Warnsignale der Hizbollah?
Ausser rund 2000 Küken, die als Folge des Einschlags einer von Libanon aus abgefeuerten Katjuscha-Rakete in einem Hühnerstall in Galiläa verbrannten, kamen bei dem überraschenden Einschlag von total vier 122-mm-Raketen in der Nacht zum Dienstag in Nordisrael keine Lebewesen zu Schaden. Es war dies der erste Raketenangriff aus Libanon auf israelisches Gebiet seit rund zwei Jahren. Trotzdem wäre es falsch zu behaupten, die zuständigen israelischen Militärstellen würden den Zwischenfall auf die leichte Schulter nehmen, auch wenn auf einen Bezug der Unterstände durch die Zivilbevölkerung dieses Mal verzichtet wurde. Nicht der eher symbolische Einsatz der Artillerie der israelischen Streitkräfte (IDF) auf die vermuteten Abschussstellen der libanesischen Raketen sollte als Indiz für die Aufmerksamkeit dienen, welche die Eskalation bei hohen israelischen Militärs und Politikern ausgelöst hat; vielmehr sind es die mittel- und langfristigen Erkenntnisse aus dem Schusswechsel, die aufhorchen lassen. So schliessen kompetente Stellen in der militärischen Abwehr und im Generalstab nicht aus, dass die den Süden Libanons effektiv beherrschende (vor allem von Iran ausgebildete und finanzierte) Hizbollah-Miliz absichtlich das «tote Männchen» gespielt hat, als eine der al-Qaida nahestehende palästinensische Splittergruppe sich anschickte, die Katjuscha-Raketen gegen Israel abzuschiessen. Mit diesem Akt wollte die Hizbollah nach Ansicht der IDF Israel einen unübersehbaren Wink mit dem Zaunpfahl für das geben, was geschehen könnte, sollte Israel tatsächlich einen Angriff auf Iran wagen. In diesem Zusammenhang erinnert man sich an die Warnung des iranischen Verteidigungsministers Ahmad Vahidi im Anschluss an eine mysteriöse Explosion bei Isfahan – dort befindet sich eine grosse Anlage zur Konvertierung von Uran –, wonach Israel von «150 000 Raketen» getroffen würde, sollte es auch nur einen Millimeter iranischen Bodens attackieren.
Grund zur Sorge
Sollte sich hinter dem dieswöchigen Raketenbeschuss tatsächlich eine Warnung der Hizbollah verbergen, hätte Israel effektiv Grund zur Sorge. Zumindest die «Jerusalem Post» interpretiert die Situation in diesem Sinne. Einmal könnte die schiitische Miliz damit andeuten, dass sie ganz nach eigenem Belieben die Atmosphäre im Norden auf Wunsch der iranischen oder syrischen Herren anzuheizen in der Lage ist. Dann könnte der Zwischenfall aber auch dahingehend interpretiert werden, dass die Hizbollah Israel wieder einmal an ihre militärischen Kapazitäten erinnern wollte. Israel seinerseits blieb der Gegenseite nichts schuldig und signalisierte mit seinem Artilleriefeuer, dass es nicht bereit ist, den Raketenangriffen mit verschränkten Händen zuzuschauen. So löblich diese Absicht auch sein mag, die Erfahrungen aus dem Süden, wo Israel den jahrelangen Raketenbeschüssen der Hamas nicht Ernsthaftes entgegenzusetzen hatte, sind noch nicht vergessen.
Letzten Endes wird die Hizbollah in Libanon ohne das grüne Licht der iranischen Brötchengeber nichts Entscheidendes in Gang bringen dürfen, womit wir einmal wieder bei Iran angelangt wären. Auch wenn die Reaktionen Teherans auf die politische Kritik und die militärischen Drohungen des Westens gegen die Nuklearrüstung Irans dort zusehends nervöser werden, glauben Beobachter nicht, dass der Zeitpunkt für militärische Antworten der Ayatollahs auf den psychologischen Kleinkrieg des Westens bereits unmittelbar bevorsteht. Dessen ungeachtet beschäftigt das Thema Iran israelische Experten nach wie vor intensiv, auch wenn die in den letzten Wochen zu beobachten gewesenen Redeschlachten deutlich an Heftigkeit nachgelassen haben.
