Wahrheit und Spekulation
Anfang Woche wurde allerorten in den USA die Erklärung vom 4. Juli 1776 verlesen, mit der die 13 amerikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone verkündet haben. Da ist gleich eingangs von «offensichtlichen Wahrheiten» die Rede, wie der, «dass alle Menschen gleich erschaffen worden» und «dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten begabt worden» sind. In den Tagen vor und nach dem «Independence Day» musste die Nation erleben, dass die Wahrheit heutzutage häufig alles andere als offensichtlich und womöglich gar nicht ausfindig zu machen ist. So scheint Dominique Strauss-Kahn doch keine Hotelangestellte vergewaltigt zu haben. Für die meisten Amerikaner ist die DSK-Affäre jedoch nicht mehr von Interesse – die Nation steht im Bann eines Gerichtsverfahrens in Orlando, Florida, das am 5. Juli mit einem sensationellen Freispruch ein völlig unerwartetes Ende fand.
Seit dem Mordprozess gegen die Football-Legende OJ Simpson hat kein Fall Amerika so aufgerüttelt wie das Verfahren gegen Casey Anthony in Orlando. Eine Fülle von Indizien sprach dafür, dass die alleinerziehende Mutter im Sommer 2008 ihre zweijährige Tochter Caylee ermordet und den Leichnam der Kleinen in einem Sumpf nahe ihrer Wohnung verscharrt hat. Casey Anthony hat sich erst einen Monat nach Caylees Tod an die Polizei gewandt und in der Folge eine Serie bizarrer Falschaussagen abgegeben. Ihr Anwalt nahm diese zum Anlass, die 25-jährige Anthony als chronische Lügnerin zu charakterisieren, was er auf sexuellen Missbrauch durch Vater und Bruder in ihrer Kindheit zurückzuführte. Eine Mörderin sei seine Mandantin jedoch keinesfalls. Beweise für seine steile These konnte der Jurist nicht liefern. Aber da die Leiche des Kleinkindes so stark verwest aufgefunden wurde, dass die Todesursache nicht mehr festzustellen war, entschied die Jury ganz im Sinne des Gesetzes auf einen Freispruch: Anthonys Schuld konnte nicht jenseits begründeter Zweifel bewiesen werden.
Auf beide Fälle trifft der Satz zu: «Man weiss als Aussenstehender nie, wie andere Menschen sich in unbekannten Situationen verhalten. Wir können nur spekulieren.» Dies erklärt die Rechtspsychologin Daphna Tavor in dieser Ausgabe im Interview. Das mag sich zunächst als Gemeinplatz lesen. Aber die erfahrene Gerichtsgutachterin spricht damit eine ebenso offensichtliche, wie fundamentale Wahrheit aus, an der die Suche nach der Wahrheit allzu oft scheitert. Und wo die Wahrheit in naturgegebenen oder fabrizierten Schleiern verborgen bleibt, blüht die Spekulation. Ganz offensichtlich kann dies üppige Gewinne abwerfen. So hat der krisengeschüttelte Nachrichtenkanal CNN in den Stunden nach der Urteilsverkündung in Orlando Rekordquoten und -Zugriffe auf seiner Internet-Seite verzeichnet.
Aber die Verurteilung der Spekulanten dürfte in Fällen wie diesen zu kurz greifen. Vielleicht hat gerade der Lärm um diese vermeintlichen Untaten viele Menschen mitten im Alltagsbetrieb unwillkürlich zu der Einsicht gebracht, dass ihr am Unabhängigkeitstag verkündetes «Recht auf Streben nach Glückseligkeit» jederzeit von Verbrechen und Tragödien liquidiert werden kann. An dieser Wahrheit führt keine Spekulation vorbei.