Wärme, Offenheit und Kontinuität

Von Andreas Mink, October 7, 2011
Rabbiner Stephanie Alexander leitet die auf das Jahr 1749 zurückgehende Reformgemeinde Kahal Kadosh Beth Elohim in Charleston. Im Interview mit Andreas Mink spricht sie über das jüdische Leben in der Stadt, das derzeit eine neue Blüte erlebt.
BETH ELOHIM 1840 erbaut, war die Synagoge an der Hasell Street Wiege des Reformjudentums in Amerika

aufbau: Im amerikanischen Süden zeugen historische Synagogen vielerorts von einer bedeutenden jüdischen Präsenz. Aber die heutigen Gemeinden sind meist sehr klein. In Charleston scheint das jüdische Leben dagegen eine Blüte zu erleben.
Rabbiner Stephanie Alexander: Ich bin zwar erst ein Jahr hier bei Kahal Kadosh Beth Elohim, kurz KKBE. Aber ich kann Ihren Eindruck nur bestätigen: Die hiesige Gemeinde blüht und gedeiht. Trotz der Rezession ist die Zahl unserer Mitglieder von 350 Haushalten im Jahr 2005 auf heute über 500 gewachsen. Das ist enorm. Und wir wachsen quer durch alle Jahrgänge. Pensionäre kommen ebenso hierher wie junge Familien. Das liegt auch an der Gemeindeführung. Unsere 1840 erbaute Synagoge ist in einem exzellenten Zustand. Aber die Gemeinde pflegt nicht nur ihre Tradition, sondern ist offen für neue Ideen und neue Mitglieder.

Wie gross ist die Zahl alteingessener Familien in der Gemeinde?
Das kann ich nicht genau sagen. Aber ich habe unlängst an einer Bar Mizwa der Familie Perlstine teilgenommen, die seit 1860 hier lebt und sehr viel für die Gemeinde und die Stadt tut.

Traditionspflege scheint generell sehr wichtig für die Stadt zu sein. Charleston leistet sich ein eigenes Symphonieorchester und hält an Traditionen und Institutionen fest.
Das trifft zu. Die Stadt hält aber ebenso auf Gemeinsamkeit. Das trifft auch auf das jüdische Leben zu. So besteht zwischen unserer Reformgemeinde und der konservativen und der orthodoxen Gemeinde ebenso eine gute Zusammenarbeit wie etwa zwischen dem Sylvia Vlosky Yaschik Jewish Studies Center am College of Charleston und Beth Elohim. Die Rabbiner der Gemeinden treffen sich regelmässig, und wir betreiben in Zusammenarbeit mit Marty Perlmutter vom Sylvia Vlosky Yaschik Jewish Studies Center eine Reihe von Bildungsangeboten.
Marty Perlmutter ist ein beeindruckender Mann. Das Sylvia Vlosky Yaschik Jewish Studies Center bemüht sich gezielt um Studenten aus dem Norden der USA, die meist wenig von der jüdischen Geschichte Charlestons wissen und dann sehr beeindruckt von dem hiesigen Angebot sind.
Sein Denken steht nie still. Marty Perlmutter entwickelt ständig neue Konzepte, sucht nach Spendengeldern und ist dabei immer offen für andere Ideen. Das Studienzentrum bietet seine Räume und Einrichtungen für Veranstaltungen oder Projekte an. Und wir erleben auch, dass Studenten hier bleiben oder später nach Charleston zurückkommen, um hier ins Berufsleben einzutreten. Die Idee der Partnerschaft ist auch sehr wichtig für uns. Dabei halten wir an unserer eigenen Tradition fest.

Wie steht es um die Zusammenarbeit mit anderen Religionsgemeinschaften?
Da entwickeln wir neue Initiativen. Im Oktober werden wir etwa ein gemeinsames Forum mit anderen Gemeinden über soziale Gerechtigkeit abhalten.

Ihre Reformgemeinde zählt die grösste Mitgliederschaft?
Ja, einige Mitglieder sind auch mit anderen Gemeinden affiliiert. Wir betreiben die jüdische Tagesschule Addlestone Hebrew Academy gemeinsam mit den Konservativen und Orthodoxen.

Dies scheint die Essenz der jüdischen Geschichte Charlestons zu sein: Offenheit und Wandel, aber auf der Basis von Kontinuität und Traditionsbewusstsein.
Es ist kein Zufall, dass die erste Reformgemeinde Amerikas hier zuhause ist. KKBE war seit jeher willens und fähig, mit der Zeit zu gehen. Dazu kommt eine Offenheit, die ich zuvor kaum erlebt habe. Zu den Gottesdiensten am Freitag und Samstag kommen viele Besucher der Stadt. Die sind von der Schönheit der Synagoge hingerissen, die ja tatsächlich einzigartig ist. Am Ende des Abends mischen sich die Gäste ganz selbstverständlich unter die Mitglieder. Aber sie bewundern auch, wie sehr ihnen das Ritual vertraut ist. Wir sind eben neben allem anderen auch eine klassische Reformgemeinde – auch wenn wir im Gottesdienst etwa mit technischen Neuerungen wie «visueller Tefilla» experimentieren, also mit der Projektion von Texten und Bildern.

Sie und ihr Mann, Rabbiner Aaron Sherman, scheinen fortschrittliche Ideen selbst zu leben. Wie sind Sie nach Charleston gekommen?
Ich bin in Kansas City aufgewachsen und habe an der Tulane University in New Orleans studiert. Dort habe ich einen ersten Eindruck vom amerikanischen Süden gewonnen und den Reiz der einzigartigen Gemeinden dort entdeckt. Danach habe ich gleich meine Rabbinerausbildung am Hebrew Union College in Cincinnati absolviert, wo ich meinen Mann kennen gelernt habe. Aaron wurde vor mir ordiniert und ich bin ihm dann nach Boston gefolgt, wo er eine Stelle antreten konnte. Dank der Hilfe meines Mentors, Rabbiner Howard Jaffe, fand ich dann auch eine Position in Boston. Anschliessend sind wir für einige Jahren nach Iowa gezogen. Dort wurde unser Sohn Eli geboren. Aber Iowa wurde uns zu klein, und so machten wir uns erneut auf die Stellensuche. Die hat mich hierher geführt. Nun kümmert sich Aaron in erster Linie um unseren Sohn. Wir hatten grosses Glück, dass sich die Dinge so entwickelt haben für uns.

Wie gehen Sie mit der hiesigen Geschichte von Ausbeutung und Krieg um – an öffentlichen Plätzen sind überall Kanonen zu sehen und die örtlichen Museen sind gefüllt mit Säbeln, Uniformen und den Ketten von Sklaven?
Ich war nie ein grosser Historien-Fan, und mir ist der nostalgische Appeal etwas fremd, den Charleston für viele Leute ausstrahlt. Aber allmählich mache ich mich mit der Geschichte der Stadt vertraut und mir wird klar, dass diese – wie die unserer Gemeinde – sehr vielfältig ist und nicht nur eine Epoche abdeckt. Der Reiz von Charleston besteht auch darin, dass jeder sich sein eigenes Bild von der Stadt und ihrer Geschichte schaffen kann.     ●


Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.