Vormarsch oder Rückzug der Orthodoxie in Israel?

von George Szpiro, October 9, 2008
Aus der Asche des Holocaust entstand nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der Staat Israel. Dieser Staat wurde ausdrücklich als jüdischer Staat, als Heimat für die in alle Welt zerstreuten Juden gegründet. Im ersten Teil der Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948 hiess es «der Staat Israel steht Juden aus allen Staaten, in die sie verstreut wurden, zur Einwanderung offen». Im so genannten «Gesetz zur Rückkehr» (Law of Return) vom Juli 1950 wurde dieser Grundsatz gesetzlich verankert: die Knesset verabschiedete ein Gesetz, laut dem jeder Mann und jede Frau, die jüdische Müttern haben oder zum Judentum übergetreten sind, das Recht auf Einwanderung haben. Rückblick auf eine bewegte Geschichte.
Orthodoxe und Sekuläre: Werden sie stets getrennt marschieren oder gibt es Berührungspunkte? - Foto Keystone

Die Formulierung des Gesetzes beruht auf der Halacha. Doch im Jahr 1970 musste es einer Revision unterzogen werden. Ein Mann namens Oswald Rufeisen berief sich auf sein Recht auf Einwanderung. Rufeisen war zwar Jude, doch er war zum Christentum übergetreten und wirkte unter dem Namen «Bruder Daniel» als Mönch des Karmeliterordens. Das Oberste Gericht entschied, dass Bruder Daniel kein Recht auf Einwanderung besitze. Die Knesset registrierte einen Zusatz zum Gesetz zur Rückkehr, und fortan hiess es, dass jeder, der von einer jüdischen Mutter stammt oder übergetreten ist, «und keiner andere Religion angehört», das Recht zur Einwanderung habe. Fortan unterschied sich das Gesetz von der Halacha.
Aber es drängte sich ein weiterer Zusatz zu dem Gesetz auf: viele Juden aus der damaligen Sowjetunion wollten nach Israel einwandern, doch hatten sie nichtjüdische Partner geheiratet. In dem neuen Zusatz hiess es, dass auch nichtjüdische Ehegatten, Kinder und Enkel das Recht zur Einwanderung nach Israel hätten. Mit diesem Zusatz wurde nun allen Leuten, die von den berüchtigten Nürnberger Gesetzen betroffen gewesen wären, das Recht, sich als Bürger in Israel niederzulassen, zugestanden. Heute wird geschätzt, dass etwa 25 Prozent der Einwanderer aus Russland laut der Halacha Nichtjuden sind.

Stärkung oder Schwächung der Orthodoxen?

