Vor der Entscheidung in Pennsylvania

April 18, 2008
Am 22. April könnten die Vorwahlen der Demokraten in Pennsylvania das Rennen zwischen Hillary Clinton und Barack Obama entscheiden. Dreimal so gross wie die Schweiz, enthält der US-Bundesstaat einen Mikrokosmos regionaler Kulturen. Dennoch teilen Bürger in der Stahlstadt Johnstown und in den prosperierenden Vorstädten von Philadelphia die Hoffnung auf einen politischen Neuanfang.
<strong>Heisser Wahlkampf der Demokraten </strong>Hillary Clinton und Barack Obama diese Woche am Messiah College in Grantham, Pennsylvania

Die Clinton Street in der heruntergekommenen Innenstadt von Johnstown weisst zwei denkwürdige historische Lokalitäten auf: An ihrem nördlichen Ende stösst das gigantische, seit über 30 Jahren stillgelegte Stahlwerk der United Mills an den Stadtkern; einen Steinwurf davon entfernt verkauft das 1916 gegründete Imbisslokal Coney Island Hot Dog immernoch «die besten Würstchen und Hamburger der Welt», wie das verblichene Schild über dem Eingang verkündet. Drinnen erzählt der pensionierte Lehrer John Pencola an einer der orange-grünen Einheiten aus Tisch und Sitzbänken von der Geschichte seiner Stadt. Die Stadt wurde 1793 von dem Schweizer Emigranten Joseph Schantz gegründet, der sich bald den Nachnamen Johns gegeben hatte. Die reichen Kohlevorkommen in der Umgebung der Stadt im Südwesten des US-Gliedstaates Pennsylvania haben Johnstown schon Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Zentrum der amerikanischen Schwerindustrie gemacht. Bis in die 1960er Jahre hinein war Johnstown die «Stahlhauptstadt» Amerikas und Heimat eines vitalen Arbeitermilieus. Organisiert in Gewerkschaften und ethnischen Vereinen, konnten die Söhne von Einwanderern aus Deutschland, Irland, Italien, Polen und der Slowakei hier über Generationen gutes Geld verdienen.

Eine robuste Gesellschaft

Dazu stiessen bald jüdische Familien, die sich im Handel hervortaten. Ältere Einwohner erinnern sich rühmend an die Gebrüder Glosser, die das grösste Kaufhaus der Stadt betrieben: «Da gab es eine breite Auswahl und selbst für knappe Budgets boten die Glossers in ihrem ‹Bargain Basement› gute Anzüge für wenig Geld», so der ehemalige Stahlarbeiter Bob vor dem Denkmal, das «dankbare Bürger» Joseph Schantz 1913 im kleinen Stadtpark von Johnstown gewidmet haben. Pencola ist stolz auf die Brüderlichkeit zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen, die zwar untereinander zusammen gehalten, aber keine Vorurteile gegenüber anderen empfunden hätten. Johnstown und Umgebung wurden zu einer der wenigen Hochburgen der demokratischen Partei inmitten der republikanisch gesonnenen Landbevölkerung zwischen den pennsylvanischen Metropolen Pittsburgh und Philadelphia. So robust war diese Gesellschaft und so profitabel waren die Minen und Stahlwerke am Ort, dass die Stadt nach einer der schlimmsten Naturkatastrophen der amerikanischen Geschichte die Kraft zu einer neuen Blüte fand: Am 31. Mai 1889 brach nach schweren Regenfällen oberhalb von Johnstown ein Damm am Fluss Little Conemaugh. Die sechs Meter hohe Flutwelle forderte 2200 Todesopfer. Als der Fluss im Mai 1977 erneut über die Ufer trat, traf er eine Stadt im Niedergang: Das Stahlwerk war nicht mehr profitabel, und so investierte der Konzern United Mills nach der Überschwemmung nicht mehr in die Renovierung der verwüsteten Anlage. Als tote Hülse, rostbraun und mit zerschlagenen Fenstern, nimmt die gigantische Fabrik immer noch den gesamten Nordosten des Talkessels ein.