Thema Iran
Generalmajor d. R. Amos Yadlin etwa, der frühere Chef der militärischen Abwehr, meinte, die Notwendigkeit eines israelischen Militärschlags gegen Iran sei, wenn überhaupt, nicht unmittelbar akut. «Sobald Teheran den Beschluss fasst, eine Atombombe zu bauen», erklärte Yadlin von dem Institut für Nationale Sicherheitsstudien, «benötigt es für die konkreten Arbeiten zwölf bis 18 Monate.» Vorher bestehe für Jerusalem kein Anlass, die militärische Initiative zu ergreifen, sicher nicht im Alleingang. Bereits jetzt besitze Teheran, so Yadlin, genügend auf niedrigem Niveau angereichertes Uran, das für die Herstellung von vier bis fünf Atomwaffen reichen würde. Die Iraner würden aber die Bombe erst zu bauen beginnen, wenn sie zur Erkenntnis gelangt seien, die damit verbundenen Risiken seien gering. «Dieses Stadium haben wir noch nicht erreicht», meinte Yadlin, fügte aber hinzu, Iran sei bereits in den Besitz aller nötigen Komponenten gelangt: Iran sei imstande, Uran anzureichern, es besitze Raketen mit der nötigen Reichweite, und der jüngste Bericht der Internationalen Atomenergie-Agentur beweise, dass die Iraner effektiv an der Atomwaffe arbeiteten (vgl. tachles 45/11).
Noch vor Generalmajor Yadlin hatte sich dieser Tage Meir Dagan, der ehemalige Chef des Mossad-Geheimdienstes, erneut zum Thema Iran zu Wort gemeldet. Ein israelischer Angriff auf Teherans Atomeinrichtungen würde einen regionalen Krieg vom Zaune brechen, meinte der für seine Opposition gegen die militärische Option bekannte Dagan in einem TV-Interview. Iran, Hamas und Hizbollah würden mit massiven Raketenangriffen auf Israel reagieren, und vielleicht würde sich sogar Syrien engagieren, dessen mit Raketen mit chemischen und möglicherweise sogar biologischen Sprengköpfen gefüllte Arsenale schon lange kein Geheimnis mehr sind. Ein solcher Krieg würde nach Ansicht des ehemaligen Geheimdienstbosses von Israel einen hohen Zoll an Menschenleben fordern und zudem das Leben in Israel paralysieren. Mit diesen Worten stellte sich Dagan diametral gegen Verteidigungsminister Ehud Barak, der unlängst gemeint hatte, ein Krieg mit Iran würde auf israelischer Seite weniger als 500 Tote fordern.
Kritik an Netanyahu
Persönlichkeiten wie Meir Dagan sind unbestrittene Experten auf ihrem Gebiet, doch sollten wir nicht übersehen, dass sie nach ihrem Austritt aus dem aktiven Dienst nach neuen Betätigungsfeldern Ausschau halten, und ihre Äusserungen sind vielleicht von Interessen überschattet, die inhaltlich mit der behandelten Thematik wenig oder nichts zu tun haben. Insofern wären ihre Ausführungen mit einiger Vorsicht zu geniessen. Dagan beispielsweise hat diese Woche seine Absicht verkündet, eine neue Bewegung mitbegründen, die darauf abzielt, das politische System in Israel zu ändern. So will Dagan die Unterschriften von einer Million israelischen Bürgern sammeln und mit diesen dann die Regierung unter Druck setzen, damit sie Massnahmen im gewünschten Sinne ergreift. Seine Bewegung sei, so meinte Dagan, nicht politischer Natur und würde keine Verbindungen zu irgendwelchen existierenden Parteien haben. Das heute für Israel geltende politische System betrachtet Dagan als Bedrohung für die Zukunft des Staates, weshalb es so rasch als möglich zu ändern sei. Der Bewegung Dagans werden sich vermutlich Personen wie der ehemalige Generalstabschef Amnon Lipkin-Shachak anschliessen, denen allen vor allem eines gemeinsam ist: eine umfassende Kritik an Premierminister
Binyamin Netanyahu.