Was bei uns auf den Tisch kam

June 7, 2010
1948 in London geboren, hat Tony Judt in Cambridge und Paris studiert, ehe er in Cambridge, Oxford und Berkeley gelehrt hat. Seit 1995 ist er Erich-Maria-Remarque-Professor für Europäische Studien in New York. Judt wurde neben Büchern wie seiner «Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart» durch seine zahlreichen Essays zu politischen und historischen Fragen bekannt. Von der Gehrig-Krankheit nahezu vollständig gelähmt, hat der Historiker zuletzt eine Serie auto­biografischer Vignetten in der «New York Review of Books» publiziert. Wir publizieren daraus mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlags ein Essay, das ursprünglich «Food» betitelt war.
TIEFGEHENDE ERFAHRUNG Die Geschmäcke und Gerüche der mütterlichen Küche prägen Kinder lebenslang

von Tony Judt

Wer mit schlechtem Essen aufgewachsen ist, kann sehr wohl nostalgisch daran zurückdenken. Meine Kindheit war stark geprägt von der Ödnis der traditionellen englischen Küche, gelindert durch gelegentliche Andeutungen einer kosmopolitischeren Lebensart, die sich den verblassenden Erinnerungen meines Vaters (der seine Kindheit in Belgien verbracht hatte) verdankten, und durchsetzt mit allwöchentlichen Hinweisen auf ein gänzlich anderes Erbe – das Schabbatmahl im Haus meiner osteuropäisch-jüdischen Grosseltern. Diese eigentümliche Melange trug wenig zur Ausbildung meiner Geschmacksempfindungen bei (erst in Frankreich, als Student, lernte ich, was gutes Essen ist), sie steigerte vielmehr die Wirren meiner frühen Identitätsentwicklung.

Die Abwesenheit jeden Geschmacks

Meine Mutter stammte aus dem unjüdischsten Teil des alten Londoner East End. Ihr Elternhaus stand an der Kreuzung Burdett Road und Commercial Road, ganz in der Nähe der Docks. Dieses topografische Missgeschick – meine Mutter fühlte sich immer ein wenig als Aussenseiterin in ihrem Viertel, das nichts von der entschieden jüdischen Atmosphäre von Stepney Green hatte, nur ein paar hundert Meter weiter nördlich – trug zu vielen besonderen Aspekten ihrer Persönlichkeit bei. Anders als etwa mein Vater brachte meine Mutter dem Königshaus grossen Respekt entgegen, und bei den Fernsehansprachen der Queen in späteren Jahren wäre sie wohl am liebsten aufgestanden. Peinlichst verbarg sie ihr Jüdischsein, im Gegensatz zu den meisten anderen in unserer Grossfamilie, die keinen Hehl daraus machten, dass sie Ausländer und Juden waren. Und da ihre Mutter den jüdischen Traditionen (soweit sie über die jährlichen Feiertage hinausgingen) keine Bedeutung beimass und sie selbst in einem typischen Cockney-Umfeld aufgewachsen war, wusste sie kaum etwas von jüdischer Küche.

Und so bin ich mit englischem Essen gross geworden, aber nicht mit Fish and Chips, Spotted Dick, Toad in the hole, Yorkshire Pudding oder anderen Köstlichkeiten der britischen Küche. Diese verschmähte meine Mutter als irgendwie ungesund. Sie mochte unter Nichtjuden aufgewachsen sein, aber genau deswegen blieben sie und ihre Familie unter sich und kannten wenig von der häuslichen Welt der Nachbarn, denen sie ängstlich und misstrauisch begegneten. Jedenfalls hatte sie keine Ahnung, wie man klassische englische Speisen zubereitete. Vegetarier und Veganer, denen sie über Freunde meines Vaters in der Sozialistischen Partei Grossbritanniens begegnet war, hatten sie auf die Vorzüge von Schwarzbrot, ungeschältem Reis, grünen Bohnen und anderen Nahrungsmitteln hingewiesen, die in linken Kreisen als diätetisch wertvoll galten. Braunen Reis konnte sie aber ebenso wenig zubereiten wie Chop Suey. Daher machte sie es wie jede andere Hausfrau im damaligen England – sie kochte alles zu Tode.

