Von «Spiegel», «Stern» bis «Bild»

Von Vito Avantario, February 3, 2011
Früher war Hamburg die nette Grossstadt von nebenan. Heute ist die spröde Schönheit an der Elbe nicht nur Deutschlands Medienhauptstadt, sondern auch der Prahlhans der Nation.
Büroturm in der Hafen City Neuer Sitz des Spiegel-Verlags

Wer zum ersten mal in die Stadt an der Elbe kommt, könnte den Eindruck gewinnen, hier habe das Kapital den absoluten Sieg errungen: Auf der Aussenalster im Zentrum gleiten adrette Jollen über kleine Wellen vor der weiss getünchten Villenkulisse und geben der Hansestadt die Anmutung eines Heims für reiche Pensionäre. Weiter südlich expandiert der Containerhafen unaufhaltsam. Die Stadtoberen wollen die Anlagen in das Gebiet um den Stadtteil Moorburg hinein erweitern. Kapazitäten sind gefragt, denn die Logistikunternehmen verzeichnen nach dem Finanzcrash wieder zweistellige Zuwachsraten. Allerorten entstehen neue, gläserne Prachtbauten. Seit einigen Jahren wird die Entwicklung der Elbmetropole nach dem Konzept der «wachsenden Stadt» ausgerichtet. So nennt die Politik ihre Vision für Hamburg: mehr Raum, mehr Menschen, mehr Wirtschaftskraft. Sie will Hamburg im Konkurrenzkampf der Welt-Metropolen als Marke neu aufstellen.
Mitten im Herzen der nordischen Schönheit mit dem spröden Charme und den grossen Ambitionen hat die Medienbranche seit Jahrzehnten ihren Platz: Unterhalb des alten Stadtkerns an der Elbe konzentriert, ist sie der viertgrösste Arbeitgeber sowie der drittgrösste Umsatzträger der Stadt. Insgesamt haben 21000 Medien- und IT-Unternehmen ihren Sitz in Hamburg. Die 70 000 Beschäftigten erwirtschafteten 2009 einen Jahresumsatz von
25 Milliarden Euro. «Hamburg ist die Medienhauptstadt Deutschlands», sagt der Medienmanager Robin Houcken, Geschäftsführer der Produktionsfirma Studio Hamburg. Die Hamburger Grossverlage halten fast 50 Prozent der Marktanteile der deutschen Publikumspresse. Die international renommierteste unter ihnen ist «Der Spiegel». Wie viele andere Hamburger Medienhäuser wurde auch das Nachrichtenmagazin von einer patriarchalischen Gründerfigur geführt, dem 2002 verstorbenen Rudolf Augstein.