Wie aus dem Kasten ersichtlich, wuchs die orthodoxe Bevölkerung z.B. in Jerusalem in den letzten Jahren erheblich. Wenn das Schulsystem als Indikator dienen darf, nahm die orthodoxe Bevölkerung in der Heiligen Stadt innert fünf Jahren um 27% zu, während die säkulare Bevölkerung um 5% abnahm. In absoluten Zahlen überholten die orthodoxen Kinder im vergangenen Jahr zum ersten Mal ihre säkularen Mitschüler. (Nebenbei bemerkt sagt diese Statistik noch etwas über die Demographie in Jerusalem aus. Zählt man die Kinder im arabischen Schulsystem dazu, wird deutlich, dass bloss eine Minderheit der Bevölkerung in der israelischen Hauptstadt zionistisch gesinnt ist.) Aber man muss hinter die nackten Zahlen blicken und bemerkt man, dass sich das Wachstum der orthodoxen Kinder immer mehr verlangsamte.
Aus einer Analyse der Resultate der Knessetwahlen erkennt man, dass die Stärke der religiösen Parteien während langen Jahren konstant blieb. Sie betrug zwischen 16 und 18 Sitze im 120-köpfigen Parlament, d.h. etwa 15 Prozent. Bloss aus den letzten beiden Wahlen gingen die religiösen Parteien gestärkt hervor: 1996 erzielten sie 23 Sitze, 1999 sogar 27. Doch was geschah auf der anderen Seite? Die arabischen Parteien und die nicht religiösen Parteien besassen früher ebenfalls zwischen 16 und 18 Sitzen, erhielten aber in den Wahlen 1999 26 Sitze. Damit ist die Bedeutung der religiösen orthodoxen Parteien bis und mit heute immer etwa gleich stark gewesen wie die Parteien am anderen Ende des Spektrums.
Was war der Grund für das plötzliche Erstarken der religiösen, der anti-religiösen und der arabischen Parteien? Einerseits erzielte die religiöse Partei Shas Erfolge, die nicht unbedingt darauf zurückzuführen sind, dass sie orthodoxes Gedankengut verbreitet. Ihr Erfolg liegt viel eher darin, dass sie das soziale Malaise der sephardischen (aus arabischen Ländern stammenden) Juden als Thema aufnahm. Und das signifikante Erstarken der Parteien an beiden Endes des Spektrums bei den Wahlen 1999 ist vor allem auf eine Änderung des Systems zurückzuführen: die direkte Wahl des Ministerpräsidenten erlaubte es den Wählern, ihre Stimme aufzuteilen. Mit dem einem Wahlzettel stimmten sie für ihren bevorzugten Regierungschef, mit dem anderen wählten sie ihre bevorzugte Partei. Früher, als der Führer der stärksten Partei automatisch Ministerpräsident wurde, mussten die Wähler wohl oder übel eine der beiden Grossparteien wählen, um den bevorzugten Parteichef ins Amt zu befördern. 1999 konnten sie ihren Regierungschef wählen und gleichzeitig für eine kleinere Partei stimmen. (Paradoxerweise wurde die kleine Shas-Partei dadurch zur drittstärksten Partei im Parlament.) Also ist der Grund für das Erstarken der religiösen Parteien nicht unbedingt auf eine Zunahme orthodoxer Geisteshaltung in der Bevölkerung zurückzuführen.

Judentum ist eine Lebensweise

Das Judentum ist nicht missionarisch gegenüber Angehörigen anderer Religionen, nie wollten die Rabbiner Andersgläubige zum jüdischen Glauben bekehren. Missionarische Tätigkeit ist in Israel sogar gesetzlich verboten. (Dabei ist allerdings die christliche Mission gemeint. Die Bekehrung von Nichtjuden zum Judentum ist, wie gesagt, fast undenkbar.) Aber die Bekehrung jüdischer Glaubensbrüder und -schwestern zur Religon fällt nicht unter dieses Verbot, und es gilt durchaus als «Mitzvah» (gute Tat), nichtreligiöse Juden zum wahren Glauben zurückzuführen.Aber Judentum ist nicht nur eine Religion, die Privatsache eines jeden Einzelnen wäre, sondern eine Lebensweise. In den 613 vorgeschriebenen Mitzvot sind alle Aspekte des Zusammenlebens - sei es Familie, Nachbarn, Geschäftspartner - geregelt. Die meisten Gesetze haben ihre Rechtfertigung und waren seinerzeit zum Teil sogar bahnbrechend: Frauenrechte, Arbeitsrecht (Shabbat), Wirtschaft-und Obligationsrecht. Aber in der heutigen, modernen Lebensweise sind viele Mitzvot und so manche Gesetze überholt, und daraus ergeben sich Probleme.
Da also das Dasein als Jude für die Orthodoxen eine Lebensform ist, kann es auch nicht in Isolation ausgeübt werden. Da ein Jude also nicht in einer nichtjüdischen Umgebung leben und gleichzeitig alle Mitzvot einhalten kann, muss die Umgebung (solange sie jüdisch ist) zu einem jüdischen Lebenswandel angehalten werden. Nur dann kann ein frommer Jude sein Judentum voll ausleben.