Unterstützung für Hillary Clinton

Pencola hat einige Wahlschilder für Hillary Clinton bei sich. Er unterstützt die Kandidatin, «weil wir hier seit den 1970er Jahren 12000 gutbezahlte Jobs verloren haben. Hillary hat die Erfahrung und die Intelligenz, die Probleme der amerikanischen Mittelklasse zu erfassen. Sie kennt die richtigen Leute. Sie versteht das politische System und weiss, wie Probleme gelöst werden können.» Für Pencola zählt zu diesen «richtigen Leuten» auch der demokratische Kongressabgeordnete John Murtha, der Johnstown und Umgebung seit 1974 in Washington vertritt. Der 75-Jährige ist auch unter Parteifreunden als «korrupter Dinosaurier» verschrien. Aber Pencola lobt ihn für die Hightech-Firmen und Gesundheitsdienstleister, die Murtha an den Ort gelockt hat. Dass Freunde und Verwandte des Abgeordneten davon profitiert haben, mindert Pencolas Enthusiasmus nicht. Murtha unterstützt Clinton. Viele Gesprächspartner in Johnstown verstehen dies als Beleg, dass die Senatorin den «status quo» repräsentiert. Aber für Emily Kane, Clintons Wahlkampfmanagerin am Ort, bedeutet Murthas Unterstützung wertvolle Hilfe. Sie findet im Hauptquartier der Clinton-Kampagne an der Main Street Zeit für ein Gespräch.

In dem leerstehenden Laden reihen sich alte Klapptische, auf denen Handys bereitliegen. Grauhaarige Postgewerkschafter, deren Hosenträger sich über schwere Bäuche spannen, verbringen ihre Mittagspause mit Anrufen bei registrierten Demokraten in der Region. Kane, klein, energisch, Mitte zwanzig und geboren im Norden des Staates New York, ist dankbar für die Freiwilligen, die Murtha für sie mobilisiert hat. Kane hat in Clintons Washingtoner Büro gearbeitet und zieht seit fast einem Jahr als Organisatorin für sie von Staat zu Staat. Kane weiss, dass Clinton im Hinterland von Pennsylvania überzeugend gewinnen muss, um die zu Barack Obama tendierenden Wähler in den Bevölkerungszentren Pittsburgh und Philadelphia auszubalancieren: «Hillarys Botschaft kommt gut an hier», sagt Kane: «Die bedrängte Mittelklasse will keine grossen Reden, sondern Erfahrung».

Die Politik in Philadelphia

Der Abtreibungsgegner und Jäger Murtha ist durchaus repräsentativ für diesen Teil von Pennsylvania. Der von waldreichen Mittelgebirgen durchzogene Staat ist grösser als Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen zusammen und birgt einen Mikrokosmos von Kulturen. Die zwölf Millionen zählende Bevölkerung konzentriert sich neben Pittsburgh vor allem im Grossraum von Philadelphia. Hier leben auf 70 Kilometern entlang des Delaware River rund vier Millionen Menschen. Ein Viertel von ihnen sind Afroamerikaner, die mit dem Demokraten Michael Nutter auch den Bürgermeister stellen. «Philly» weist auch eine vitale jüdische Gemeinschaft auf, die etwa 300000 Mitglieder zählt. Prominent unter ihnen ist der ehemalige Bürgermeister Ed Rendell. Er ist seit 2002 der Gouverneur des Staates und heute vermutlich nicht nur der bedeutendste jüdische Unterstützer Clintons, sondern eine ihrer stärksten Stützen landesweit. Der 64-Jährige ist ein hartgesottener, erfahrener Mann. Er wird als Vizepräsident Clintons gehandelt und es gibt vermutlich kaum jemanden, der diesen grossen und komplexen Staat besser versteht.

Während die Politik von «Philly» der in anderen Ostküsten-Metropolen wie New York oder Boston gleicht, gehen europäische Vorstellungen von «progressiv» oder «konservativ» an den Arbeitern und Bauern im Inneren von Pennsylvania vorbei. Der Staat weist mit den höchsten Prozentsatz an Katholiken in den USA auf, was neben der Bodenständigkeit auch der Städter eine allgemeine konservative Grundhaltung bei moralischen Fragen erklärt. Beim Besuch in Johnstown war fast jeder Gesprächspartner auf die Frage nach der Herkunft mit der Antwort «born and raised» parat: Vor allem ältere Einwohner sind am Ort verblieben und kaum jemand von ausserhalb hat Grund, hierher zu kommen. Dass Demokraten in Johnstown andere Werte haben als ihre Parteifreunde in den Metropolen, wird schon bei der Reaktion deutlich, mit der viele hier die Kandidaten im Rennen um die US-Präsidentschaft kommentieren: «Ein Schwarzer, eine Frau und ein alter Kerl – etwas Besseres konnten wir nicht finden?!»

