Wandel in Nahost

June 3, 2011

Kaum ein Experte unserer Tage hat den Nahen Osten genauer und länger betrachtet als der 1921 in Breslau geborene Walter Laqueur. 1938 nach Palästina geflohen, kennt der Historiker die Region aus eigener Anschauung. Laqueur schreibt regelmässig auch für den Aufbau. Daher freut sich die Redaktion, in dieser Ausgabe zum Wandel im Nahen Osten ein «Double Feature» zu Laqueur bieten zu können. Eingangs würdigt Jacques Schuster, Leiter der «Literarische Welt», Leben und Werk Laqueurs. Einige Seiten später kommt dieser selbst mit einer Betrachtung des «arabischen Frühlings» zu Wort. Dass er dabei skeptisch ist, entspricht der Ideologen und Enthusiasten gegenüber misstrauischen Grundhaltung Laqueurs. Er zielt hier speziell auf die ägyptischen Muslimbrüder ab, die der junge Schweizer Nahost-Experte Victor Willi in einem differenzierten Beitrag untersucht.

Zunächst jedoch bettet der in Hamburg lebende Historiker Helmut Mejcher den arabischen Frühling in die regionale Geschichte ein. Bekannt für seine grundlegenden Veröffentlichung zum Faktor Öl und dem Palästina-Konflikt, erklärt Mejcher die aktuellen Umwälzungen als Manifestation eines arabischens Strebens nach Selbstbehauptung und politischer Repräsentation. Dieses prallt seit der Auflösung des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg ebenso auf äussere Widerstände wie auf den Herrschaftsanspruch autokratischer Machthaber. Einen der nun aus dieser Konstellation entbrennenden Konflikte erklärt Patrick Seale. Seit seinem Klassiker «The Struggle for Syria» (1965) der bedeutendste Experte für das Land, gibt Seale dem dortigen Assad-Regime kaum noch Überlebenschancen.
Der Brite würdigt zwar die durchaus erfolgreichen Bemühungen Bashar al-Assads zur Modernisierung Syriens. Aber Seale erklärt auch, der Sohn des langjährigen Machthaber Hafez al-Assads habe Geschmack an autokratischem Herrschen gefunden und darüber die Chance einer allmählichen Demokratisierung Syriens versäumt. So steht Bashar laut Seale «nun vor der überaus schwierigen und gefährlichen Aufgabe, ein versteinertes politisches System von Grund auf zu erneuern, das weder modernen Gegebenheiten entspricht noch den Wünschen der Bevölkerung.»

Das Stichwort «vergebene Chancen» ist für Henry Siegman auch für die Haltung Israels gegenüber dem Wandel in der Region angebracht. Der deutsch-jüdische Emigrant war viele Jahre in führender Position beim American Jewish Congress tätigt und hat sich mit zahlreichen Veröffentlichungen zu einem der prominentesten Kritiker der Siedlungs- und Besatzungspolitik Israels entwickelt. Ähnlich scharf fällt das Urteil von Michael Brenner über die Nahostpolitik Barack Obamas aus. Der in Pittsburgh lehrende Professor für internationale Beziehungen wirft dem US-Präsidenten eine fehlende Strategie und zu grosse Nachgiebigkeit Israel und seiner amerikanischen Lobby gegenüber vor. Brenner kritisiert zudem den Afghanistan-Krieg. Dazu liefert die Schweizer Journalistin Karin Wenger einen ebenso anschaulichen wie ernüchternden Augenschein.    ●