Von Unity nach Europa

July 4, 2008
Editorial von Andreas Mink

Einheit. Dass sich Barack Obama und Hillary Clinton eine Woche vor dem Nationalfeiertag am 4. Juli in dem kleinen Ort Unity trafen, um in den grünen Bergen von New Hampshire das Kriegsbeil zu begraben, wurde von vielen Beobachtern als «inszeniertes Spektakel», wenn nicht als «peinlich» abgetan: Der Ortsname bedeutet «Einheit», und so konnte es aus der Ferne durchaus als plump und banal erscheinen, dass die beiden ausgerechnet dort zum Schulterschluss antraten und ihre Anhänger aufriefen, vereint in den Kampf gegen John McCain und die Republikaner zu ziehen.

Entschlossenheit. Doch auf dem Sportplatz der kleinen Hauptschule von Unity kam der Gedanke, einer hohlen Inszenierung beizuwohen, gar nicht auf. Dort konnte tachles hoch motivierte Demokraten erleben, die sich kaum noch Gedanken über den langen Schlagabtausch zwischen Clinton und Obama machen. Sie nehmen ihrem Kandidaten auch überhaupt nicht übel, dass er sich jetzt zur politischen Mitte bewegt oder nicht mehr beabsichtigt, mit McCain über den Verzicht auf Spenden zur Finanzierung des Wahlkampfes zu reden. Nein: Die Anhänger und Aktivisten in Unity lesen Obamas Kurskorrekturen nicht als Ausdruck von Wankelmut oder Schwäche. Für sie wird täglich deutlicher, dass Obama die Entschlossenheit und die Härte mitbringt, die zu einem Sieg notwendig sind. Diesen Willen zum Erfolg hatten seine Vorgänger Al Gore und John Kerry schmerzlich vermissen lassen.

Ernsthaftigkeit. Gleichzeitig hatten gerade die Demokraten in New Hampshire ausgiebig Gelegenheit, Obama persönlich kennen zu lernen. Denn von Iowa abgesehen, halten sich Präsidentschaftskandidaten nirgendwo anders so ausgiebig auf wie im «Granitstaat». In Unity war wieder und wieder zu hören, wie stark Obama seine Parteifreunde in der direkten Begegnung beeindruckt. Randy Filiault, ein Geschäftsmann aus der Gegend von Unity, war während des Vietnamkrieges U-Boot-Fahrer. Er hatte 2004 für Kerry Veteranen mobilisiert und war erfreut, sehr frühzeitig von Obama zu hören: «Er kam hierher und hat sich mit mir und anderen Veteranen zusammengesetzt und uns ausgefragt. Obama sucht den Blickkontakt, er speisst Leute nicht mit Worthülsen ab wie so viele Politiker. Er hat unsere Sorgen ernst genommen und sich unsere Verbesserungsvorschläge für die Versorgung ehemaliger Soldaten zu eigen gemacht.» Filiault kann es nicht fassen, dass der Veteran McCain dieses Thema ignoriert. Schliesslich sind Veteranen in ihren Gemeinden angesehene Leute und werden gehört, wenn an der Tankstelle oder beim Friseur über die Kandidaten gesprochen wird.

Empathie. Obama legt eine Mischung aus persönlicher Anteilnahme und politischem Pragmatismus an den Tag, die viele Menschen in Unity unwiderstehlich fanden. Aus einer erzdemokratischen, irisch-amerikanischen Arbeiterfamilie stammend, erzählt Jeannie Sweeney, dass sie mit Obama seit ihrer ersten Begegnung Anfang 2007 einen Briefwechsel unterhält: «Neulich hat er meiner siebenjährigen Enkelin persönlich geschrieben. Sie hatte ihn gefragt, was das Wichtigste im Leben ist. Obama hat ihr geraten, im Wörterbuch ‹Empathie› nachzuschlagen.» In den kommenden Tagen wird Obama nach Europa und in den Nahen Osten reisen, um sich dort als «nächsten Präsidenten der USA» einzuführen. Wer ihn in Unity erlebt hat, wird das nicht als hohle Inszenierung abtun.