Von Shylock bis Bech

December 7, 2009

Jüdische Charaktere im Werk nichtjüdischer Autoren: Das Thema muss den Rahmen einer Monatszeitschrift sprengen. So steht vor William Shakespeares «Kaufmann von Venedig» und seinem Shylock «Der Jude von Malta» – Christopher Marlowes Schauerstück aus den Jahr 1592 mit dem durch und durch finsteren Protagonisten Barabas. Im Gegensatz dazu bleibt Shylock eine wesentlich reizvollere Figur. Gerade weil er ungleich komplexer als der geradezu bizarr üble Barabas ist, treibt Shylock bis heute nicht nur Theatermacher und prominente Schauspieler wie Al Pacino um, der den venezianischen Geldverleiher im Jahr 2004 für das Kino verkörpert hat. Wie auf den folgenden Seiten zu lesen ist, fordert Shylock wie vermutlich keine andere Figur Shakespeares bis heute auch die Literaturwissenschaftler heraus. So hat der an der Rochester University im Nordwesten des Staates New York lehrende Shakespeare-Experte Kenneth Gross jüngst die These aufgestellt, dass der Dichter als gesellschaftlicher Aussenseiter quasi in Shylock hineingeschlüpft ist und aus ihm spricht. Gross hat damit in den USA ein weites, durchweg positives Ec ho ausgelöst. Er hat für diese Ausgabe einige Passagen seines Buches zusammengestellt, um seine zugegebenermassen waghalsige These zu präsentieren.

Am anderen Extrem des Genres dürfte die Figur des jüdischen Schriftstellers Harry Bech stehen, den John Updike 1971 in einer ersten Sammlung von Kurzgeschichten eingeführt hat. Dieser folgten bis 1988 zwei weitere Bände. Waren jüdische Charaktere seit Shylock Aussenseiter und «Chiffren des Fremden» – wie Katja Behling mit Blick auf das Werk von Thomas Mann schreibt –, so spricht aus Updikes Imagination eine Mischung aus Neid und Respekt: Seit den fünfziger Jahren hatten jüdische Autoren in der amerikanischen Literatur eine derart dominante Stellung erreicht, dass sie zum «Mainstream» geworden waren, dem gegenüber sich Updike als Aussenseiter empfand. Der Chronist des angelsächsischen Bürgertums wollte sich diesem Mainstream mit seinem Bech über Umwege anschliessen, die trotz Updikes unbestrittener Könnerschaft streckenweise in die Untiefen sattsam bekannter Klischees führen.

So bleibt auch bei Updike und damit in unseren Tagen zwischen Juden und Christen eine literarische Kluft. Wie der Literaturwissenschaftler Ehrhard Bahr in seinem Essay über aus Nazi-Deutschland vertriebene Autoren und Intellektuelle in Kalifornien herausarbeitet, begriffen sich diese jedoch in erster Linie als Deutsche und nicht als Juden, Katholiken oder Protestanten. Damit brechen laut Bahr im Werk eines Döblin, Werfel oder Brecht Facetten auf, die unseren thematischen Ansatz zu sprengen drohen. Bahr lebt und arbeitet seit 1962 in Los Angeles, er hat mit «Weimar am Pazifik» grundlegend über das deutsche Exil an der Westküste geschrieben. Sein Beitrag kann hier aus technischen Gründen nur in einer gekürzten Form erscheinen, ist jedoch komplett auf unserer Website www.aufbau.eu zu finden.

Bahr hat jüngst ein Essay zu dem von Randol Schoenberg edierten Band «Apropos Doktor Faustus» verfasst, das einen legendären Disput im «pazifischen Weimar» untersucht und dokumentiert: Der Komponist Arnold Schönberg zog gegen Thomas Mann ins Feld, dessen Protagonist Adrian Leverkühn sich schöpferisch an der Schönbergschen Zwölftonmusik orientiert. Wie der Musikwissenschaftler Bernhold Schmid eindringlich schildert, fühlte sich Schönberg von Mann karikiert und er warf dem «Zauberer» geistigen Diebstahl vor. Hier tritt die etwa von Schönberg selbst bei anderer Gelegenheit so eindringlich gestellte «jüdische Frage» völlig in den Hintergrund. Dafür schieben sich Fragen in das Rampenlicht, die Schriftsteller jeder Herkunft seit jeher zutiefst bewegt haben: die nach Urheberschaft und Nachruhm.