Was ist objektiv, was ist subjektiv?

von Yves Kugelmann, October 9, 2008

Israel steht seit Jahrzehnten im Mittelpunkt des Medieninteresses. Journalisten fangen vor Ort Eindrücke und Bilder ein, berichten, kommentieren, analysieren, gewichten. Wie dies die Schweizer Medien seit Ausbruch der el Aksa-Intifada im September vergangenen Jahres tun, hat der «Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft» (fög) der Universität Zürich im Auftrag der Anti-Diffamationsliga (ADL) des Bnai Brith in Zürich und des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) in einer Studie untersucht (vgl. S. 1). Einmal mehr zeigt sich klar, dass die untersuchten Medien insgesamt ausgewogen über den Nahostkonflikt berichten, dass aber schon die Tatsache der unverhältnismässig starken quantitativen Beachtung des Krisenherds eine Gewichtung darstellt.
Viel Neues bringt die Studie nicht, aber sie bestätigt mit handfesten Belegen, dass die Medien ihre Aufgabe ernst nehmen und sie meist redlich ausführen. Das ist eine für die Medienschaffenden wichtige Information, noch wichtiger aber ist sie für das Publikum. Denn diese Aussage bedeutet, dass Herr und Frau Normalverbraucher ihre Aufgaben und Pflichten beim Konsumieren von News und Kommentaren nicht optimal erfüllen. Wie objektiv sind wir Kosumenten beim Beurteilen von Situationen und dem Bewerten der Medienarbeit? Wie unangetastet lesen und sehen wir? Wie sehr können wir uns auf allen Seiten von fixierten Meinungen lösen und offen auf die Thematik eingehen? Kritische Berichte sind nicht gleichzusetzen, mit negativer Absicht oder Gewichtung der Berichterstattung. So sehr Medien beide Seiten in einem Konflikt aufzeigen müssen - Leser und Zuhörer im Einzelfall oftmals schon als einseitige Berichterstattung klassieren -, so sehr gilt es, mit den gleichen an die Medien gestellten Massstäben zu lesen, sehen, zu hören und zu differenzieren. Wer heute - und deshalb ist die Studie gerade jetzt vor den israelischen Wahlen so wichtig - die Medien kritisiert, läuft Gefahr, sich den Vorwurf der Inkonsistenz gefallen lassen zu müssen. Nicht nur die Medien, auch die Konsumenten haben im Umgang mit Information grösste Verantwortung zu zeigen.