Ambitioniertes Projekt

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm Augstein als 23-Jähriger auf Anregung britischer Besatzungsoffiziere zusammen mit dem Fotografen Roman Stempka und dem Redaktor Gerhard R. Barsch in Hannover die Zeitschrift «Diese Woche» von der Militärverwaltung. Zu den Offizieren zählten neben dem Panzermajor John Chaloner die Stabfeldwebel Henry Ormond und Harry Bohrer, zwei vor den Nazis nach England geflohene deutsche Juden. Sie hatten «Diese Woche» gemeinsam mit Augstein als Lizenzzeitung nach dem Vorbild der britischen «News Review» und des amerikanischen «Time Magazine» entwickelt. 1952 verlegte der Spiegel-Verlag seinen Sitz von Hannover nach Hamburg. Im gleichen Haus erscheinen heute das «Manager Magazin» sowie «Spiegel Online» und «Spiegel TV».
Herausgegeben von Altkanzler Helmut Schmidt, sitzt die überregionale Wochenzeitung «Die Zeit» samt ihrer Online-Ausgabe seit der Gründung 1946 in Hamburg. Dies gilt auch für Europas grösstes Druck- und Verlagshaus, Gruner & Jahr. Das 1965 von John Jahr senior, Gerd Bucerius und Richard Gruner in Hamburg gegründete Unternehmen betreibt inzwischen rund 500 Print- und Onlinemedien weltweit, darunter auch die Cashcow «Stern». Das Wochenmagazin erzielte in Spitzenjahren fast die Hälfte aller Verlagsumsätze des in Hafennähe ansässigen Konzerns.
Nur 100 Meter Luftlinie von der Gruner & Jahr-Zentrale am Baumwall entfernt, lässt der Oberbaudirektor im ehemaligen Freihafen auf einem Areal von 155 Hektaren zwischen Speicherstadt und der Veddel die sogenannte Hafen City errichten, einen Stadtteil, der das Zentrum mit den südlichen Gebieten Hamburgs verbinden wird. Es ist das zurzeit ambitionierteste Stadtentwicklungsprojekt Europas. Lange Zeit leistete sich die Stadt nur
einige Kirchtürme als architektonische Wahrzeichen. Noch weit bis in die neunziger Jahre hinein glich Hamburg dem Deutschland der Fernsehtürme, der internationalen Gartenausstellungen, der nicht betretbaren Grünflächen und kontrollierten Gemütsäusserungen in der Architektur. Heute tummeln sich zwischen Elbe und Alster Spitzenarchitekten wie Rem Koolhas, Meinhard von Gerkan, Zaha Hadid und Hadi Teherani. Ihre spektakulären Kreationen wirken inmitten der traditionellen, funktionalen Hamburger Backsteinbauten wie Designer-Juwelen. 2026 soll die Hafen City fertiggestellt sein. Die Spiegel-Gruppe will dort noch in diesem Jahr ihren neuen, verglasten Büroturm beziehen. Mit Henryk Broder wird einer ihrer bisherigen Starautoren den Schritt über die Elbe jedoch nicht mittun. Der 1946 in Kattowitz in eine jüdisch-polnische Familie geborene Journalist gilt als eine der meinungsstärksten, aber auch streitbarsten Figuren des deutschen Journalismus. In seinen Texten befasst er sich immer wieder scharfzüngig mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis. Er prangert den linken Antisemitismus an oder kritisiert die Nähe der deutschen Wirtschaft zu Iran. Mit befreundeten Autoren betreibt er einen Blog mit dem einprägsamen Titel «Die Achse des Guten» (www.achgut.com), der monatlich bis zu zwei Millionen Zugriffe verbucht. Mit dem ägyptischen Muslim Hamed Abdel-Samad hat Broder zuletzt das Buch «Entweder Broder – Die Deutschland-Safari» verfasst. Gemeinsam haben die Autoren Deutschland im Auto durchgekreuzt, um den aktuellen Seelenzustand des Landes zu kartografieren.

Unsichere Medienbranche

Anfang dieses Jahres ist Broder vom Spiegel zu der Zeitungsgruppe «Die Welt» aus dem Hause eines anderen Hamburger Medienpatriarchen gewechselt, Axel Springer. Als einziges Medienunternehmen Deutschlands hat sich der Springer-Verlag eine eigene Verfassung gegeben. Die fünf darin formulierten Grundsätze legen die publizistische Ausrichtung des Hauses fest. Dazu zählt «Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.» Das 1946 in Hamburg gegründete Verlagshaus ist Heimat des Boulevardblatts «Bild». Mit einer Auflage von rund drei Millionen Exemplaren und täglich 12,5 Millionen Lesern ist «Bild» Europas grösste Tageszeitung. Im Jahr 2008 wurde die «Bild»-Redaktion symbolträchtig von Hamburg in die neue, alte Hauptstadt Berlin verlagert – dem alten deutschen Pressezentrum.
1931 gab es in der deutschen Hauptstadt 47 Tageszeitungen, 33 Stadtteilzeitungen und 50 Wochenzeitungen. Berlin war das Mekka der deutschen Modefotografie. Auch viele nationale und internationale Bildagenturen hatten damals ihre Dependancen in Berlin. Nach der Teilung der Hauptstadt entwickelte sich Hamburg in den fünfziger und sechziger Jahren zunehmend mit einer Reihe von neu gegründeten Zeitungen, Zeitschriften, Nachrichtenagenturen und Fernseh- und Rundfunkanstalten zum neuen Zentrum für die deutsche Presse. Hamburg ist heute auch Hauptsitz des Norddeutschen Rundfunks, der seine Verwaltung und seine Hörfunkredaktionen in der Nähe des alten jüdischen Viertels im wohlhabenden Hamburg-Harvestehude hat.
Das ärmste Quartier Hamburgs, das Rotlichtviertel St. Pauli, ist dagegen eines der kreativen Zentren der Stadt. Musiker, Maler, Werber, Schriftsteller – und viele freie Journalisten – leben hier. Seit Beginn der einschneidenden Medienkrise vor zehn Jahren hat sich ihre Lage erheblich verschlechtert. Die gesunkenen Werbeeinnahmen der Konzerne führten zu einem rigorosen Stellenabbau in den Redaktionen. In den Jahren 2000 bis 2003 verzehnfachte sich die Zahl der arbeitslosen Journalisten in Deutschland auf rund 9000. Hamburg als Medienhauptstadt war extrem von der Krise betroffen. Infolgedessen werden bis heute feste Anstellungen selten vergeben, obwohl sich die Medienwirtschaft inzwischen erholt hat. Oft müssen sich Journalisten mit befristeten Verträgen zufriedengeben. Zunehmend drängen junge, freie Journalisten deshalb in den Markt und konkurrieren um Geschichten – und Honorare, deren Niveaus in den letzten Jahren stetig gesunken sind.

