Vor allem die Jugend bereitet Sorgen

von Eliahu Salpeter, October 9, 2008
Nach jeder Welle antisemitischer Zwischenfälle taucht bei einigen Prominenten unter den Juden Deutschlands die Frage auf, ob es richtig war, in dem Land, in dem die Endlösung sich abgespielt hatte, jüdische Gemeinden von neuem aufzubauen. Ignatz Bubis, der frühere Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, hatte in seinem Vermächtnis angeordnet, seine sterblichen Überreste in Israel und nicht in der BRD zu begraben. Er hatte Angst, Antisemiten würden die Grabstätte schänden.
Zentralratspräsident Spiegel, Bundeskanzler Schröder: «Die Frage nach der Legitimität jüdischen Lebens in Deutschland». - Foto Keystone

Als es kürzlich in Deutschland zu Brandanschlägen gegen zwei Synagogen und zu anderen Zwischenfällen kam, warf Paul Spiegel, der heutige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Frage auf, ob es richtig war, jüdisches Leben in der BRD nach dem Krieg zu erneuern. Das berührt eine für Deutschland nach wie vor delikate Situation, wird die Anwesenheit jüdischer Gemeinden in der BRD und die Haltung den Juden gegenüber von den meisten politischen und geistigen Führern des Landes doch noch immer als eines der Kriterien betrachtet, mit denen die Verwurzelung der Demokratie in Deutschland gemessen wird.
«Die Angriffe gegen jüdische Stätten», sagte Friedrich Mertz von der Christlich-Demokratischen Partei, «richten sich nicht nur gegen die jüdischen Bürger Deutschlands, sondern gegen die Gesamtheit der deutschen Gesellschaft.» Mertz sprach an einer Sondersitzung des Bundestages, an der die Situation der Juden in der BRD vor dem Hintergrund der jüngsten Gewaltakte besprochen wurde.
Im vereinten Deutschland leben fast 100 000 Juden, grösstenteils Einwanderer aus der ex-UdSSR. Die meisten von ihnen kamen in die BRD, weil sie kein Einreisevisum für die USA erhielten und nicht nach Israel gehen wollten. Informationen über die Zahl der Juden, die sich heute mit dem Gedanken tragen, Deutschland zu verlassen, liegen keine vor. Die Möglichkeit an sich aber beunruhigt die Mitglieder des Bundestags bereits. An der Sondersitzung verurteilten Sprecher aller politischer Richtung die antisemitischen Zwischenfälle und riefen die Juden auf, nicht zu emigrieren. Einige der führenden Köpfe der BRD bringen die nicht ganz unberechtigte Furcht zum Ausdruck, mit der wachsenden zeitlichen Distanz vom Holocaust würden die moralischen Barrieren gegen antisemitische Umtriebe, die seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland festgestanden hatten, einreissen.
Angriffe gegen jüdische Ziele sind ein relativ kleiner Teil der zunehmenden Welle rechtsextremer Gewaltakte gegen Ausländer, inkl. Morde an Einwohner afrikanischen Ursprungs. Auch in Deutschland verbrennen rechtsextremistische Rowdies Pizzerias und Geschäfte, die Ausländern gehören, und schlagen fremd aussehende Menschen zusammen. Die Dinge haben sich derart zugespitzt, dass Innenminister Otto Schily das Verbot der National-Demokratischen Partei gefordert hat. Und die sonst eher langsam arbeitende Justizmaschinerie hat sich kürzlich auffallend beeilt, rechtsextreme Rowdies vor Gericht zu bringen.
Dass neo-nazistische Verbrechen in letzter Zeit auch im westlichen Teil Deutschlands zugenommen haben, muss Sorge auslösen. Noch immer aber werden die meisten rassistischen und antisemitischen Handlungen im ehemaligen Ost-Deutschland begangen, wo in der kommunistischen Aera rassistische Probleme unter den Teppich gekehrt worden waren. 1999 registrierte man im ehemaligen Westdeutschland 0,7 rassistisch motivierte Gewaltakte auf 100 000 Einwohner; im Osten lag dieses Verhältnis bei 2-3. Rund 18% der Bewohner Deutschlands leben in der ex-DDR, doch rund die Hälfte der extremistischen Gewalttaten werden dort verübt. Nach Ansicht des Berliner Soziologen Richard Stoess kam der Wendepunkt in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts, als ein bedeutender Teil der Ostdeutschen den Optimismus verlor, in welchen die Wiedervereinigung sie versetzt hatte. Eine im August vom Emnid-Institut durchgeführte Untersuchung brachte die grossen Unterschiede zwischen Ost und West zutage. Die Frage, ob sie bereit wären, für eine der drei legalen rechtsextremen Parteien zu wählen, beantworteten 11% der Westdeutschen, aber 23% der Ostdeutschen mit Ja. Am meisten positive Antworten erhielten die Forscher in beiden Teilen der BRD unter jungen Menschen im Alter von 16-27 Jahren. Auf die Frage, ob es in Deutschland zu viele Ausländer gebe, antworteten 47% der Westdeutschen und 63% der Ostdeutschen mit Ja. Und dies, obwohl der Ausländeranteil im Westen höher ist als im Osten. Trotzdem ist es recht bedenklich, dass sogar im weniger extremen Westen fast die Hälfte der Befragten positiv antworteten. Nur 12% der Westdeutschen sind der Ansicht, Ausländer würden ihnen den Arbeitsplatz streitig machen, während im Osten 34% der Einwohner diese Meinung vertreten. Die Tatsache aber, dass der Anteil der Deutschen, die glauben, es gebe zu viele Ausländer in der BRD, viel höher ist, als der Anteil jener, die Angst haben, deswegen ihren Job zu verlieren, beweist, dass wirtschaftliche Gründe den Fremdenhass nur teilweise erklären können.
Dass in beiden Teilen Deutschlands besonders der Antisemitismus (im Gegensatz zum generellen Fremdenhass) stärker unter den Jüngeren vertreten ist als unter Älteren, bereitet ebenfalls Sorgen. Eine im vergangenen Monat von der Potsdamer Universität unter 4500 Jugendlichen im ostdeutschen Brandenburg und im westlichen Nordrhein-Westfalen durchgeführte Erhebung zeigt, dass im Westen 11%, im Osten dagegen 30% der Jugendlichen klar antisemitische Gefühle haben.
Während Gewaltakte vor allem von Jugendlichen der unteren Gesellschaftsschichten vollbracht werden, haben antisemitische Gefühle bei der politischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Elite drastisch zugenommen. In diesen Kreisen registriert man eine ernst zu nehmende qualitative Veränderung: Das soziale Tabu, das den Antisemitismus jenseits akzeptierter Normen platziert hatte, ist gebrochen. Antisemitische Gefühle werden heute wieder offen und in der Öffentlichkeit zum Ausdruck gebracht.
In vielen Ländern ist es unlängst zu mehr antisemitischer Gewalt als in Deutschland gekommen, doch ist es klar, dass man viel empfindlicher reagiert, wenn die Zahl derartiger Zwischenfälle in der BRD wächst.

Haaretz