Was ist eine Delegiertenversammlung?

May 18, 2010
Editorial von Yves Kugelmann

Ist der Rahmen wichtiger als das Bild? Basis der Demokratie ist die Debatte. Demokratie wiederum ist die Basis der Debatte. Beide bedingen und befruchten sich hin zur Entwicklung von Gesellschaften, Körperschaften oder Staaten. Die Delegiertenversammlung (DV) des Schweizerischen Israeliti­schen Gemeindbunds (SIG) ist im Kleinen die Demokratie der Schweizer jüdi­schen Gemeinschaft. Parlamentarier und Stände treffen sich an einer DV, an der Anträge, Diskussionsbeiträge oder Motionen keine Drohung sein, sondern als Stärkung empfunden werden sollten.

Event statt Basisdemokratie. Mit viel Arbeit und Aufwand hat die Geschäfts­leitung (GL) des SIG der DV in diesem Jahr eine neue Form gegeben. Da ist viel investiert worden an Gedanken, Grundlagenarbeit, Geld. Doch neue Rahmenprogramme – so inhaltsreich diese und positiv die Resonanzen auch sein mögen – lösen alte Sorgen nicht: eine unzeitgemässe Struktur der SIG-DV. Die schöne Verpackung mach den Inhalt nicht besser. Der SIG hat neben offenen und nicht angetasteten pendenten Themen ein evidentes Demokratieproblem, wie die Fakten zeigen: Zusehends haben die Gemeinden Schwierigkeiten, SIG-Delegierte zu finden. Der Gang an die Auffahrtsversammlung verkommt für viele zur Pflichtauflage. Noch nie war die Anzahl Ersatzdelegierter so hoch und kaum je war die Mobilisierung der Delegierten so schwierig wie in diesem Jahr. Rahmenprogramm und Ort hin oder her. Dies führt die DV des SIG letztlich ad absurdum. Alibivertretungen fürs Quorum anstatt Delegierte, die sich während des Jahres mit den Sachfragen des Gemeindebunds auseinandersetzen, in Vorbereitungssitzungen oder mittels Anträgen, Motionen, Interpellationen, die Anfragen an der DV einbringen. Mit interessanten Workshops, spannendem Podium, exklusivem Diner wird der unverbindliche Rahmen, werden aber nicht die politischen Inhalte gestärkt oder anstehende Fragen des Schweizer Judentums gelöst.

Folklore anstatt Authentizität. Das von der GL für die diesjährige DV formulierte Motto «Jüdische Vielfalt» mündete in Folklore, statt dass das Thema innerhalb der DV oder allenfalls im Podium und den Workshops Niederschlag gefunden hätte. Gerade Genf – da am gleichen Tag auch die DV der Plattform der Jüdischen Liberalen Gemeinden stattgefunden hat – wäre die prädestinierte Stadt gewesen, um das Thema des Miteinanders von aschkenasischen, sephardischen, liberalen, orthodoxen und anderen Juden sowie dem politischen und gesellschaftlichem Umfeld in einer Diskussion und nicht nur in einem guten Film aufzuzeigen. Anstatt in einem anonymen Kon­gresszentrum am Flughafen hätte die DV im Herzen von Genfs blühender jüdischer Infrastruktur vorführen können, was «Jüdische Vielfalt» tagtäglich meint.

Stärkung der DV. Die DV muss dringend reformiert werden. Es wäre an der Zeit, die DV mit Raum für Diskussionen, mit relevanten Traktanden für einen einzigen Tag zu konzipieren, und zwar Anfang Dezember oder im Januar statt wie eh und je an Auffahrt. Dann würde auch das Jahresbudget rechtzeitig abgenommen werden können. Damit käme die DV nicht zwischen Workshops und Mittagessen gequetscht in Zeitnot, sondern würde ins Zentrum gerückt.

Inhalt oder Form. Der SIG ist kein Freizeitprogramm, sondern der Dachverband der jüdischen Gemeinschaft. Er ist das Podium für die Debatte. Geradezu symptomatisch war, dass etwa in den Workshops die im März präsentierte Nationalfondsstudie zur Entwicklung der Religionsgemeinschaften und die Bedeutung der Ergebnisse für die SIG-Gemeinden weder erwähnt noch diskutiert wurden, dass die brennende Frage um die Stellung Israels innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in den Workshops ausgelassen wurde. Die GL hat dazu eine klare aber kaum ausformulierte Haltung. Diese und andere politische Positionen – es sei denn, die GL scheut sich davor – sollen innerhalb einer DV vertieft und diversifiziert werden, statt dass die Willkür nach einer Rede von Arthur Cohn in eine Scheindebatte mündet, die dann wie jedes Jahr nach ein paar Wortmeldungen wieder im Sand verläuft. Workshops fangen dieses Manko nicht auf und sollen auch nicht diesen Anschein vermitteln.

Das Bild ist wichtiger als der Rahmen! SIG-Präsident Herbert Winter ist als Integrationsfigur vor zwei Jahren angetreten. Er hat Ruhe und eine neue Qualität in den Dachverband gebracht. Gut so. Doch nun muss er Themen setzen, unbequeme und einer Antwort harrende Fragen anpacken. Er muss mit seinem Team einen Schritt weitergehen und neue Formen mit Inhalt füllen. Hätte die Basler Delegation nicht die Förderung von Partnerschaften unter Singles gegen den Willen der GL durchgebracht, wäre die diesjährige DV sozusagen kaum aus dem Rahmen gefallen und reine statutarische Pflichtübung geblieben. Und das kann wohl nicht der Sinn einer Übung sein, die weit über 100 000 Franken kostete. Also: DV stärken anstatt in Rahmenprogramme investieren.