«Was er vergass, haben andere gar nicht erst gelernt»
Shai Doron, von 1988 bis 1993 Teddy Kolleks Bürochef, sagte einst: «Es war nie leicht, mit Teddy Kollek zu arbeiten, doch von ihm habe ich gelernt, dass jedes Projekt, das man in Angriff nimmt, für sich selbst wichtig ist und nicht als Sprungbrett für etwas anderes, etwa den Aufbau einer anderen Karriere, betrachtet werden darf.» Seit 18 Jahren leitet Doron den Biblischen Zoo in Jerusalem. «Teddy verstand überhaupt nichts von Tieren, doch trotzdem gelang es ihm, den Zoo zum wichtigsten Unternehmen seiner Jerusalemer Zeit zu machen.» Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: Über 850 000 Erwachsene und Kinder besuchen jedes Jahr den Zoo, fast 60 000 Personen besitzen ein Abonnement. Zahlen, wie sie keine andere Stätte in Israel auch nur annähernd vorweisen kann. Und ganz im Sinne Kolleks ruht sich auch Doron nicht auf seinen Lorbeeren aus. Derzeit befindet sich ein neues tropisches Haus im Bau, und auch ein grosses Aquarium ist in Planung. Shai Doron erinnert sich daran, dass er alle wichtigen Telefongespräche mithörte, die Kollek führte, und zwar auf ausdrücklichen Wunsch seines Chefs. «So gab es nie Unklarheiten darüber, wer was sagte, und die mühsame Arbeit des nachträglichen Erstellens von Protokollen erübrigte sich.» Teddy hatte, wie Doron betont, nie eine Abiturprüfung abgelegt, doch wusste er trotzdem enorm viel. Ohne sich aufs Glatteis der Spekulationen begeben zu wollen, ist Doron davon überzeugt, dass Kollek heute eine Teilung der Stadt Jerusalem befürworten würde. «Schon damals sah er die Problematik kristallklar: Wenn wir andere nicht respektieren, verspielen wir unser Recht auf die Stadt.»
Jerusalem vorantreiben
Maya Halevy, Direktorin des Bloomfield-Museums der Wissenschaften (jährlich 250 000 Besucher), denkt auch mit Nostalgie an die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Bürgermeister. «Als wir das Museum, ein Gemeinschaftsprojekt der Hebräischen Universität und der Jerusalem Foundation, planten, ging seine poltrige Art mehr als einmal mit ihm durch. Als ich mich einmal um eine Spende bemühen wollte, sagte er ohne Umschweife: Ich mache keine Wissenschaft, und du machst keine Gelder.» Diese Arbeitsteilung scheint gut funktioniert zu haben. Teddy, der das Projekt unbedingt verwirklichen wollte, kam immer wieder unangemeldet auf die Baustelle und war stets bestens über jedes Detail informiert. «Seine Aufgabe war es nicht, nett zu sein», meinte Halevy, «sondern die Stadt Jerusalem voranzutreiben.» Unvergessen ist die Episode mit Jeffrey Hoffman, dem ersten jüdischen Astronauten, der dem Museum eine Mesusa spendete, die er auf seine Reise in den Weltraum mitgenommen hatte. «Als wir ihn 1992 zur feierlichen Eröffnung des Museums einladen wollten, meldete er sich ab, weil er zum gleichen Zeitpunkt einen weiteren Weltraumausflug geplant hatte.» Teddys trockener Kommentar: «Eine faulere Ausrede habe ich noch nie gehört.»
Aus Fehlern gelernt
Amos Mar-Haim, Vizebürgermeister unter Kollek, kannte vor allem die politische Seite seines Chefs. «Vor den Wahlen des Jahres 1989 ernannte mich Teddy zu seinem Vize, der ihn in der Mitte seiner Kadenz ersetzen sollte (was aber nie geschah, Anm. d. V.). Er war damals immerhin schon 79 Jahre alt.» Dass Kollek auf seine Umgebung hörte, die ihm gute Chancen für eine Wiederwahl einredete, war für Mar-Haim «der Fehler seines Lebens». Den Sieg sicherte sich Ehud Olmert, indem er Charedim (Ultraorthodoxe) auf seine Seite zog. «Kollek hatte nichts am Hut mit der Tradition, doch nahm er stets Rücksicht auf die Charedim. So schloss er am Schabbat mehr Strassen in Jerusalem für den Autoverkehr als jeder andere Bürgermeister vor und nach ihm.» In seinem Buch habe Kollek eingestanden, dass es ein Fehler gewesen sei, 1989 nochmals zu kandidieren. In politischer Hinsicht lehnte Kollek einen Teil der neuen, nach 1967 entstandenen Viertel der Stadt ab, auch wenn er sie offiziell als Erfolg hinstellte. «Die Siedlungen in den Gebieten und im Zentrum des arabischen Jerusalem lehnte er ab, nicht aus ideolo-gischen Gründen, sondern weil sie die Spannung in und um Jerusalem unnötig erhöhten.» Zusammenfassend stellte Amos Mar-Haim seinem Chef und Weggefährten ein gutes Zeugnis aus: «Teddy hatte Visionen. Er war kein Technologe und sah Jerusalem nicht nur als Boden, sondern als ein Zentrum von Werten. Zudem wiederholte Kollek einen einmal gemachten Fehler nie.» Mar-Haim hält auch die Quartierverwaltungen für eine praktische Erfindung Kolleks. «Man konnte ja nicht 500 000 Menschen von einem kleinen Haus an der Yafo-Strasse aus leiten und lenken.»
Praktisch und wertorientiert
Mit Liebe und Dankbarkeit denkt Lia van Leer, Gründerin und bis heute Leiterin der Jerusalemer Cinematheque, an Teddy Kollek zurück: «Dass Jerusalem nach 1967 zu einem Weltzentrum wurde, war Teddys Verdienst. Seine Bautätigkeit lässt sich mit jener von König Herodes vergleichen.» Auch wenn Teddy den Sinn der Cinematheque zunächst nicht ganz einsah («Es gibt ja schon Kinos in der Stadt»), unterstützte er die Idee voller Begeisterung. «1981 zogen wir hier an den Abhängen gegenüber den Altstadtmauern ein, und heute werden bei uns in vier Sälen täglich 17 Filme gezeigt. Wir führen Debatten und Seminare durch. Zudem ist unser Filmarchiv mit 40 000 Titeln das grösste im Nahen Osten.» Lia van Leer charakterisiert Kollek mit zwei Zitaten, die sein praktisch und gleichzeitig wertorientiertes Wesen wiedergeben. Über die Palästinenser: «Man muss sie nicht lieben, aber man muss sie respektieren.» Über seine Arbeit: «Ich brauche nicht Ihre Bewunderung, ich brauchen Ihren Scheck.»
Teddy Kollek war ein innovativer Bürgermeister, der etwa die Gründung der heute sein Werk weiterführenden Jerusalem Foundation für sich verbuchen durfte. Von seiner Umgebung forderte er ungemein viel, aber nie mehr, als er selber nicht auch zu leisten bereit war. «Teddy war ein Mensch der Menschen», fasste Maya Halevy die Persönlichkeit des Mannes treffend zusammen, der vor 100 Jahren in einem ungarischen Dorf zur Welt kam, es aber viel lieber hörte, wenn von ihm als gebürtigem Wiener gesprochen wurde.