Vor 50 Jahren starb Rabbiner Arthur Weil

von Jacques Ungar, July 23, 2009
Nur noch wenige der heute in Basel lebenden Juden erinnern sich aufgrund von Erlebnissen und Begegnungen oder gar einer persönlichen Bekanntschaft an Rabbiner Arthur Weil. Der Todestag dieses mit seiner Familie aus dem Elsass nach Basel berufenen Mannes, der zu Pessach 1925 das Rabbinat bei der Israelitischen Gemeinde Basel an der Leimenstrasse übernahm, das er 30 Jahre lang versehen sollte, jährte sich unlängst zum 50. Male.
RABBINER ARTHUR WEIL «Meine Türe steht immer offen»

Um einige Eindrücke über Rabbiner Arthur Weil aus erster Hand zu erhalten, unterhielten wir uns mit Simone Slowes, der trotz ihrer 86 Jahre rüstigen und geistig äusserst lebhaften Tochter des Rabbiners, der die geistig-religiösen Geschicke der Basler Gemeinde zwischen seinem Vorgänger Rabbiner Arthur Cohn s. A. und seinem Nachfolger Rabbiner Leo Adler s. A. leitete. «Mit Basel verbindet mich heute überhaupt nichts mehr», meinte Slowes trocken-sachlich. «Wenn ich Freunde und Bekannte von damals besuchen wollte, musste ich seit Jahren schon mehr und mehr auf den Friedhof gehen.» Dabei kann die Rabbinerstochter, die 1926 im Alter von drei Jahren nach Basel kam, auf eine dynamische und aktive jüdische Kindheits- und Jugendzeit in der Stadt am Rheinknie zurückblicken. «Und wie!», kam es in bestem Schweizerdeutsch aus ihrem Mund geschossen, als wir wissen wollten, ob sie auch im Synagogenhof gespielt habe. Und schon beginnen die Namen der Spielkameraden und -kameradinnen zu sprudeln: Epstein, Nordmann oder Jakubowitsch, um nur ein paar wenige zu nennen. Bis heute aber ist Simone Slowes ihrer französischen Staatsbürgerschaft treu geblieben.

Auswanderung nach Israel

Während des Krieges war das nicht unbedingt freiwillig: «Die in Bern wollten einfach nicht, und da war ja noch der berüchtigte, antijüdische Rothmund von der Fremdenpolizei.» Mit der Auswanderung nach Israel im Jahre 1949 verlor die Frage ohnehin an Bedeutung. Neben Deutsch und Französisch beherrscht Slowes heute natürlich auch Ivrit perfekt. Das muss sie schon, um mit ihren 22 Enkeln und 26 Urenkeln, die alle in Israel leben, kommunizieren zu können. «Der Vater sprach ein eher tanachitisches Hebräisch. Der Wortschatz war vorhanden, die Praxis weniger.» Aus ihrer elsässischen Heimat hat die Familie Weil noch den jiddisch-deutschen Dialekt mitgebracht, eine Sprache, die es, so Simone Slowes, heute nicht mehr gibt. Als besonders eindrückliches Beispiel für den Dialekt erinnert sie an das sich samt deutscher Übersetzung im Jüdischen Museum zu Basel befindliche Manuskript über den «Judenrümpel in Dürmenach», in dem ihr Ururgrossvater Seligmann ben Nathan haKatan Brunschwig über die Flucht seiner Familie aus dem schwer geprüften Dorf berichtet. «Nach dem Pogrom», zitiert Slowes aus dem Manuskript, «war alles zerschlagen. Nur eine Nadelbüchse und ein Spiegel konnten gerettet werden.» Der Grund für die Judenverfolgung von Dürmenach: Der Bürgermeister und alle Mitglieder des Dorfrats waren jüdisch. Als dann eines Jahres die Ernte schlecht ausfiel, war der äussere Anlass für den Pogrom rasch gegeben.
Die Alija begründet Simone Slowes mit der klar zionistischen Erziehung, die sie zu Hause genossen hatte. «Obwohl mein Vater ein überzeugter Zionist war, war er recht unglücklich, als ich ging, doch mit der Zeit hat sich das gelegt.» In der Praxis bewies Rabbiner Weil seinen Zionismus, als er seinem während des Zionistenkongresses von 1927 geborenen Sohn den Namen Theodor gab. Diverse Publikationen zur Wahl Rabbiner Weils sowie Auszüge aus dessen Antrittsrede vom Pessach 1925 mögen ein Bild vermitteln vom damaligen Zeitgeist und der damaligen Art, mit Herausforderungen umzugehen.

