«Was können wir schaffen, was überlebt?»
Interview: Irene Armbruster
Wenn Nicolas Berggruen nach Berlin kommt, hat er keine ruhige Minute. Morgens besucht er eine Schule, die in Zukunft den Namen seines Vaters Heinz Berggruen, des berühmten Kunstsammlers und Freunds Picassos, tragen wird. Mittags Essen mit dem Präsidenten der Stiftung Preussischer Kulturbesitz und abends ein Treffen mit dem Oberbürgermeister der Stadt.
Dazwischen hält er per Blackberry Verbindung zu den Büros seines internationalen Unternehmens Nicolas Berggruen Holdings GmbH in Los Angelos, Tel Aviv, Mumbai, New York und seit zwei Jahren eben auch in Berlin. Die «Chicago Tribune» schätzt den Wert des berggruenschen Unternehmens auf rund drei Milliarden Dollar. Der 46-Jährige begann nach seinem Studium in New York mit Investitionen an der Börse, später kaufte er Unternehmen und seit Neustem investiert er weltweit in Immobilien. Nicolas Berggruen gehört nicht zu den Menschen, die nur von ihrer geplanten Stiftung sprechen wollen, oder von dem Privat-Museum, das er für Berlin bauen will, um seine grosse Sammlung an zeitgenössischer Kunst auszustellen. Genauso wichtig ist ihm seine Hinwendung zum «social investing», das er im Immobilienbereich betreibt. Er will urbane Regionen aufwerten und lebenswerter machen – auch in armen Ländern. In Europa erwirbt er Bauwerke mit Geschichte, um sie neu zu nutzen, und er baut mit Stararchitekten in Städten, an die er glaubt. Das ist genauso Tel Aviv, wo er zusammen mit dem Architekten Richard Meier einen Tower plant, wie Berlin. Hier traf sich der aufbau mit Berggruen, der seine Privatimmobilien verkauft hat und nur noch in Hotels lebt, im Garten des Restaurants «Borchardt» und sprach mit ihm über Lebensträume und Mäzenatentumaufbau: Zu Beginn Ihrer Karriere wollten Sie Schriftsteller werden?
Nicolas Berggruen: Ja, ich habe geglaubt, mit Schreiben könnte man die Welt verändern. Aber ich bin leider ein sehr schlechter Schreiber und es wäre eine Katastrophe geworden. Ich habe Glück gehabt, dass ich das nicht gemacht habe – obwohl ich viele Ideen habe.
Glauben Sie, dass man mit Kunst die Welt verändern kann?
Ich bin sehr an Kunst interessiert – natürlich bin ich da auch sehr von meiner Familie geprägt. Kunst überlebt uns als Menschen und Kunst ist ein Weg, wie man mit der Welt in Kontakt treten kann. Kunst hat Einfluss und bringt Menschen in Verbindung. Das gilt übrigens auch für ein anderes Thema, das mich sehr interessiert: Architektur und Urbanität. Wir leben in der westlichen Welt – und bald wird es überall auf der Welt ähnlich sein – meistens in Städten. Ich bin von Städten fasziniert. Sehen Sie hier: Wir sitzen gerade mitten in Berlin in einem Garten. Solche angenehmen Erfahrungen sind für uns als Menschen wichtig. Deshalb ist Architektur für mich genauso wichtig wie die Kunst.
Sie investieren in Ethanolfabriken, Windkraftwerke und historische Immobilien
– lauter sinnstiftende Dinge. Dennoch haben Sie sich nun entschlossen,
Ihr Hauptengagement als Mäzen auf die Kunst zu legen.
Kunst ist für mich eine intellektuelle Herausforderung und es ist etwas, was bleibt. Ebenso ist es bei der Architektur. Gerade wird für die westlichen Gesellschaften diagnostiziert, dass viele Menschen sich nicht nur selbst verwirklichen, sondern vor allem Sinn stiften wollen. Ich glaube, das war und ist für alle Generationen wichtig. Für uns als Menschen ist es entscheidend, dass wir Dinge für uns selbst tun, aber auch, dass wir überlegen: Was für eine Aufgabe haben wir in der Welt? Was können wir schaffen, das überlebt? Was können wir tun, um die Situation von anderen Menschen zu verbessern? Aber das ist keine neue Idee, es ist ein Teil unseres Menschseins.
Hier in Berlin haben Sie einen Vorgänger: James Simon, jüdischer Baumwollhändler, hat viele der antiken Kunstgegenstände, wie die Nofretete, in die Stadt gebracht.
Er war eine prägende Figur in der Kulturförderung des Kaiserreichs und wurde nach seinem Tod völlig vergessen. Im Moment kämpfen Historiker dafür, dass eine Strasse nach ihm benannt wird. Ruhm ist nicht wichtig und sollte auch nicht das Ziel sein. Ausschlaggebend ist, dass man etwas Positives bewirkt. Natürlich gibt es viele Menschen, die es um der Anerkennung willen tun, aber viele bewegen auch etwas im Stillen – vielleicht ist das der bessere Weg. Auch wenn die menschliche Natur nach Anerkennung lechzt.
Sie planen neben dem Museum für Gegenwartskunst auch Ateliers für junge Künstler – sozusagen die Kernaufgabe für Mäzene.
Das Museum ist die eine Sache. Es wird bleiben und zu einem Teil der Stadt werden. Ateliers und junge Künstler – solche Dinge müssen sich entwickeln und dürfen nicht zu sehr institutionalisiert werden. Künstler machen am Ende, was sie wollen und so sollte es auch sein.
