechen» publiziert hatte. Diese Überzeugungen wurden von seinem Freund Karl Kraus geteilt, der mit charakteristischer Schärfe formulierte: «Adolf Loos und ich, er wörtlich, ich sprachlich, haben nichts weiter getan als gezeigt, das zwischen einer Urne und einem Nachttopf ein Unterschied ist und dass in diesem Unterschied erst die Kultur Spielraum hat. Die anderen aber, die Positiven, teilen sich in solche, die die Urne als Nachttopf und die, die den Nachttopf als Urne gebrauchen.»
Bei den meisten Wienern hat das krasse Bild vom Nachttopf vermutlich unangenehme Assoziationen wachgerufen. Aber zwischen dem Geschäft der Schwestern Flöge und dem Café der Verwandten von Loos hatte sich Leopold Guttmann niedergelassen, der den «Spielraum» zwischen «Urnen und Nachttöpfen» tatsächlich dramatisch erweitert hat – aber nicht aus ästhetischer Überzeugung, sondern im Dienst der gesellschaftlichen Hygiene. ●
Monica Strauss, langjährige aufbau-Autorin, lebt und arbeitet in Manhattan.