Vorstand hofft motiviert auf Wiederwahl
Wohl nicht gar so heftig wie die Bundesratswahl am Morgen des 14. Dezember in Bern wird die Wahl der Führung der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) am Abend vorher im umgebauten Gemeindezentrum ablaufen. Der gesamte fünfköpfige Vorstand ist zur Wiederwahl bereit. «Wir haben es uns gründlich überlegt», sagt ICZ-Co-Präsident André Bollag. «Und wir sind zur Überzeugung gelangt, dass wir gerne weitermachen wollen.» Dies geschehe nicht aus Geltungsbedürfnis, auch nicht, um Dank und Lorbeeren zu ernten, sondern aus Verantwortungsgefühl für die Gemeinde. Ob alle fünf Vorstandsmitglieder die gesamten vier nächsten Jahre im Amt bleiben wollen, bleibt allerdings offen.
Schwierige Zeiten
Co-Präsidentin Shella Kertész präzisiert: «Wir leben in schwierigen Zeiten, auch in der ICZ. Da mussten wir uns gut überlegen, ob wir den hohen Rhythmus der vergangenen Jahre unserer ersten Amtszeit auch in Zukunft durchstehen können und wollen. Aber nun sind die Würfel gefallen, wir sind voll motiviert für die Wiederwahl und für die Fortsetzung unserer Arbeit. Und wenn wir etwas machen, dann wollen wir es auch gleich richtig machen. Wir tragen Verantwortung für unsere Nachkommen, die auch später den Anspruch auf eine blühende Gemeinde haben. So wollen wir unsere bisherige Arbeit konsolidieren und uns zu diesem Zweck weiterhin zur Verfügung stellen. Wir garantieren für den gleichen Elan und Einsatz wie bisher, um unsere Arbeit weiterzuführen.»
Obwohl der grösste «Brocken» der ersten Amtszeit, der Umbau, vollendet und gelungen ist, bleibt ein gewaltiger Leistungskatalog, so Shella Kertész. «Bei allem, was wir tun, müssen wir sicher sein, dass wir sicher finanzieren können, was wichtig für die Gemeinde wäre. Es bleibt unser Dienstleistungsprinzip, für die Steuern der Mitglieder eine gute Infrastruktur, aber auch eine emotionale Ausgleichsgerechtigkeit zu schaffen, nicht zuletzt durch das Angebot im Kindergarten.» Das Haus stehe, nun müsse dessen Inhalt mit nachhaltigem Leben erfüllt und bewirtschaftet werden, damit alle zufrieden sein können.
Restaurant als Treffpunkt
Der Vorstand hat sich mit dem Restaurant Olive Garden eine neue Bürde aufgeladen, aber er betrachtet das eigene Lokal als einen wichtigen Beitrag für das Gemeindeleben, auch als Chance, bis in etwa anderthalb Jahren vielleicht sogar Geld damit zu verdienen, sofern auch das neue Catering Anklang findet. Kertész: «Unser Restaurant soll ein kulinarischer und gesellschaftlicher Treffpunkt werden. Die erste Woche in dem schönen Ambiente war erfreulich. Nun hoffen wir, dass die Gäste regelmässig kommen, denn eigentlich ist jedes ICZ-Mitglied daran mitbeteiligt. Also sollten sich alle auch einen Ruck geben und ihrem eigenen Restaurant die Chance geben, die es verdient.»
Auch André Bollag ist stolz darauf, dass die ICZ erstmals wirklich ein eigenes Restaurant besitzt: «Politisch ist es wichtig und richtig, dass die grösste Gemeinde von Zürich, die einzige Einheitsgemeinde, endlich so weit ist, dass wir unseren eigenen ‹hechscher›, die eigene rabbinische Aufsicht als gut genug für uns betrachten. Das hat sich die ICZ vorher nie getraut. Immer wurde auf andere geschaut. Doch nun schauen wir für uns selbst. Natürlich sind uns alle willkommen. Punkto Kaschrut wie Kulinarik können alle voll auf ihre Kosten kommen.»
Geplanter «Umbau von innen»
Als grösste Herausforderung für die nächste Amtszeit, «sofern uns die Gemeinde weiterhin das Vertrauen ausspricht und uns wiederwählt», bezeichnet das Co-Präsidium den anstehenden «Umbau von innen», die «Gemeinde fit zu machen für die Zukunft, eine gute Leistung anzubieten und trotzdem ein ausgeglichenes Budget zu erarbeiten», ein schwieriger Spagat, da hegen André Bollag und Shella Kertész keinerlei Illusionen. Sicherlich werde es immer wieder neue Angebote geben, aber besonders wichtig sei, die bisherige Qualität zu halten und zu schauen, dass die Mitglieder die Angebote auch nutzen.
Neue Mitglieder zu suchen, bezeichnet André Bollag als weitere Kernaufgabe. Shella Kertész ist ebenfalls überzeugt, dass dies gelingen wird: «Nach vier Jahren betrachten wir rück- und vorwärts blickend die Gemeinde als moderner, aufgeschlossener, freundlicher und insgesamt attraktiver. Wir werden uns dafür einsetzen, dass dies so bleibt und sogar noch gesteigert wird.» Beide sind überrascht, dass das Feedback für die Arbeit des Co-Präsidiums, des Vorstands und der Kommissionen sehr positiv ausfällt, «vielleicht melden sich die Kritiker nicht bei uns», aber Dank gehört nicht zur Motivation der Führungsspitze der ICZ. «Unser Job ist mit keiner anderen Arbeit in Zürich vergleichbar», sagt André Bollag. «Der Aufwand ist unvergleichlich, die Erwartungshaltung der ‹Kundschaft› ebenfalls. Ob wir selber mit unserer Arbeit zufrieden sind, können wir aber erst beurteilen, wenn wir mal nicht mehr im Amt sein werden.»
Auch dem ersten von zwei Gemeindeabenden sieht das Co-Präsidium gelassen entgegen, nicht nur der Wahl-Gemeindeversammlung (GV) vom 13. Dezember, sondern auch der GV vom 5. Dezember, an der über die Schlussabrechnung des Umbaus berichtet wird. «Wie immer gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht», lacht Bollag. «Die gute ist, dass wir mehr Sponsoren als erwartet gefunden haben. Die schlechte ist, dass der Umbau mehr gekostet hat, als ganz am Anfang berechnet.» Aber weder André Bollag noch Shella Kertész wollen etwas zur Schlussabrechnung sagen, bevor die Verantwortlichen die Chance hatten, sich selber dazu zu äussern (vgl. Kasten).