Wandel und Wachstum

Von Stuart Rockoff, Dale Rosengarten und Alyssa Neely, October 7, 2011
Von sephardischen Kaufleuten gegründet, zeichnet sich die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Charleston bis heute durch steten
Wandel und tatkräftigen Lokalpatriotismus aus.
CHARLESTON 1711 Die Stadt musste sich gegen Indianer, Piraten und Spanier durch Mauern sichern

Die jüdische Geschichte Nordamerikas beginnt in einer kleinen Zahl von Hafenstädten. Darunter kommt Charleston in ­South Carolina eine besondere Rolle zu. Angezogen von wirtschaftlichen Chancen und der liberalen Haltung der Stadt in religiösen Fragen, trafen die ersten jüdischen Einwanderer dort bereits nach 1690 ein. Wie die überwiegende Mehrheit der christlichen Bewohner kamen Juden meist als Kaufleute aus der britischen Kolonie auf der Karibikinsel Barbados. Diese war durch Zuckerplantagen reich geworden und hatte Mitte des 17. Jahrhunderts eine Bevölkerungsdichte erreicht, die jüngere und unternehmungslustige Bewohner nach neuen Möglichkeiten suchen liess.
Die aus Barbados in die 1670 etablierte Kronkolonie Carolina segelnden Juden waren durchgehend Sephardim mit Beziehungen zu den damals bereits fest etablierten Handelsnetzwerken zwischen Europa, der Karibik und dem amerikanischen Doppelkontinent. Aschkenasische Juden kamen erst in späteren Jahrhunderten nach Charleston. Noch 1820 war die Handelsmetropole auf einer Landzunge zwischen dem Ashley und dem Cooper River Heimat der grössten jüdischen Gemeinde in den USA. Als andere Hafenstädte wie New Orleans und New York schliesslich Charleston den Rang abliefen, verloren auch die dortigen Juden an Zahl und Bedeutung gegenüber ihren Glaubensgenossen andernorts. Dennoch blieb Charleston ein Zentrum jüdischen Lebens in ­South Carolina und der weiteren Region im Südosten der USA.

