Was ist aus Gestapo-Chef Müller geworden?

von Tom Tugend, October 9, 2008
Höchstwahrscheinlich lebt Gestapo-Chef Heinrich Müller (Jahrgang 1900) nicht mehr? Das Simon-Wiesentahl-Zentrum hat den US-Kongress aber um die Einleitung einer Untersuchung zur Lösung eines der letzten Geheimnisse aus der Nazi-Zeit gebeten: das Verschwinden Müllers nach Kriegsende. Wurde er zum amerikanischen oder sowjetischen Agenten?
Gestapo-Chef Heinrich Müller: Nach dem Krieg im Dienst der Russen oder der USA? - Foto JTA

Es gibt Beweise dafür, dass Gestapo-Chef Heinrich Müller im April 1945 in Berlin im gleichen Bunker war, in dem Hitler sich das Leben genommen hat. Über das, was anschliessend mit Müller geschah, gehen die Meinungen auseinander. Einige der möglichen Szenarien:
- Müller, der direkte Vorgesetzte Adolf Eichmanns, wurde von der CIA als Experte für Kommunismus rekrutiert.
- Müller brachte sich, seine Frau und deren drei gemeinsamen Kinder zwei Tage vor dem Hitler-Selbstmord um. Gegen diese These spricht die Tatsache, dass bei der Öffnung von Müllers angeblichem Grab in Berlin vor über 30 Jahre die sterblichen Überreste zweier Soldaten gefunden wurden.
- Müller trat dem sowjetischen Geheimdienst bei und war in der Tschechoslowakei stationiert.
- Andere Länder und Orte, in denen man Heinrich Müller angeblich gesehen haben will: DDR, Schweiz, Brasilien, Argentinien, Paraguay, Damaskus, Washington und sogar New Hampshire.

Heinrich Müller kam am 25. April 1900 zur Welt. Die Wahrscheinlichkeit also, dass er noch am Leben ist, muss als sehr gering eingestuft werden. Rabbi Marvin Hier allerdings vom Simon-Wiesenthal-Zentrum meinte an einer Pressekonferenz in Los Angeles: «Die US-Regierung schuldet es der Geschichte und den Millionen, die starben und gefoltert wurden, die Lücken zu füllen und uns endlich alles zu erzählen, was sie von der Sache weiss.»
Das Büro für Sonderuntersuchungen im amerikanischen Justizministerium (OSI) hat den geheimnisvollen Fall jahrzehntelang verfolgt, und OSI-Direktor Eli Rosenbaum schliesst nicht aus, dass die Antworten in sowjetischen Archiven zu finden sind. Das Wiesenthal-Zentrum hat sich 1996 offiziell in die Suche eingeschaltet, als Rabbi Hier die CIA, das FBI, das Justizministerium und den ehemaligen Verteidigungsminister William Cohen um Unterlagen zu Heinrich Müller bat. Nach zwei Jahren gab die US-Administration 15 Seiten mit wenig brauchbaren Informationen frei. Die meisten der Dokumente blieben, so hiess es, aus Sicherheitsgründen, unter Verschluss. Als das Wiesenthal-Zentrum im Februar 1999 einen erneuten Versuch unternahm, erhielt es weitere 128 Seiten. Darunter befand sich das Memo eines amerikanischen Offiziellen, der 1961 schrieb, Müller sei am 28. Dezember 1945 in einem Internierungslager gehalten worden. Der Fall sei aber am 29. Januar 1946 «geschlossen» worden.Am 22. Februar gaben die National-Archive bekannt, die CIA habe weitere 500 Seiten der Müller-Dokumente gefunden, die in etwa einem Monat veröffentlicht werden sollen.
Heinrich Müller gehörte zu den 15 ranghohen Nazi-Persönlichkeiten, die im Januar 1942 an der Wannsee-Konferenz teilgenommen hatten, an der die Richtlinien der Endlösung der Judenfrage ausgearbeitet worden sind.

JTA