Vor der totalen Vernichtung gerettet

von Rabbiner Dr. Roland Gradwohl, October 9, 2008
Pessach, das Fest, das die jüdische Gemeinschaft heute Mittwochabend zu feiern beginnt, erinnert an die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei. Während acht Tagen, in Israel während sieben, isst der fromme Jude die ungesäuerten Brotfladen, die Mazzot, anstelle des sonst üblichen Brots und anderer Mehlspeisen.
Erinnerung für die Zukunft: Seit Jahrhunderten gedenkt der Seder der Auswanderung dess jüdischen Volkes aus Ägypten. - Foto Archiv JR

Mazzot war das sogenannte «Brot des Elends», mit dem sich die Leibeigenen in Ägypten begnügen mussten, Mazzot gilt aber auch zugleich als das «Brot der Freiheit», in Eile beim Auszug mitgenommen und später an der Sonne notdürftig gebacken. Viel ist an diesem Fest von der Freiheit die Rede, einer Freiheit, die allerdings nicht der Mensch errungen, sondern Gott geschenkt hat. Ohne Gottes Eingreifen, von dem die Bibel im 2. Buch Mose ausführlich berichtet, wäre die Sklavenzeit nicht überwunden worden. Der brutale Herrscher des Landes, dessen Vorgänger die jüdischen Sippen als Schutzsuchende empfangen hatte und im östlichen Nildelta, in Gosen, sich ansiedeln liess, tilgte jede Spur der Unabhängigkeit. Und die Israeliten hatten sich an den Zustand gewöhnt und den Willen, frei zu sein, aufgegeben. Es bedurfte vieler Schicksalsschläge - die Zehn Plagen -, ehe Pharao die Versklavten freigab.

Die Bedeutung der Freiheit

Pessach ist als Fest für den Juden so wichtig, weil ihm jährlich aufs Neue die Bedeutung der Freiheit eingeprägt wird. Nur der Freie vermag Gott zu dienen und des Mitmenschen Bruder zu sein. Der Sklave denkt nur an sich, an seine bescheidene Nahrung, an die mühevolle Arbeit, die kaum je unterbrochen werden darf. Und wenn er allzu lange in seinem jämmerlichen Zustand hat verharren müssen, geht ihm der Sinn für Unabhängigkeit und Selbständigkeit völlig verloren. Pessach kennzeichnet daher letztlich die geistige Wiedergeburt eines sterbenden Volkes, das durch göttliches Eingreifen kurz vor seiner totalen Vernichtung gerettet worden ist. Nicht zufällig wird am Schabbat des Pessachfestes die Weissagung von der Auferstehung der Toten als Haftara (Ezechiel 37), als Lesung aus den Propheten vorgetragen. Das Volk Israel ist von den Soldaten des babylonischen Königs Nebukadnezar im Jahre 586 v.Chr. ins Exil vertrieben worden. Viele kommen um, viele fühlen sich in geistig-religiöser Hinsicht total verunsichert. Der Vertriebene gleicht dem Toten, dem der Geist des Lebens genommen worden ist.
Ezechiel sieht sich in seiner Vision in einer weiten Talebene, in der verdorrte menschliche Gebeine herumliegen. Ob diese je wieder lebendig werden können, weiss er nicht. Doch da ergeht an ihn das Wort Gottes: «Sieh\', ich bringe in euch Lebensgeist, dass ihr lebendig werdet, und ich lasse Sehnen an euch entstehen und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut... Sieh\', ich öffne eure Gräber und hole euch heraus aus euren Gräbern und bringe euch ins Land Israel. Und ihr sollt wissen, dass ich Gott bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufhole. Und ich lege meinen Geist in euch, dass ihr lebendig werdet...»
Man hat immer wieder versucht, aus diesen Worten die persönliche Auferstehung eines Toten herauszulesen. Von dieser Glaubensvorstellung, die späterem jüdischem Denken eigen ist, spricht der Prophet nicht. Die Verkündigung Gottes, die Ezechiel weiter tradiert, gilt der Gemeinschaft, dem Volk Israel. Und sie darf nicht in engem Sinne interpretiert werden. Nicht, dass der wirklich Tote wieder lebendig wird, ist in dieser zentralen Vision angesagt, sondern dass ein sich gleichsam tot fühlendes, jeder Hoffnung und Lebensfreude beraubtes Volk dem Leben und neuer Blüte in seiner alten Heimat zugeführt wird.
Wie während der ägyptischen Sklavenzeit muss während des babylonischen Exils der «Ruach Haschem», der «Geist Gottes», der verzagenden Volksgemeinschaft eingehaucht werden. Damals war es Moses, der in Gottes Auftrag zu Israel sprach, hier ist es der Prophet Ezechiel. Und wie auf den Auszug aus Ägypten der Einzug ins Versprochene Land folgte, so durften die Exilierten auch aus Babylonien in die Heimat zurückkehren. Der Untergang Jerusalems wurde durch den Wiederaufbau Jerusalems wettgemacht.

Gott verhindert die totale Vernichtung

Gottes Eingreifen hat die totale physische und psychische Vernichtung verhindert. In Ägypten und in Babylonien, aber auch in den unzähligen Krisenzeiten der über 3000jährigen Geschichte des jüdischen Volkes. Mochte Israel auch noch so sehr getroffen worden sein - den Glauben an eine Wende zum Besseren hat es nie aufgegeben. Die optimistische Einstellung ist ihm gleichsam angeboren, anders hätte es die Prüfungen seiner langen Leidensgeschichte nicht zu bestehen vermocht. «Jihje tow», es wird gut sein, rufen sich Juden zu, auch wenn alles noch so sehr zum Schlechten steht. «Es wird gut sein», weil Not und Elend nie das letzte Wort haben, haben dürfen. Pessach bestärkt den Juden in seinem Vertrauen an Gottes Fügung, die ihn immer wieder aus dem Tal des Todes und aus den Ketten der Versklavung gelöst und ihm die Freiheit geschenkt hat. Eine Freiheit, ohne die echtes Menschsein nie möglich ist.

Dieser Text wurde erstmals vom Radiosender NDR ausgestrahlt.