Vorbereitung auf das Gericht

von Raw David Rarroport, October 9, 2008
Diesen Mozei Schabbat vor Rosch Haschana wird in der ganzen jüdischen Welt frühmorgens des Selichot-Gebete gesagt. Eine Auseinandersetzung mit dem Text und deren Bedeutung. Was bedeuten diese Gebete und was ist ihr Ursprung? Vor dem Gericht an den Hohen Feiertagen stimmen sich die Gläubigen darauf ein, Sühne und Gläubnis abzulegen.
Selichot: Verinnerlichung der hohen Feiertage.- Foto benzian

Rabbi Menachem Mendel von Kotzk, einer der berühmtesten chassidischen Meister, wurde einst gefragt: «Weshalb beten einige Ihrer Chassidim nicht zu den vorgeschriebenen Zeiten? Im Schulchan Aruch, dem jüdischen Gesetzbuch, wird vorgeschrieben, dass ein Mensch sein Morgengebet frühmorgens, spätestens aber bis zum Drittel des Tages sprechen soll. Wie lässt es sich erklären, dass einige Ihrer Chassidim, welche sonst so bestrebt sind, die Gesetze im Schulchan Aruch zu befolgen, dieses Gesetz nicht ernst zu nehmen scheinen?» Der Rabbi antwortete: «Ganz im Gegenteil. Meine Chassidim beachten dieses Gesetz sogar noch mehr als andere Gesetze. Doch Maimonides entschied, dass ein Tagelöhner, der fürs Holzhacken bezahlt wird, während seiner Arbeitszeit auch die Axt schleifen darf. Dies ist zum Vorteil des Arbeitgebers, kann man doch mit einer ungeschliffenen Axt während eines ganzen Tages weniger erreichen als mit einer geschliffenen in wenigen Stunden. Das Gebet wird als bezeichnet. Um Gott mit dem Herzen zu dienen, muss man das Herz zuerst (vorbereiten). Auch die Vorbereitungszeit des Herzens gilt schon als Zeit des Gebets.» Eines der ganz wichtigen Themen im Judentum ist die richtige Vorbereitung. Die Vorbereitung für Schabbat. Die Vorbereitung für Jom Tow. Die jüdische Erziehung - die Vorbereitung fürs jüdische Leben. In unserer Literatur wird diesen Vorbereitungen viel Platz eingeräumt. Die Vorbereitung für Schabbat zum Beispiel umfasst ein ganzes Kapitel im Schulchan Aruch.
Dies nicht nur weil, wie der Talmud sagt: «Nur jemand, der vor Schabbat vorbereitet hat, am Schabbat essen kann (am Schabbat selbst soll man nicht kochen und backen)», sondern weil jedes Gebot und jede Tradition auch eine tiefere Bedeutung hat und, um diese richtig zu verinnerlichen, eine gründliche Vorbereitung notwendig ist. Je besser die Vorbereitung, desto tiefer das Erlebnis, desto eindrücklicher und anhaltender der Effekt. Rosch Haschana und Jom Kippur, die zwei grössten und heiligsten Feiertage im jüdischen Jahr, brauchen auch eine entsprechende Vorbereitung. Man kann nicht einfach an diesen Tagen die Synagoge besuchen und erwarten, plötzlich von der grossen Bedeutung dieser Tage überwältigt zu werden. Dies kann zwar vorkommen, doch sicherer ist der Weg über eine gründliche Vorbereitung.Diese Vorbereitung besteht natürlich auch darin, dass man sich Zeit und Mühe nimmt, die verschiedenen Gebete und ihre geschichtliche sowie inhaltliche Bedeutung kennen zu lernen, sich mit der Bedeutung der verschiedenen Traditionen dieser Tage vertraut zu machen. Natürlich beinhaltet diese Vorbereitung auch die praktischen Vorbereitungen wie Kochen, Backen und Einkaufen.
Doch die wichtigste ist die emotionale Vorbereitung, den «Spirit» dieser Tage langsam auf sich einwirken zu lassen und in die geistige Substanz dieser Tage einzudringen, sich in die Mentalität dieser Tage hineinzuarbeiten. Ein ganzer Monat, der Elul, wurde für diesen Zweck bestimmt. Nach dem täglichen Gebet am Morgen (und in verschiedenen Gemeinden auch am Abend) beginnt der markerschütternde und tief aufwühlende Schofarton den Synagogenbesucher darauf aufmerksam zu machen, dass sich die hohen Feiertage unaufhaltbar nähern. Und je mehr Tage in diesem Monat verstreichen, desto fieberhafter werden auch die Vorbereitungen, desto intensiver die Erregung. In der Woche vor Rosch Haschana (wenn Rosch Haschana auf den Montag fällt, sogar schon eine Woche früher) beginnen wir mit den Selichot-Gebeten. Das Wort Selicha bedeutet Verzeihung und der Inhalt dieser Gebete ist die Bitte um die Verzeihung der Sünden. Wir erwähnen die 13 Attribute des Erbarmens, welche in Exodus 34, 6-7 geschrieben stehen, weil von diesen im Midrasch gesagt wird, dass sie im Himmel ihre Wirkung nie verlieren werden.
Das Selichot-Gebet wird zu einer sehr frühen Morgenstunde gesagt, während die ganze Welt noch schläft. Warum?
Einerseits gibt es dafür eine sehr einfache Erklärung. Obwohl nur eine Woche vor den hohen Feiertagen, sind diese Tage doch ganz gewöhnliche Arbeitstage. Da die Leute zur gewohnten Zeit zur Arbeit müssen, musste dieses Gebet vor dem Schacharit-Gebet (Morgengottesdienst) und nicht danach festgelegt werden. Doch der Zeitpunkt hat auch eine starke symbolische Bedeutung. So wie der Schofarton in den Worten Maimonides’ «die Schlafenden von ihrem Schlaf erwecken und die Tiefschläfer aus ihrem Tiefschlaf hochschrecken soll», soll auch das frühe Aufstehen für die Selichot-Gebete symbolisieren, dass der Mensch mit seiner Routine bricht und sozusagen aus dem gewöhnlichen Rhythmus ausbricht. Die ungewöhnlich frühe Stunde bringt dem Menschen fast mit Gewalt die nahenden Tage zu Bewusstsein.
Speziell bei Kindern ist diese Tradition besonders eindrucksvoll und hinterlässt einen unvergesslichen Eindruck auf ihr Gemüt.
Wegen des ersten Selichot-Gebets gibt es eine Meinungsverschiedenheit. Die eine Meinung besagt, es sei besser, mit den Selichot zum erstmöglichen Zeitpunkt (nach Mitternacht am Mozei Schabbat, da der erste Teil der Nacht noch Schabbat angehört und man kein Tachanun [Sündenbekenntnis] sagen kann) zu beginnen. Man solle die Vorbereitung für Rosch Haschana nicht noch länger hinausschieben.Die andere Meinung hält dagegen, dass es Teil der Idee von Selichot ist, diese frühmorgens zu beten. Verschiedene Gemeinden und Einzelpersonen haben diesbezüglich verschiedene Traditionen. Wie auch immer, hoffen und wünschen wir, dass die Selichot-Gebete ihre Wirkung nicht unterlassen werden, dass die Eindrücke der hohen Feiertage ein ganzes Jahr lang anhalten werden und dass uns allen am Rosch Haschana und Jom Kippur ein gutes und süsses Jahr geschenkt wird!