Lob für Barack Obama

Doch beim Nachhaken fallen die Antworten und Einschätzungen ausserhalb des Lokals differenzierter aus. Der ehemalige Drucker Walt lobt Obama für seine «Vision eines neuen Anfangs für Amerika» und spricht sich gegen «Bush-Clinton-Bush-Clinton» aus: «Wir wollen keine politischen Dynastien». In der naheglegenen Bergarbeitersiedlung Lucernemines erklärt der Vietnam-Veteran Everett, er sei unentschlossen: «Ich halte Obama für einen guten, ehrlichen Mann. Das politische System wird ja wirklich von Geld und Lobbyisten dominiert und die Clintons sind ein Teil davon. Aber wir können nicht wissen, ob Obama seine Versprechen verwirklichen kann.» Dann spricht Everett zwei Themen an, die auch bei den anschliessenden Unterhaltungen in Philadelphia wieder und wieder auftauchen: «Amerika hat durch diesen wahnsinnigen Krieg weltweit total an Ansehen verloren. Ich würde Obama wählen, weil er unser Standing wiederherstellen würde. Aber ich weiss nicht, ob das Land für einen schwarzen Präsidenten bereit ist. Ich befürchte, dass Obama ermordet wird.»

Die Buchhalterin Pat Scanlon in Philadelphia stimmt Everett mit Blick auf das Ansehen Amerikas zu: «Ich habe Obamas Bücher gelesen. Er versteht, wie Muslime denken. Wir waren einmal die ‹good guys›. Jetzt ist es mir fast peinlich, Amerikaner zu sein.» Scanlon war unabhängig, hat sich aber wie viele Bürger im Staat bei den Demokraten registrieren lassen, um an den Vorwahlen der Partei für die US-Präsidentschaft am 22. April teilnehmen zu können. Sie ruft jeden Abend bis zu 70 potenzielle Wähler an, um sie von Obama zu überzeugen. Dabei halten ihr Unentschlossene häufig die «antiamerikanischen Reden» von Obamas Pastor Jeremy Wright, stets aber dessen «mangelnde Erfahrung» vor. Beim Interview mit dem aus Philadelphia stammenden Marketing-Experten Charles Seymour werden weitere Konturen dieser vielleicht entscheidenden Auseinandersetzung im Kampf der Demokraten um das Weisse Haus deutlich.

Frustrierte Bürger

Seymour hebt die Bedeutung der Stadt und des ganzen Staates für die amerikanische Politik hervor: «Die Republikaner müssen befürchten, dass sie ihren Halt in den wohlhabenden Vororten von Philadelphia verlieren.» Tatsächlich zeigt der Besuch im Delaware County südlich der Stadt, dass bürgerliche Wähler zutiefst von George W. Bush und seiner Partei frustriert sind. Laut Seymour hat Rendell diesen Trend bereits im Jahr 2006 erkannt und für sich benutzt. Doch während die Demokraten Zulauf finden, ist die Partei in der Region Philadelphia tief zerrissen: «Nutter setzt sich zwar mächtig für Clinton ein», so Seymour, «aber er kann der Organisation nicht einfach befehlen, sich hinter sie zu stellen, wie das Murtha in Johnstown tut.» Als nüchterner Analytiker ist sich Seymour jedoch sicher über den Ausgang der Wahlen im Herbst: «Generell folgen 70 Prozent der Menschen einem ‹Fluchtimpuls› und wollen sich von einem schlechten Zustand lösen. Nur 30 Prozent sind wirklich zielorientiert. Die Demokraten haben das erkannt. Daher ist es ziemlich egal, ob sie schliesslich Clinton oder Obama aufstellen. Denn im Herbst werden der Irak-Krieg und die schlechte Wirtschaftslage gegen John McCain und die Republikaner sprechen.»

Andreas Mink