So kam es, dass ich englische Küche nicht so sehr mit der Abwesenheit von Finesse verband, als vielmehr mit der Abwesenheit jedweden Geschmacks. Das braune Hovis-Brot, das es bei uns gab, erschien mir in all seiner Bedeutsamkeit noch langweiliger als das pappige weisse Toastbrot, das es bei meinen Freunden zum Tee gab. Rindfleisch und Gemüse assen wir gekocht und gelegentlich auch gebraten (fairerweise muss ich anmerken, dass meine Mutter durchaus anständigen Fisch braten konnte – aber ich hätte nicht sagen können, ob das ein englisches oder ein jüdisches Gericht war). Käse, wenn er auftauchte, war – aus mir unerfindlichen Gründen – meist holländischer Provenienz. Tee gab es immer. Kohlensäurehaltige Limonade wurde von meinen Eltern abgelehnt (auch das ein bedauerliches Resultat ihrer politischen Neigungen), weshalb wir Saft tranken und später auch Nescafé. Dass es gelegentlich Camembert, Salat, Bohnenkaffee und andere schöne Sachen gab, war meinem Vater zu verdanken. Meine Mutter betrachtete derlei mit dem gleichen Misstrauen, das sie anderen kontinentaleuropäischen Importen (gastronomischen wie menschlichen) entgegenbrachte.

Von Putney nach Pilvistok

Der Unterschied zu dem, was es freitagabends im Nordlondoner Haus meiner Grossmutter väterlicherseits gab, hätte daher nicht grösser sein können. Mein Grossvater war polnischer Jude, Grossmutter kam aus einem litauischen Stetl. Ihre Küche war nordosteuropäisch-jüdisch geprägt. Erst Jahrzehnte später lernte ich die Feinheiten der mitteleuropäisch-jüdischen Küche kennen, vor allem der ungarischen. Und die sephardisch-mediterrane Küche war mir völlig unbekannt. Meine Grossmutter, die es von Pilvistok via Antwerpen nach London verschlagen hatte, machte nie Salat, und es gab kein grünes Gemüse, das sie nicht totkochen konnte. Doch bei Saucen, Huhn, Fisch, Fleisch, Wurzelgemüse und Obst erwies sie sich – für meinen völlig unterentwickelten Geschmackssinn – als wahre Zauberin.

Charakteristisch für das Schabbatmahl war der wiederholte Kontrast zwischen weich und knusprig, süss und sauer. Kartoffeln und Rüben waren stets braun und weich und fast zuckrig. Gurken, Zwiebelchen und andere knackige Gemüse kamen als sauer Eingelegtes auf den Tisch. Und auch das Fleisch, das einem völlig zerkocht von der Gabel fiel, war braun und weich. Stets gab es Fisch – gefillt, gekocht, gebraten oder geräuchert –, und das ganze Haus schien mir überhaupt nach gewürztem und eingelegtem Meeresgetier zu riechen. Interessanterweise kann ich mich weder an die Textur der Fische (wahrscheinlich Karpfen) erinnern noch daran, woher sie kamen. Das Einwickelpapier war das Einzige, was man sah.

Auf Fisch und Gemüse folgte immer ein Nachtisch, meistens Kompott. Nach dem Hauptgang gab es Obst, gekocht oder zu Mus püriert, vorzugsweise Pflaumen oder Birnen, manchmal als Füllung in dicken Teigtaschen (nach Art der Hamantaschen), aber meistens war es schlicht und einfach Kompott. Zu trinken gab es immer und ausschliesslich grauenhaft süssen Wein für die Erwachsenen und Tee mit Zitrone für alle. Diese Mahlzeit mitsamt Schwarzbrot, Challa, Suppe mit Matzeknödeln und Klössen in jeder Variante (aber immer weich) wäre jedem vertraut gewesen, der in den letzten fünfhundert Jahren in Mittel- und Osteuropa (irgendwo zwischen Deutschland, Russland, Litauen und Rumänien) aufgewachsen war. Für mich, der ich allwöchentlich von Putney nach Pilvistok versetzt wurde, stand dieses Essen für Familie, Zusammengehörigkeit und Herkunft. Ich habe nie versucht, meinen englischen Schulfreunden zu erklären, was wir am Freitagabend assen oder was das für mich bedeutete. Vermutlich war es mir auch gar nicht klar, und sie hätten es ohnehin nicht verstanden.