Händler und Patrioten

Um 1730 war Charles Town (so der ursprüngliche Name der Siedlung) Heimat von etwa zehn jüdischen Haushalten. 1749 erreichte ihre Zahl die zur Gründung der Synagogengemeinde Kahal Kadosh Beth Elohim notwendige Grösse. Diese folgte dem sephardischen Ritus und glich darin ihren Schwestergemeinden in New York, Newport (Rhode Island), Savannah (Georgia) und Philadelphia. Die Stadt wuchs von 2500 Einwohnern im Jahr 1689 auf 6800 im Jahr 1745 und erreichte 12 000 im Jahr 1780. Charleston war damit nach Philadelphia, New York und Boston die viertgrösste, dank Handel und Plantagen aber die reichste Stadt in den heutigen USA.
Während der amerikanischen Revolution unterstützten die 200 Juden von Charleston weitgehend die patriotische Sache. Dies lässt sich auch an der Mitgliedschaft von etwa 30 Juden in einer Kompanie des «Charles Town Regiments» ablesen, die damals informell «Jew Company» genannt wurde. Ihr gehörte auch der 1746 in London geborene Francis Salvador an, der kurz vor Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges nach Charleston gekommen war. Als Mitglied einer aus Portugal nach Amsterdam und später London ausgewanderten Kaufmanns-Dynastie hatte Salvador grosse Ländereien nahe der Stadt erworben. Er wurde noch 1775 in das erste Parlament der Provinz gewählt und damit zum ersten jüdischen Abgeordneter in der amerikanischen Geschichte. Ein Jahr danach schloss er sich der lokalen Miliz an und fiel im Kampf gegen Indianer im Sold der britischen Krone. Salvador gilt deshalb auch als erstes jüdisches Opfer im Unabhängigkeitskrieg.
Bis Ende des 18. Jahrhunderts nahm die jüdische Bevölkerung von Charleston auf 500 Personen zu, darunter Kriegsflüchtlinge aus anderen Städten an der Ostküste, aber auch Immigranten aus Europa und der Karibik. 1791 gehörten 53 Familien Beth Elohim an. Diese erwarben Land für eine 1794 erbaute Synagoge im alten Stadtkern. 
Im Jahr 1824 brachte Charleston die erste Bewegung zur Reform des Judentums in den USA hervor. An deren Spitze standen junge, in der Stadt geborene Juden. Sie waren von der Überzeugung beseelt, dass die Zukunft ihres Glaubens in der nun entstandenen, freiheitlichen Gesellschaft der USA von dessen Erneuerung abhing. Um die «Apathie und Vernachlässigung» der jüdischen Jugend zu bekämpfen, reichten Isaac Harby und 46 andere Gemeindemitglieder eine Petition bei der Führung von Beth Elohim ein. Diese rief nach Riten, die den christlichen ihrer Nachbarn stärker gleichen und an Schabbat neben einem kürzeren Gottesdienst eine auf Englisch gesprochene Predigt enthalten sollten.
Nach der Ablehnung der Petition seitens der Gemeindeleitung traten zwölf Mitglieder unter der Führung von Harby, Abraham Moise und David Nunes Carvalho aus Beth Elohim aus und gründeten die Reformed Society of Israelites. Die Gruppe stellte ein «reformiertes» Gebetsbuch zusammen – das erste seiner Art in Amerika – und ging an die Planung einer Synagoge. Bis 1833 hatte die Gesellschaft nach dem frühen Tod Harbys jedoch stark an Schwung verloren. Die meisten Reformer kehrten zu Beth Elohim zurück und setzten sich dort für einen Wandel von innen heraus ein. Drei Jahre später wirkte Abraham Moise Junior am Entwurf eines neuen Gebetsbuches für die Gemeinde mit, die 1838 nach dem Vorbild von Rebecca Gratz in Philadelphia eine Religionsschule gründete. Im gleichen Jahr zerstörte ein Feuer die Synagoge. Danach führte eine bittere Debatte über die Installation einer Orgel in dem Neubau zu einer zweiten Spaltung der Gemeinde. Daher gründeten Traditionalisten im Jahr 1840 mit Shearit Israel eine Gemeinde, die später auch eine eigene Synagoge errichtete.
Dabei blieb es nicht. Nach 1850 formten aus Deutschland und Polen eingewanderte Aschkenasim mit Berith Shalome (heute Brith Shalom) eine dritte Gemeinde. Diese folgte dem traditionellen, polnischen Ritus und versammelte sich in einem kleinen Gebäude an der Philip Street, das die Mitglieder von einem freien Schwarzen namens John L. Francis angemietet hatten. Damit sei das Thema Sklaverei angesprochen. Die Charlestoner Juden hielten im gleichen Massstab Sklaven wie ihre christlichen Nachbarn und Geschäftspartner. So besassen laut dem Historiker James Hagy im Jahr 1830 über 80 Prozent der jüdischen Haushalte in der Stadt mindestens einen schwarzen Sklaven. Allerdings gehörten nur sehr wenige Juden der Klasse von Plantagenbesitzern an, die auf ihren Reisfeldern, Indigo- oder Baumwoll-Pflanzungen mitunter Hunderte von Sklaven ausbeuteten. Ungeachtet ihrer internen Differenzen waren die Juden von Charleston – und in den Südstaaten generell – so weitgehend in die dortigen Gesellschaften integriert, dass sie dann auch 1861 ganz selbstverständlich für den Süden in den Krieg gegen die Unionsstaaten unter Abraham Lincoln zogen (vgl. Artikel S. 28). Männliche Juden aus Charleston waren sogar überproportional unter den konföderierten Truppen repräsentiert.   

Die jüdische Gemeinschaft bis 1900

Die starken menschlichen und materiellen Verluste des Bürgerkriegs bewegten die Gemeinden Beth Elohim und Shearit Israel 1866 zum Zusammenschluss. Ihre Leitungsgremien handelten Kompromisse über Riten, Rituale und Verwaltung aus. Dies hielt eine Handvoll Mitglieder nicht vom Austritt aus der neuen Gemeinschaft ab. Doch die meisten beugten sich den Notwendigkeiten und wandten sich dem Wiederaufbau ihrer Existenz zu. In den Jahren nach dem Krieg befand sich ein Drittel der Handelsgeschäfte von Charleston in jüdischen Händen. Dies galt für die Hälfte der Kleiderläden. Mit am erfolgreichsten war das 1886 gegründete Unternehmen der Familie Hornik, das um 1900 nicht nur ein vierstöckiges Kaufhaus in der Stadt betrieb, sondern auch 40 000 Kataloge an entfernter lebende Kunden verschickte.
Gleichzeitig schloss sich die nun meist aus deutschen Immigranten bestehende Elite der Charlestoner Juden weitgehend der Reformbewegung an. 1872 erwarb Beth Elohim als Ersatz für die im Bürgerkrieg verlorene eine neue Orgel, und im folgenden Jahr trat die Gemeinde der von Rabbiner Isaac Meyer Wise gegründeten Reform-Bewegung Union of American Hebrew Congregations bei. Kurz darauf führte die Gemeinde «Familienbänke» ein, auf denen Männer und Frauen gemeinsam Platz nahmen. Allerdings traten bis zur Jahrhundertwende immer wieder Differenzen über den Ritus auf, was zum zeitweiligen Austritt strenggläubiger Mitglieder führte.
Zwischen 1900 und 1920 verdoppelte sich die Zahl der Juden in South Carolina auf 5000. Sie lebten meist in Charleston. Dies dank neuer Einwanderer aus Osteuropa, die, wie ihre Vorgänger, im 19. Jahrhundert häufig als Hausierer begonnen hatten und danach kleine Geschäfte in den neueren Vierteln Charlestons gründeten. Ähnlich wie Manhattan wuchs die Stadt von der östlichen Spitze der Landzunge aus nach Westen und Norden. Die jüdischen Neuankömmlinge in der spät besiedelten «Oberstadt» hingen gehörten häufig der Orthodoxie an und hielten ihre Läden am Samstag geschlossen. Ihre Kundschaft bestand überwiegend aus Schwarzen, die in den jüdischen Geschäften auf Kredit kaufen und Kleidungsstücke anprobieren konnten, was ihnen in anderen, weissen Läden verwehrt blieb. Einige dieser strenggläubigen «Uptown Jews» gründeten 1911 die bis heute bestehende Gemeinde Beth Israel.
In diese Zeit fällt auch der Beginn zionistischer Bestrebungen in Charleston. Für 1917 ist die Existenz der «B‘nei Zion Society» verbürgt, der ersten zionistischen Organisation in der Stadt. Obwohl viele Zionisten aus orthodoxen Haushalten stammten, nahm auch der Reform-Rabbiner Jacob Raisin von Beth Elohim mit Genehmigung seiner Gemeindeleitung am Zionistischen Weltkongress von 1932 teil. Bereits 1914 hatte seine Frau Jane den lokalen Zweig von Hadassah ins Leben gerufen.

