Was Juden von Vicente Fox erwarten

von Rhona Statland De Lopez, October 9, 2008
Wenn morgen Freitag Vincente Fox (58) als neuer Präsident Mexikos vereidigt wird, hat das Land erstmals seit über hundert Jahren wieder ein aktives römisch-katholisches Staatsoberhaupt. Nach über 70 Jahren hat die konservative Nationale Aktionspartei (PAN) in den Wahlen vom Juli die Institutionelle Revolutionspartei (PRI) wieder besiegt. Was bedeutet diese Veränderung für die jüdische Gemeinde Mexikos?

Wenn es um Politik geht, pflegen Mexikos Juden sich nicht in den Vordergrund zu drängen. Als der designierte Präsident Vincente Fox kurz nach seiner Wahl mit jüdischen Persönlichkeiten zusammenkam, schrieben die Zeitungen von einem «diskreten» Treffen, und die Namen der Juden, die daran teilgenommen hatten, wurden nicht erwähnt. «In Mexiko leben 50 000 bis 60 000 Juden, doch politisch treten wir kaum in Erscheinung», sagt der Geschäftsmann Abram Shamai. «Wir möchten in Ruhe gelassen werden.» Die Gewohnheit der Zurückhaltung geht vielleicht auf die 70er Jahre zurück, als der damalige Präsident Luis Echeverria 1975 eine führende Rolle bei der Verabschiedung der Zionismus-Rassismus-Resolution der UNO spielte.
Die mexikanische Verfassung aus dem Jahre 1857 trennt Kirche und Staat, und durch andere Gesetze wurden Heirat und Scheidung der kirchlichen Jurisdiktion entzogen. 1917, nach der mexikanischen Revolution, wurden der Kirche noch striktere Beschränkungen auferlegt, und seit 1929 ist die Religion in diesem Lande offiziell unsichtbar, obwohl 90% der Bevölkerung römisch-katholisch sind. Priester und Nonnen durften ihre klerikale Kleidung in der Öffentlichkeit nicht tragen, und religiösen Führern war es nicht gestattet, sich in die Politik einzumischen. Politiker wiederum schützten ihre religiösen Ansichten vor dem Auge der Öffentlichkeit. Im Laufe der Jahre bröckelten die religiösen Einschränkungen in der Praxis zusehends ab, und 1992 beendete ein Gesetz die meisten von ihnen auch formell. Noch immer aber ist das Engagement der Religion in der Politik von Gesetzes wegen verboten, wobei gerade dieser Aspekt in der Wahlkampagne des neuen Präsidenten, in welcher die Religion eine wesentliche Rolle spielte, im Mittelpunkt stand. Sehr oft zeigten die Medien Vincente Fox auf dem Weg zur Kirche, und der designierte Präsident hat die prominente neue Rolle der Kirche in der Politik bis zur äussersten Grenze ausgenutzt. Einer der Gründe für die Zurückhaltung der jüdischen Gemeinde liegt in der Tatsache begründet, dass einige ihrer Mitglieder entführt worden sind. «Die Juden sind vielleicht zum Ziel gewählt worden», meint ein Gemeindemitglied unter dem Schutze der Anonymität, «weil sie als wohlhabend gelten.» So stand denn auch das Thema Sicherheit weit oben auf der Prioritätenliste beim Treffen der jüdischen Persönlichkeiten mit Fox. Viele der jüdischen Sorgen seien, so meinte Fox, Sorgen der ganzen Nation. «Die Juden haben für Fox gewählt», meint die für eine grosse mexikanische Zeitung schreibende Esther Shabot, «weil sie zusammen mit den anderen Mexikanern die gleichen Probleme und Hoffnungen teilen.» Viele Beobachter fürchten, der Katholizismus werde wegen der konservativ-religiösen Haltung der PAN in Mexiko zu einer viel stärkeren Kraft werden. Fox selber macht aus seiner religiösen Weltanschauung zwar keinen Hehl, betont aber, er werde diese der Nation nicht aufzwingen. Zudem hat er zu einer Beendigung der Aggression gegen Menschen anderer Glaubensbekenntnisse aufgerufen und versprochen, eine Initiative zu lancieren, welche grössere religiöse Freiheit für alle garantieren würde. «Juden fürchten sich vor Intoleranz», sagt Vivian Antaki, Dekan des Endicott-College in Mexiko City. Fox habe, wie Abram Shamai unterstreicht, die Religionsfreiheit zugesagt sowie eine Fortsetzung der sekulären Erziehung in den öffentlichen Schulen. «Für uns ist Fox kein typischer Vertreter der PAN. Er ist geschieden und geht nicht regelmässig zur Kirche.»
Bei den Juden Mexikos löst Fox’ geschäftsfreundliche Haltung Zustimmung aus. Fox selber war einer der Direktoren von Coca-Cola für Mexiko und Zentralamerika. Zudem betreibt er seine eigenen Unternehmungen. Er ist ein Supporter des freien Unternehmertums und des steten Wirtschaftswachstums. Als Gouverneur des Staates Guanajuato ist er gegen bürokratische Auswüchse aufgetreten und hat Exporteuren geholfen, ihre Produkte leichter ins Ausland abzusetzen. «Wir alle sind froh über den Wandel», sagt Richard Pick, der seit über 40 Jahren aktiv ist in der mexikanischen Textilbranche. «Hoffentlich wird Fox sein Versprechen wahrmachen und der Korruption zu Leibe rücken. Das würde ein investitionsfreundliches Klima schaffen.»
JTA