Indisch-jüdische Erinnerungen

Älter geworden, stellte ich fest, dass es andere Möglichkeiten gab, Abwechslung in die unglaublich öde häusliche Kost zu bringen. In England führten damals nur drei Wege zu interessantem Essen, sofern die Grosseltern nicht gerade aus einem exotischen Teil der Welt kamen. Es gab italienisches Essen, beschränkt auf Soho und Angehörige der intellektuellen Bohème, für mich unerschwinglich. Daneben gab es die chinesische Küche, nicht besonders interessant, damals auch nicht allgegenwärtig und ohnehin angepasst an den britischen Geschmack. Die einzigen richtig guten chinesischen Restaurants im London der Mittsechziger befanden sich im East End und wurden von chinesischen Matrosen und einer Handvoll asiatischer Einwanderer frequentiert. Die Speisekarte war selten übersetzt, das Angebot den Einheimischen fremd.

Die wahre Lösung hiess Indien. Ich glaube nicht, dass meine Eltern je ein indisches Restaurant besucht haben – meine Mutter hatte die eigenartige Vorstellung, dass die (ihr unbekannte) chinesische Küche «sauber» war, während indische Speisen durch verdächtigen Geschmack getarnt waren und wahrscheinlich auf dem Fussboden zubereitet wurden. Dieses Vorurteil war mir fremd, und so habe ich während meiner Studentenjahre in London und Cambridge einen grossen Teil meines Budgets in indischen Restaurants ausgegeben. Es gefiel mir dort, aber heute würde ich vermuten, dass ich unbewusst eine Verbindung zum Tisch
meiner Grosseltern herstellte.

Auch indisches Essen bestand aus zerkochtem Eiweiss, das in aromatischen Saucen schwamm. Das Brot war weich, das Gemüse süss, und alles war intensiv gewürzt. Als Nachtisch gab es Fruchteis oder exotisches Fruchtkompott. Und am besten trank man Bier dazu, ein Getränk, das bei uns zu Hause praktisch unbekannt war. Mein Vater hat nie darüber gesprochen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er ein ausgeprägtes Vorurteil gegen biertrinkende Engländer hatte. Er war so weit Europäer, dass er anständigen Wein trank, aber im Übrigen pflegte auch er das alte jüdische Vorurteil gegen übermässigen Alkoholkonsum.

Indisches Essen hat mich englischer gemacht. Wie die meisten Engländer meiner Generation betrachte ich das, was man beim Inder an der Ecke bestellen kann, als etwas durch und durch Englisches, das vor Ewigkeiten ins Land kam. Ich bin so sehr Engländer, dass indisches Essen für mich ein Teil von England ist, den ich hier in Amerika vermisse, wo man vorzugsweise zum Chinesen geht. Ich vermisse aber auch die osteuropäisch-jüdische Küche in ihrer leicht anglisierten Variante (noch etwas zerkochter und weniger stark gewürzt als in Amerika). Ich kann mich durchaus in eine nostalgische Sehnsucht nach Fish and Chips hineinsteigern, doch das ist eine gewollte, künstliche Tradition. In meiner Kindheit haben wir das nie gegessen. Würde ich mich ernsthaft auf die Suche nach dem verlorenen Geschmack machen, würde ich mit Schmorbraten und gebackenen Rüben anfangen, gefolgt von Chicken Tikka Masala und sauren Gürkchen, dazu Challa, indisches Bier und Tee mit Zucker und Zitrone. Und die Madeleine, die diese Erinnerung auslösen würde? Indisches Fladenbrot und Suppe mit Matzeknödeln, serviert von einem jiddisch sprechenden Kellner aus Madras. Wir sind, was wir gegessen haben. Ich bin eben ein richtiger Engländer.            ●

Der Originaltext erschien am 25. Februar 2010 in «The New York Review of Books». Für die deutsche Übersetzung © 2010 Carl Hanser Verlag München, aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fienbork.