Status Quo: ante und post

Bis ca. 1976 herrschte der so genannte Status Quo zwischen religiösen und weltlichen Kreisen, der vier Punkte umfasste: Shabbat ist der Tag der Ruhe, in öffentlichen Institutionen werden nur koschere Nahrungsmittel angeboten, Familienrecht und Bestattungen stehen unter Aufsicht des Rabbinats, und religiöse und ultraorthodoxe Schulen besitzen innerhalb des Nationalen Schulsystems eine Unabhängigkeit. Doch dann geschah etwas Unerwartetes: die Regierung von Yitzhak Rabin stürzte wegen einer Entheiligung des Shabbat. Einige Flugzeuge der israelischen Luftwaffe kamen nach einem Demonstrationsflug etwas verspätet zu ihrer Basis zurück und landeten erst nach Beginn des Shabbat. Die religiösen Parteien reichten wegen dieser Entheiligung des religiösen Ruhetages ein Misstrauensvotum ein, und die Regierung fiel. Nach diesem Erfolg wurden sich die orthodoxen Parteien ihrer überproportionalen Macht bewusst, und von da an verlangten sie neue Konzessionen. In der Folge wurden mehrere von orthodoxen Parteien vorgelegte Gesetze verabschiedet. So standen archäologische Ausgrabungen fortan unter religiöser Aufsicht, damit keine Gebeine entweiht wurden, die Erlaubnis zur Durchführung von Autopsien wurde erschwert, und das Recht auf Rückkehr wurde restriktiver angewandt. Einige Jahre später setzte aber erneut eine Kehrtwende ein, und letztens ist die Orthodoxie nicht mehr auf dem Vormarsch. Vielmehr kämpft sie um den Erhalt des Status Quo, der sich in den letzten Jahren immer mehr zu ihren Ungunsten entwickelte. Entwicklungen traten ein, die vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wären. Es wurden zum Beispiel säkulare Friedhöfe eingerichtet, die Konservativen und die Reformjuden haben im Gegensatz zu früher in gewissen administrativen Angelegenheiten doch auch ein Wort mitzureden, und man spricht sogar über die mögliche Rekrutierung religiöser Soldaten (eher zum Unwillen der Armee, die nicht so genau weiss, was sie mit den Yeshiva-Studenten anfangen soll). In Jerusalem, der Heiligen Stadt, sind heutzutage sogar auch am Freitagabend einige Discos, Restaurants und Kinos zu finden, wenn sie auch fast verschämt in die Industriezone verwiesen werden. Wie erinnerlich wurden auch die berüchtigten Turbinen, die an mehreren Wochenenden über Autobahnen nach Ashkelon geliefert werden sollten, trotz massiver Proteste aus orthodoxen Kreisen gegen eine solche Entweihung des Shabbat, stillschweigend dennoch Freitag nachts an ihren Zielort transportiert. Obwohl die Fortschritte für die säkularen Bürger nicht zügig genug vorangehen, kann im Staate Israel keinesfalls von einem religiösen Diktat geredet werden. In den vergangenen vier Jahren wurde kein einziges Gesetz verabschiedet, das den weltlichen Bürgern religiöse Verhaltensweisen vorschreiben würde. (Die einzige Ausnahme ist die Verabschiedung eines Gesetzes, das den Import von unkoscherem Fleisch verbietet, doch gab es schon vorher eine entsprechende Regelung.) Aber deutete die Grossdemonstration einer Viertelmillion orthodoxer Männer auf den Strassen von Jerusalem vor einem Jahr auf eine baldige Übernahme der Macht durch die Religiösen? Wird Israel nicht trotzdem langsam zu einer Theokratie? Die Bilder der schwarzgekleideten Männer gingen um die Welt, und so mancher Kommentator sah schon Rabbiner als oberste Staatsgewalt und die Bibel als Grundgesetz. Dabei wird aber leicht ein kleines Detail vergessen. Wer geht denn zu Protesten auf die Strasse? Sicher sind es nicht diejenigen, die an den Hebeln der Macht sitzen. Viel eher bemühen sich diejenigen auf die Strasse, die meinen, dass ihre Anliegen und Rechte beschnitten werden. Ein völlig säkularer Staat wird Israel nie werden, aber eine Theokratie auch nicht.

Der Autor ist Israel-Korrespondent der NZZ.