Bunte Zeitungslandschaft

Trotz der schwierigen Umstände der letzten Jahre haben sich nicht weit von St. Pauli und der Hafen City eine Reihe ambitionierter Kleinverlage neben den Medienkonzernen etabliert. Der beste, weil stilprägende Newcomer der letzten Jahrzehnte ist die 1999 gegründete Wirtschaftszeitschrift «brand eins». Vor allem das aufs Wesentliche reduzierte Design des Heftes von Mike Meiré ist vielfach prämiert worden. Am Fischmarkt residiert das kritische, international ausgezeichnete und werbefreie «Greenpeace Magazin», das sich Umweltaspekten widmet. In der Speicherstadt hat der Mareverlag seinen Sitz. Er gibt seit 1997 die vielfach ausgezeichnete Kulturzeitschrift «mare» heraus. In der Nachbarschaft erscheint mit «Hinz & Kunzt» die auflagenstärkste Strassen- und Obdachlosenzeitung Deutschlands. Zudem existieren seit Jahrzehnten verschiedene Stadtmagazine wie «Oxmox», «Prinz», «Szene Hamburg» und «Der Hamburger» in friedlicher Koexistenz nebeneinander. Doch die frei zugänglichen Onlinemedien erschweren kostenintensiveren Presseprodukten das Überleben zusehends. Rund 2000 Multimediaunternehmen gibt es inzwischen in Hamburg.
Wie gesagt, wer zum ersten Mal nach Hamburg kommt, könnte den Eindruck gewinnen, hier habe das Kapital den absoluten Sieg errungen: In den neunziger Jahren war Hamburg nämlich noch die nette Stadt von nebenan. Doch heute sehen Beobachter wie der freie Journalist Christoph Twickel Hamburg von einem Ausverkauf der gewachsenen Stadtlandschaft bedroht. Er berichtet für «Spiegel Online» über die Gentrifizierung in der Stadt und hat gerade ein Buch darüber geschrieben (Christoph Twickel: «Gentrifidingsbums – Oder eine Stadt für alle», Edition Nautilus). Darin hält der Autor fest, dass die besten, weil zentralen Lagen wie das ehemalige Arbeiterquartier St. Pauli an Investoren verkauft werden. Besserverdienende, die es vor Jahrzehnten noch vorzogen, ein Eigenheim am Stadtrand zu bauen, ziehen zunehmend wieder ins Hamburger Zentrum. Alleinerziehende, Rentner, Sozialhilfeempfänger, Studenten werden dagegen laut Twickel an die Stadtränder gedrückt – dort stehen schon die neuen Kieze bereit: Es sind die Veddel, Rothenburgsort und der alte Kattwickhafen, alles traditionelle Arbeiter- und Einwandererquartiere. Doch neben anderen «Randgruppen» hat auch die Kunstszene dort schon erste Wurzeln geschlagen.    ●

Vito Avantario ist Journalist und Buchautor aus Hamburg. Seine Texte  sind erschienen in «Greenpeace Magazin», «Stern», «Financial Times Deutschland», «Spiegel Online», «Du» (Schweiz) und «Monocle» (England).