Von 1948 bis heute

Hatte sich die Gemeinschaft lange Zeit aus neuen Einwanderern rekrutiert, waren 1948 drei Viertel der Juden in Charleston in den USA geboren worden. Darunter fanden sich viele Kriegsteilnehmer aus dem Nordosten, die South Carolina durch ihre Stationierung auf einer der zahlreichen Militärbasen dort schätzen gelernt hatten. Unter den neuen Immigranten nahmen Holocaust-Überlebende aus Europa eine bedeutende Rolle ein. Damals trieben die meisten Juden noch Handel mit Kleidung, Lebensmitteln, Möbeln oder Spirituosen. Mehr als die Hälfte von ihnen besassen meist kleinere Geschäfte, während zwölf Prozent als Freiberufler und sieben Prozent als Facharbeiter tätig waren. Einige jüdische Familien waren als Fabrikanten tätig und stellten Unterwäsche, Krawatten oder Matratzen her. Zwei koschere Fleischereien und ein halbes Dutzend koscherer Delikatessenläden rundeten die jüdische Präsenz in Charleston ab.
Durch die Zuzüger hatte der Charakter der Gemeinschaft in der frühen Nachkriegszeit wieder konservativere Züge angenommen. 58 Prozent der Familien waren orthodox und gehörten Beth Israel an, die damals eine neue Synagoge an der Rutledge Street errichtete. Der tatkräftige orthodoxe Rabbiner Nahum Rabinovitch brachte dann 1956 die Gründung der Lehranstalt Charleston Hebrew Institute zuwege, die 1976 in Addlestone Hebrew Academy umbenannt wurde. Beth Elohim zählte derweil mit 270 Familien eine etwas geringere Mitgliederzahl. Die dritte, konservative Gemeinde Brith Shalom erlebte derweil erhebliche Umbrüche, die zur Gründung der Gemeinde Beth Israel führte.
Danach folgten auch die Charlestoner Juden dem landesweiten Trend und wanderten in Vororte ab. Hier spielte der aus Pennsylvania zugewanderte Anwalt William Ackermann eine massgebliche Rolle, der westlich des Ashley River in Neubaugebiete und Einkaufszentren investierte. Schon 1959 zog das jüdische Gemeindezentrum dorthin um. Heute residieren zwei orthodoxe Minjanim im Westen der Stadt, während Beth Elohim weiterhin in der legendären Synagoge im alten Stadtzentrum von Charleston zuhause ist.    ●


Dale Rosengarten, Historikerin und in New York aufgewachsen, hat an der Harvard University promoviert, ehe sie die Leitung der Jewish Heritage Collection in der Addlestone Library am College of Charleston übernahm. Rosengarten hat grundlegend über die Geschichte der afro-amerikanischen Kunst der Korbflechterei an der Küste zwischen Maryland und Georgia geforscht und zahlreiche Ausstellungen kuratiert. Der Historiker Stuart Rockoff, geboren und aufgewachsen in Texas, leitet die historische Abteilung am Goldring/Woldenberg Institute of Southern Jewish Life und das Museum of the Southern Jewish Experience in Jackson, Mississippi. Alyssa Neely hat am College of Charleston Geschichte studiert.