Von Yossi Beilin bis Ehud Olmert

June 27, 2008
Editorial von Jacques Ungar

Forderung. Erinnern Sie sich, wie vor Jahren der Links-Politiker Yossi Beilin vom gesamten israelisch-jüdischen Establishment fast geteert und gefedert worden wäre? Er hatte ein Ende der «Bettel-Mentalität» gefordert und sprach sich dagegen aus, dass israelische Organisationen, der Staat eingeschlossen, in der ganzen Welt Geldmittel mobilisieren. Abgelöst werden sollte diese Mentalität durch geschäftlich motivierte Investitionen. Die Vorwürfe, die Beilin einstecken musste, reichten von politisch motiviertem Opportunismus bis zur Unterminierung von Wirtschaft und Gesellschaft des jüdischen Staates.

Bewahrung. Inzwischen scheinen die Prioritäten sich grundlegend gewandelt zu haben. Zu diesem Schluss gelangte zumindest Anfang der Woche, wer die Ausführungen von Premier Ehud Olmert vor dem Board of Governor der Jewish Agency in Jerusalem aufmerksam verfolgte. Olmert verlangte nämlich nicht mehr und nicht weniger als eine «dramatische Veränderung in den finanziellen Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora». Wörtlich sagte er: «Die Situation, in welcher Diaspora-Juden die Philantropen sind, und Israel der Empfänger ist, kann nicht andauern.» In den letzten 60 Jahren hätte die Diaspora Israel gestärkt und gefördert, und für die kommenden sechs Jahrzehnte müsse Israel es auf sich nehmen, das jüdische Volk zu stärken. «Israel und die Juden der Diaspora müssen vereint sein, und zwar nicht nur in Erfolgen der Vergangenheit, sondern auch in der Bewahrung der Zukunft», sagte Olmert, der zudem eine tief greifende Überarbeitung der Organisations- und Verwaltungsstruktur der Agency forderte und schliesslich auch eine Änderung des Namens von «Jewish Agency für Israel» auf «Agency für Israel und das jüdische Volk».

Vision. Vielleicht war Olmerts Vorstoss nur ein weiterer Versuch, von seiner vermuteten Verwicklung in Bestechungsskandale abzulenken. Tatsache aber bleibt, dass begeisterte Sprecher der Agency den Premier für die «Visionen» lobten, die er in seiner «historischen Rede» vorgelegt habe. Tatsache ist sodann auch, dass Olmerts Idee grundsätzlich richtig ist. Sollte – was immer wahrscheinlicher wird – Olmerts politische Karriere sich mit raschen Schritten ihrem Ende nähern, dürfte sein Nachfolger, vorausgesetzt er ist ein Realpolitiker, das Konzept einer Neuordnung der Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora aufgreifen und in die Tat umsetzen. Langsam aber sicher scheinen israelische Politiker aller Richtungen zu begreifen, dass, wie die «Jerusalem Post» es formuliert, «die klassische zionistische Analyse aktualisiert werden muss, um die vor allem für Amerika (über zwei Drittel der jüdischen Diaspora) geltende Erfahrung der individualistischen Identität zu berücksichtigen». Anders ausgedrückt: Soll eine weltumspannende jüdische Gemeinschaft am Leben erhalten bleiben, müssen Israels Politiker sich mit der Diaspora via deren Werte und Erfahrungen auseinandersetzen. Umgekehrt gilt natürlich auch, dass die Diaspora die Werte, Ideale und Erfahrungen des jüdischen Staates sowie seine Bewohner anerkennen und berücksichtigen muss.

Erkenntnis. Jahre sind nutzlos verschwendet worden, doch jetzt spricht vieles dafür, dass die jüdischen Macher in- und ausserhalb Israels Yossi Beilins Erkenntnis allmählich adoptieren: Die Beziehung zwischen dem Mutterland und der Diaspora kann nur dann bilateral positive Synergien erzeugen, wenn das alte Modell der gönnerhaft spendenden Diaspora und eines Israels, das trotz ständiger hohler Hand die Nase nicht hoch genug halten konnte, endgültig über Bord geworfen wird. Beide Seiten sind aufeinander angewiesen, doch Erfolge und Fortschritte gibt es nur in einer ehrlichen, von Gleichberechtigung bestimmten Partnerschaft.