Vorteil Verbundenheit
Einsamkeit ist gefährlich. Wer sich mit anderen zusammentut, hat einen besseren Stand. Diese Einsicht ist so alt wie Netzwerke und Eliten, die zunächst auf Familienbanden beruhten und heute weltweit die Geschicke der Menschheit mitbestimmen. So widmet sich unsere vorliegende Ausgabe Gruppen, die aus ihrer Verbundenheit über das blosse Überleben hinaus vielfältige Vorteile ziehen. Aber gerade ihr Zusammenhalt macht Bünde und Klans auch zur Zielscheibe von Misstrauen und Verfolgung. Der Basler Journalist Andreas Schneitter greift daher eingangs die Freimaurer heraus und zeigt, dass sich hinter geheimnisvollen Fassaden meist sehr vernünftige und nachvollziehbare Dinge abspielen.
Anschliessend arbeitet der heute in den USA lehrende russische Historiker Yuri Slezkine das Spannungsverhältnis zwischen Abgrenzung und Vermittlung heraus, in dem sich Netzwerke und Eliten bewegen. Er hat in seinem vielbeachteten Buch «Das jüdische Jahrhundert» für bestimmte Minoritäten den Begriff «Dienstleistungsnomaden» geprägt, zu denen er neben den Juden etwa Libanesen, Inder oder Auslandschinesen zählt. Hier erklärt Slezkine, dass «die soziale und wirtschaftliche Stellung der Juden im Europa des Mittelalters und der frühen Neuzeit nichts Ungewöhnliches war. In vielen Agrar- und Hirtengesellschaften gab es Gruppen dauerhaft Fremder, die Aufgaben erfüllten, welche die Einheimischen nicht erfüllen konnten oder wollten. Um Lebensbereiche wie Tod, Handel, Magie, die Wildnis, Geld, Krankheiten und Gewalt im Inneren kümmerten sich oft Menschen, die andere Götter verehrten, in anderen Sprachen zu Hause waren und sich auf andere Ursprünge beriefen.» Diese Aussenseiter waren besonders gut auf den Zusammenbruch traditioneller, feudaler Ordnungen vorbereitet. Katja Behling schildert, wie Juden daher etwa in den imperialen Hauptstädten Wien und Berlin um 1900 rasant zu einer neuen gesellschaftlichen Elite wurden.
Vernetztheit kann sich jedoch auch auf ganze Gesellschaften beziehen. Aus dieser Perspektive betrachtet Anne-Marie Slaughter die USA. Die Völkerrechtlerin ist jüngst nach zwei Jahren im US-Ministerium an die Princeton University zurückgekehrt. Slaughter betrachtet die Welt als vernetzt: «Netzwerke bestimmen die Kriegsführung: Terroristen und die sie bekämpfenden Militärs operieren in kleinen, mobilen, untereinander und mit Nachrichtendiensten vernetzten Gruppen … Vor allem grosse Unternehmen operieren zunehmend als globale Netzwerke. Und natürlich tragen neue Medien wie MySpace oder Facebook zur Vernetzung unserer Gesellschaften bei.» Und sie stellt fest, dass globale Probleme heute nur noch durch weltumspannende Netzwerke gelöst werden können. Dennoch klaffen zwischen Kulturen und Netzwerken immer noch Abgründe, aus denen gefährliche Krisen erwachsen können, Dies erklärt der Konfliktforscher laut Professor Raymond Cohen von der Hebrew University.
Der Frage, wie Eliten entstehen und ihren Fortbestand sichern, geht dann aufbau-Redaktor Andreas Mink nach. Er stellt eine neue Studie über das Elite-Internat St. Paul’s School in Neuengland vor, wo sich neuerdings auch Angehörige von Minoritäten tummeln. Doch hier werden immer noch Verbindungen geknüpft, die für die selbstbewussten Eleven ein Leben lang von Vorteil sind. ●