Sie unterstützen auch die Tate Modern in London, die ja kein Eintritt kostet und ein wirklich lebendiger Ort für die verschiedensten Kunstszenen ist. Ist die Tate Modern ein Vorbild?
Jedes Land macht es anders, aber England unterstützt die Kultur sehr und ich denke, sie haben recht. Kultur ist ein Wettbewerbsvorteil gerade im Bereich des Tourismus. Wenn die Museen gut sind, steigern sie die Lebensqualität der Londoner selbst, aber lebendige Museen bringen auch viele Touristen und Künstler in die Stadt. Das genau ist auch die grosse Chance von Berlin. Diese Stadt ist zu einem der grossen europäischen Museenzentren geworden. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Berlin in die Kunst und in die Museen investiert, umso mehr Besucher, aber auch Kulturschaffende wird die Stadt anziehen. Städte, die kulturell stark sind, sind es auch ökonomisch.
Sie sind gerade hier in der Stadt unterwegs, um die Planungen für Ihr Museum voranzutreiben. Was ist Ihr Eindruck: Ist ein solches Vorhaben einfacher in den USA oder in Deutschland zu realisieren?
Die Wahrheit ist, es ist überall schwierig. Ich glaube, in Amerika kann man so ein Unterfangen schneller umsetzen, Europa ist einfach bürokratischer. Alle, mit denen ich hier spreche – politisch Verantwortliche, Kulturschaffende – sind sehr positiv und hilfreich. Aber der Prozess dauert sehr lange und er ist kompliziert. Es funktioniert nur, wenn man dranbleibt und Druck macht.
Warum haben Sie sich Berlin als Standort für Ihr Museum ausgesucht?
Berlin kann auf eine grosse Geschichte zurückblicken. Es war eine der grossen Städte der Welt, dann wurde es eine Insel und jetzt hat es die Chance, wieder an die frühere Bedeutung anzuschliessen. Ausserdem ist Berlin die Stadt, in der meine Eltern aufgewachsen sind, und hier ist das Museum meines Vaters. Deswegen erschien es mir natürlich, Berlin den Vorzug zu geben. Wenn es hier nicht funktioniert, gehe ich woanders hin.
Wie entsteht die Idee des Mäzenatentums für das eigene Leben? Ist es eine angeborene Haltung, braucht es familiäre Vorbilder?
Ich glaube, es entwickelt sich. Die meisten Menschen denken zu Beginn ihrer Karriere nicht: Oh, ich will schöne und gute Sache für die Welt tun. Die Mehrheit sagt sich: Ich will arbeiten und Erfolg haben. Wenn der Erfolg da ist, beginnt man sich aber zu fragen: Warum mache ich das alles? Man beginnt darüber nachzudenken: Wie kann ich diesen Erfolg nicht nur für mich selbst nutzen? Ich glaube, das ist eine ganz natürliche Entwicklung.
Sie haben sich entschlossen, ein sichtbarer Mäzen zu sein. War es ein schwerer Schritt, in die Öffentlichkeit zu treten?
Ja, es war wirklich ein Schritt, aber es ist eben auch ein Commitment. Und wenn man so ein Museum aufbauen will, kann man es nicht alleine tun. Man braucht Freunde, Unterstützer und Helfer und muss deswegen die Idee auch kommunizieren.
Sie haben Anfang der neunziger Jahre angefangen, Kunst von Damien Hirst und Jeff Koons zu kaufen. Inzwischen sind es echte Vermögenswerte und der Kunstmarkt boomt weiter.
Ja, es gibt einen irrsinnigen Boom auf dem Kunstmarkt, und der hat mehrere Gründe. Es scheint einen wahnsinnigen Hunger nach Kunst zu geben und gleichzeitig haben viel mehr Menschen die finanziellen Ressourcen, um Kunst zu kaufen. Dieser Boom ist nun gut und schlecht. Er ist gut, weil mehr Menschen an Kunst interessiert sind, viele Künstler besser leben können, es mehr Sammlungen gibt, die irgendwann auch an Museen gehen werden. Er ist schlecht, weil auf dem Kunstmarkt eine Spekulantenatmosphäre herrscht und der Boom nicht ewig Bestand haben wird.
Wie entscheiden Sie?
Für mich ist das eine Frage des Instinktes. Die Frage für meine persönliche Entscheidung lautet immer: Hat dieses Kunstwerk auch noch in 30 Jahren Bestand?
Wie ist Ihr Zugang zu Kunst? Schauen Sie sich Dinge an, besuchen Sie Künstler?
Der Künstler schafft ein Werk, aber an dem Tag, an dem er fertig ist, entlässt er es in die Welt und es ist nicht mehr sein Werk. Das ist der Zeitpunkt, wo der Betrachter eine Beziehung zu dem Kunstwerk eingeht und nicht zu dem Künstler. Der kann abwesend sein oder nicht interessiert. Am Ende überdauert das Kunstwerk, oder das Gebäude oder das Buch.
Ihr Vater hat bis zu seinem Lebensende gesammelt ...
Ja, Kunst war sein Leben bis zum allerletzten Tag.
Ist das nicht ein wunderbares Motto für ein Leben?
Ja, wenn man das von sich und seinem Leben sagen kann, ist es das Allerbeste. Leider haben die wenigsten Menschen die Chance, das zu erleben. Aber wenn es gelingt, ist es wirklich die Krönung.