Ein würdiger Rabbiner

Im Frühling 1925 schrieb das «Israelitische Wochenblatt» unter dem Titel «Der neue Rabbiner von Basel» unter anderem: «Rascher als wir es geglaubt haben, hat sich die Erregung, die sich unserer guten Gemeinde bemächtigt hatte, wieder gelegt. Als erfreuliche Tatsache können wir mitteilen: Der Friede in unserer Gemeinde ist wieder hergestellt. Donnerstag voriger Woche ist unser neugewählter Rabbiner, Herr Dr. Arthur Weil, nach Basel gekommen, und die Unterredungen, die sich an diesen Besuch knüpften, haben gezeigt, dass Herr Dr. Weil als Rabbiner alle Gruppen befriedigt, und dass er von diesen befriedigt ist. Auch die Orthodoxie konnte feststellen, dass nichts vorhanden ist, was einer Anerkennung Dr. Weils von ihrer Seite im Wege steht (…) Die schwierige Klippe der Rabbinerwahl ist für unsere Gemeinde überwunden, und wir haben einen würdigen Rabbiner gefunden, der mit uns einig ist, und mit dem wir einig sind.»

Recht emotional lesen sich die in der «Tribune Juive» publizierten Abschiedsworte, welche die Juden aus dem Elsass Rabbiner Weil auf den Weg in die Schweiz mitgeben. «Das Basler Rabbinat ist eines der bedeutendsten Rabbinate in Westeuropa, und wir freuen uns sehr, dass Rabbiner Dr. Arthur Weil die Ehre zuteil wurde, für die hohe und verantwortungsvolle Stellung auserwählt worden zu sein. Sein friedlicher Charakter, seine sanfte Art im Umgang mit verschieden gearteten Menschen, seine rücksichts- und verständnisvolle Natur – das sind Eigenschaften, die ihn wie selten einen geeignet machen, ein gütiger und friedlicher Führer einer grossen Gemeinde zu sein, wo manche Gegensätze unvermeidlich sind, die auf jüdischen und friedlichen Wegen zu schlichten grosse Geschicklichkeit und Feinfühligkeit erheischen.»
In seiner Antrittsrede vom Pessach 1925 legte Rabbiner Weil den Schwerpunkt seiner Arbeit auf das jüdische Kind. Ein kurzer Auszug: «Die Kinder, die Sie meinen Händen anvertrauen, sind die Zukunft der Gemeinde. Wie in der Pessach-Haggada gibt es das ‹kluge› Kind, das fragt, wissen, eine Antwort erhalten und sich eine Meinung bilden will. Das moderne Kind will wissen und lernen, es liest und hört, und das ist sein gutes Recht. Der ‹Roscho› ist nicht das schlechteste aller Kinder. Wer weiss, vielleicht interessiert es sich für die Religion, doch zu Hause gibt man ihm nicht das Recht, seine Gefühle zu zeigen. Der Einfältige und das Kind, das nicht zu fragen weiss – mögen sie zu mir kommen, und ich hoffe, sie auf den richtigen Weg zu führen. Nur der Gleichgültige und der, dem nichts eine Rolle spielt, sind die wirklich Verlorenen. Es ist unwichtig, wie Eure Ansichten sich konkret ausdrücken, meine Türe steht immer offen. Doch nur wenn wir zusammenarbeiten und Gott seinen Segen gibt, und wir in Frieden zusammen leben, werde ich die Gemeinde mit Erfolg lenken können.»

Die hier zitierten Zeilen wurden vor über 80 Jahren geschrieben. Dass sie auch ein halbes Jahrhundert nach dem Hinschied Rabbiner Weils noch von grösster Aktualität sind, beweist den weisen Vorausblick eines Mannes wie Rabbiner Arthur Weil s. A.